Timo Al-Farooq

Freelance journalist & Area Studies Expert, Berlin

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Die Widerwärtigkeit von White Privilege

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Weißes Privileg ist furchtbar. Wie furchtbar, das durfte ich kürzlich auf dem Dating-Profil einer gewissen Linda, 36 erfahren. Meine kritische Kontaktaufnahme im Original

Auf dem Online-Dating Profil einer gewissen Linda aus Berlin (36, liberal, hat eine Uni besucht, raucht nie, trinkt manchmal, nimmt keine Drogen, möchte Kinder) befinden sich folgende zwei Poserfotos, die ich aus urheber- und datenschutzrechtlichen Gründen hier leider nicht veröffentlichen kann: Auf dem ersten steht besagte Linda (weiß, blond, lange leicht gewellte Haare, schlank, sehr attraktiv) grinsend auf einer ungepflasterten Straße eines afrikanischen Armenviertels, neben ihr ein großgewachsener schwarzer Mann in schwarzem Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, der ernst und etwas gezwungen in die Kamera schaut (er hat, wenn ich es richtig erkenne, sogar Handschuhe an und sieht aus wie ein uniformierter Fahrer eines Limousinenservices, was ich aber nicht verifizieren kann).


Auf Lindas zweitem Foto steht sie im gestriegelten Bundeswehrparka in Flecktarn und in hochgekrempelter Bluejeans und weißen Sneakern in irgendeinem Wald, Hände in den Taschen, wieder unschuldig und nonchalant in die Kamera lächelnd, das Grinsen diesmal breiter als vorher. Nachdem ich diese beiden Fotos gesehen habe, schrieb ich der jungen Dame, die sich als „intense, fast, energetic, trustful, loyal, sensitiv[e], thinking and doing, activ[e], adventured" beschreibt und die bei der von der Dating-Site voreingestellten Frage, was sie gerade mit ihrem Leben macht, mit „Writing, reporting, exploring, thinking" geantwortet hat, die folgende Nachricht: Linda selbst, die leicht zugewandt zu dem Mann steht, jedoch mit einem gewissen Abstand, der auch eher auf ein Dienstleistungsverhältnis zwischen den beiden hindeutet als auf ein freundschaftliches, trägt schwarze Ballerinas, schwarze Leggins und eine lange knallorangene Bluse ohne Ärmel; in ihren Haaren klemmt eine Sonnenbrille, von der Schulter hängt lässig ein dunkler Stoffbeutel mit dem Logo eines Berliner Elektro-Plattenlabels, das Hauptstadthipster-Accessoire schlechthin. Im unmittelbaren Bildhintergrund sieht man niedrige Reihenbehausungen aus Bretterverschlägen und Wellblechdächern, vor einer der Behausungen steht zwischen Benzinkanistern ein kleiner Junge in hellblauem Boubou und schaut in Richtung Kamera.

Liebe Linda,


wie kann jemand, der so sympathisch aussieht, nach eigener Aussage studiert hat, „sensitive " ist und zweimal das Wort „thinking " in ihrer Selbstbeschreibung hat, so unsensibel und unbedacht sein? Findest Du es etwa witzig, für Deinen Drang nach Selbstdarstellung schwarze Menschen zu instrumentalisieren, sowohl den Herrn neben Dir als auch das Kind im Bildhintergrund (sowie alle nicht auf dem Foto zu sehenden Menschen, die in den Behausungen hinter Dir leben mögen)? Dein slumtouristisches Poserfoto in bester kolonialer und orientalistischer Manier geht gar nicht und ist eine Beleidigung für jeden Person of Color, mich eingeschlossen. Völkerschau 2.0 würde ich sagen.

Ist das, was heutzutage als liberal durchgeht, wie du dich ja auf deinem Profil selbst einordnest?

Und hast Du eigentlich mal das Vergnügen gehabt, einen bewaffneten Konflikt oder gar einen Krieg mitzuerleben? Falls nein, täte Dir das vielleicht mal ganz gut: dann würdest Du womöglich reflektierter in Deiner militarismusverherrlichenden Klamottenwahl und sensibilisierter für die Lebensrealitäten anderer sein, die Konflikt und Krieg tatsächlich am eigenen Leib erfahren haben und auf diese Erfahrung bestimmt gerne verzichtet hätten. Mir fällt da grad der perfekte Hashtag ein: #camouflagehipsternachsyrienschicken.

Du solltest Dich echt schämen für die beiden Fotos bzw. für deren Auswahl, sie sind geradezu exemplarisch für den Narzissmus und die rücksichtslose Nonchalance und Destruktivität von White Privilege.

Schade, sahst echt nach 'ner Netten aus, hätte mich gerne mit Dir auf'n Kaffee getroffen.


Mit den besten Grüßen,


Timo

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