Tim Farin

Redakteur, freier Journalist, Köln

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Kolumne

Ausgerechnet vor Weihnachten


Ausgerechnet jetzt musste das passieren. Da hat das Schicksal mir wohl einen Wink geben wollen. Als ich noch nach Alternativen zu dieser Marotte suchte, bekam ich bei einem Sportereignis die volle Dröhnung. Nach dem Heimspiel meines geliebten 1. FC Köln war klar: Das Thema bleibt, denn es brennt umso mehr. Ausgerechnet gegen Hertha BSC, den bis dahin auswärts noch sieglosen Klub aus Berlin, verlor mein Team im heimischen Stadion.

Warum ausgerechnet gegen die?

Manch’ kundiger Sportreporter schmunzelt jetzt, ironisch geht ihm das Wort über die Lippen. Doch vielleicht macht er genauso weiter mit dem A-Wort wie die meisten Kollegen ironiefrei nach Schnauze.

Ist ja auch viel, was ausgerechnet passierte beim Spiel 1. FC Köln gegen Hertha BSC. „Herthas erster Auswärtssieg — ausgerechnet beim FC“ (Kölner Wochenspiegel); „Nach seinem Debüt bei der Nationalmannschaft gegen Gibraltar patzte ausgerechnet Jonas Hector beim ersten Gegentor“ (Express.de); „Doch ausgerechnet der Kölner Torjäger [Anthony Ujah, hatte vorher ein Tor geschossen und fast das zweite erzielt, Redaktion] lenkte in der 86. Minute einen Freistoß von Marcel Ndjeng unhaltbar ins eigene Tor ab“ (Express.de); aber damit nicht genug. Spieler Ndjeng war auch dabei: „Seine fast permanente Zusammenarbeit mit Luhukay [dem Hertha-Trainer, Redaktion] begann ausgerechnet beim 1. FC Köln“ (Sport.de). Ist das nicht alles total unglaublich?
In meinem Archiv fand ich ein besonders schönes Beispiel von „ausgerechnet“: „Ausgerechnet am Karnevalswochenende gastiert der 1. FC Köln beim FC Erzgebirge Aue“, schrieb eine Kollegin im Kölner Stadt-Anzeiger. Zwar bleibt der Zusammenhang zwischen einem Auswärtsspiel und Karneval recht schleierhaft, aber die Vokabel richtet das schon. Deswegen wird sie auch außerhalb des Sportressorts ewig blühen, als Ausdruck für uns alle, wenn wir mal wieder Zusammenhänge sehen, sich unsere Erwartungen erfüllen — oder gerade nicht. Also immer!
Liebe Leserinnen und Leser, stoßen auch Sie immer wieder auf die gleichen sprachlichen Marotten? Welche nervt oder erheitert Sie besonders? Schicken Sie uns Beispiele! newsletter@abzv.de