Tim Farin

Redakteur, freier Journalist, Köln

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Artikel

Älter werden mit Gerhart Baum: „Ich merke, dass ich verwundbar bin"

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Gerhart Baum nimmt auch mit 81 Jahren noch aktiv am politischen Leben teil. Das Alter dürfe man nicht verschenken, findet er. In unserer Serie erzählt er vom Älterwerden und was es ihm bedeutet, von seiner Frau als Lebenselixier und Gedanken an das Ende. Von Tim Farin

Besuch bei Bundesinnenminister a.D. Gerhart Baum. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf Ubierring und Rheinauhafen. Für diese Zeitung ist ein Gespräch übers Altern vereinbart, doch gerade geht es hektisch zu. Der Europäische Gerichtshof hat die Vorratsdatenspeicherung für ungültig erklärt. Ein Sieg auch für Baum, den er kommentieren möchte. Der Reporter muss warten. Baum telefoniert mit einem Online-Portal, sendet ein Fax. Wartet, bis es durch ist. Dann setzt er sich an den Holztisch im Wohnzimmer. „So, jetzt können wir." Sie haben eben gesagt, Sie müssten eine Mitteilung verschicken. Warum das Wort „muss"?

Weil ich vor dem Bundesverfassungsgericht einer der Beschwerdeführer gegen die anlasslose Speicherung von Kommunikationsdaten aller Bürger war. Jetzt fordere ich den Justizminister auf, kein deutsches Gesetz auf den Weg zu bringen. Es gibt keine verbindliche europäische Vorgabe mehr. Frau Leutheusser-Schnarrenberger lag absolut richtig mit ihrer Weigerung, die Vorratsdatenspeicherung umzusetzen.

Wir wollen ja übers Altern reden. Deshalb eine Vermutung: Das „Muss" ist weniger äußere Verpflichtung als innerer Antrieb Ihres Lebens.

Ja, das stimmt. Ich war mein Leben lang politisch engagiert. Mein höchstes Ziel war und ist, dass wir unser Grundgesetz wirklich leben. Deshalb war ich in den 70er Jahren ein überzeugter Reformliberaler und trete bis heute auf den Plan, wenn Bürgerrechte ohne Not einem übersteigerten Sicherheitsdenken geopfert werden. Die Spannung zwischen Bürger- und Menschenrechten auf der einen und dem Ziel der Sicherheit auf der anderen Seite hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Heute kämpfe ich gegen die massiven Gefährdungen der Menschenwürde durch den Datenmissbrauch im Rahmen der fortschreitenden IT-Revolution. Daten sind Macht. Der Staat, aber auch private Unternehmen üben Macht aus über unsere vom Grundgesetz geschützte Privatheit.

Wir werden noch dreimal unterbrochen. Baum faxt an die Deutsche Presse-Agentur. Spricht mit dem Deutschlandradio. Er versichert, dass es nicht immer so zugeht. Aber es ist eindrücklich: Dieser 81 Jahre alte Mann lebt intensiv in der Gegenwart. Dann aber lässt er sich ein und erzählt, was Älterwerden in seinem Leben bedeutet.

Mein Leben war immer geprägt von politischem Engagement. Ich war im Kölner Stadtrat, im Bundestag, in der Bundesregierung, und nach dem Ausscheiden aus dem Parlament war ich für Deutschland und die Vereinten Nationen in Sachen Menschenrechte aktiv. Ich arbeitete auch wieder als Anwalt.

Parteipolitisch kritisierte ich immer stärker die Westerwelle-FDP, deren Kurs schließlich ja auch zu ihrem Niedergang führte. Heute unterstütze ich Christian Lindner, der eine Liberalität vertritt, wie ich sie mir vorstelle. Das Dasein im sogenannten Ruhestand ist mir mitunter nicht leicht gefallen. Aber man muss loslassen können. Die Jüngeren haben die Verantwortung. Kulturpolitik ist ein weiteres wichtiges Thema für mich. Ich kämpfe dafür, dass die Kultur erträgliche Rahmenbedingungen hat. Eine Gesellschaft verdorrt ohne Impulse, die von der Kunst ausgehen. So verstehe ich beispielsweise meine Aufgabe als Vorsitzender des Kulturrats NRW und als Förderer bei dem Projekt „New Talents", das jetzt in Kürze zum dritten Mal in Köln stattfindet. Gemeinsam haben meine Frau Renate und ich eine kleine Stiftung zur Förderung von Kultur ins Leben gerufen.

Meine Frau ist mein Lebenselixier

Kraft finde ich immer wieder in unserer Partnerschaft. Meine Frau ist mein Lebenselixier. Wir setzen uns auseinander, fordern einander aber auch. Wir haben viele gemeinsame Interessen - neben der Politik vor allem in der Kultur. Insbesondere hat meine Frau mein Interesse an zeitgenössischer Musik geweckt. Wir nehmen am kulturellen Leben in Köln und anderen Orten teil. Wir reisen gern. Ich kann sagen: Wir führen ein rundherum erfülltes Leben. Bewusst haben wir uns für eine Wohnung mitten in der Kölner Südstadt entschieden und wollen hier bleiben. Eine Seniorenresidenz kommt für uns nicht in Frage.

Es gibt drei Orte, die für mich besonders wichtig sind. Vor allem Köln, wo ich seit 1950 lebe, seit der Wiedervereinigung meine Heimatstadt Dresden, und inzwischen auch Berlin. Dresden für mich ist ein Ort der Erinnerung. Ich war zwölf, als ich 1945 den Feuersturm überlebte. Heute ist Dresden für mich aber auch ein Ort für neue Aktivitäten und Freundschaften. Nach dem Krieg kam ich mit meiner Mutter und meinen zwei kleinen Geschwistern in das düstere, zerstörte Köln. Das war kein leichter Start für uns als Flüchtlinge. Mein Vater kam aus dem Krieg nicht zurück. Deshalb musste ich schon früh meiner Mutter beim Aufbau einer Existenz helfen.

Nachkriegsgeschichte

Manchmal merke ich, dass ich aus einer anderen Zeit komme. Ich erlebe, dass viele junge Menschen kein Bewusstsein mehr für die Nachkriegsgeschichte unseres Landes haben. Dennoch glaube ich, dass viele meiner Überzeugungen kein Auslaufmodelle sind. Ein Beispiel ist meine Kritik am sorglosen Umgang junger Menschen mit ihren Daten. Ich glaube, dass es für viele ein böses Erwachen geben wird. Wenn Sie jetzt sagen: „Das sagt Gerhart Baum, ein Auslaufmodell der alten Politik", dann müssten Sie hinzufügen: „Das Grundgesetz ist ein Auslaufmodell". Denn es setzt ganz auf das sittliche Prinzip der Menschenwürde, also auch auf den Schutz der Privatheit.

Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich bestimmte Sachverhalte nur noch selektiv wahrnehmen möchte, auch wenn ich Zeitung lese. Das sind immerhin jeden Tag zuerst der „Kölner Stadt-Anzeiger" und die „Kölnische Rundschau", dann die „Frankfurter Allgemeine Zeitung", die „Süddeutsche Zeitung", manchmal die „Taz", einmal pro Woche den „Spiegel" und die „Zeit". Aber mich treibt die Neugier, und der Griff zu den Zeitungen am Morgen gehört zu den wichtigsten Abläufen in meinem Tag. Auch wenn sich vieles wiederholt, manchmal auf lächerliche Weise. Vieles, was im Moment enorme Aufmerksamkeit findet, ist in Kürze vergessen. Ich vermisse vielfach eine Diskussion, die den Dingen auf den Grund geht.

Stressfrei Leben

Im Übrigen bemühe ich mich, stressfrei zu leben. Ich nehme nicht mehr den Zug um acht Uhr, sondern um neun. Ich bin rechtzeitig am Bahnhof. Ich will nicht getrieben sein. Ich sage nicht bei jeder Anfrage zu. Ich möchte keinen Druck mehr aufkommen lassen. Ich bin gern zu Hause, lese viel und höre gern Musik. Ich beschäftige mich mit Philosophie und Ideengeschichte, lese gerade Habermas und die Philosophen der Aufklärung, auf der unsere Werteordnung beruht, gegen die Putin zurzeit so massiv verstößt. Unser Europa ist ein gelungenes Projekt der der Aufklärung.

Krankheit gehört leider zum Altwerden. Das habe ich lange verdrängt. Erst wenn etwas passiert, ändert sich die Wahrnehmung. Das habe ich in Folge einer Herz-OP vor drei Jahren intensiv erfahren müssen. Ich habe gemerkt, dass ich verwundbar bin. Seither bin ich aufmerksamer mit mir und versuche, auch durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, Gefahren für den Körper zu umgehen.

Gedanken an das Ende

Mir wird immer mehr bewusst, dass mein Leben endlich ist. Zum Beispiel, wenn ich in der Bank über Anlagen rede und sich die Frage nach der Laufzeit stellt. Oder wenn ein Arzt vor einem Eingriff mit mir spricht und meine Lebenserwartung taxiert - nach dem Motto: Es lohnt sich - noch. Und natürlich denke ich an den Tod. Der Gedanke an das Ende begleitet mich immer mehr. Man darf ihm nur nicht Herrschaft einräumen über das Leben und man muss die Dinge rechtzeitig ordnen. Meinen politischen Nachlass werde ich an das Theodor-Heuss-Archiv geben. Ich empfinde das Altwerden nicht als Last. Für mich gilt nicht Shakespeares Zitat aus dem „Sturm": „Und mein Ende ist Verzweiflung", das sich Thomas Mann am Ende seines Lebens zu Eigen gemacht hatte. Das Alter ist eine Lebensphase, auf die man sich bewusst einstellen kann. Cicero hat gefordert, dass man das Alter nicht verschenken soll. Das tue ich sicherlich nicht. Ich lebe es so gut ich kann.

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