Tim Farin

Redakteur, freier Journalist, Köln

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Landwirtschaft und Berufsleben: Karrieretipps vom Bauernhof

Der fruehe bauer melkt die kuh
Haben Sie schon einmal Urlaub auf dem Bauernhof gemacht? Wenn nicht, dann sollten Sie darüber zum Wohle Ihrer beruflichen Zufriedenheit nachdenken. Wer ein paar Tage bei Landwirten verbringt und dort nicht nur ausspannt, sondern die Augen und Ohren offen hält, kann für die eigene Zukunft einiges mitnehmen. Ein paar Lektionen mit bewusst selektiver Wahrnehmung und der Betonung auf dem Positiven.


Setzen Sie auf Ernst statt auf Ironie und Zynismus!

Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Pferdestall und sagen Ihrer fünf Jahre alten Tochter, dass es auch mal gut ist mit dem Striegeln des Ponys. Es reichten ja auch 80 Prozent - das ist doch so ein geflügelter Satz aus vielen Unternehmen. Der Bauer kann das nicht unkommentiert lassen. „Das ist aber eine sehr schlechte Einstellung", würden Sie garantiert zu hören bekommen. Denn Landwirte entwickeln keine Distanz zu ihrer Arbeit, was in hierarchischen Konzernen oft anders aussieht. Platt formuliert: Bauern nehmen ihre Arbeit ernst. Etwa Markus Schwendenmann, 39 Jahre alt, aus Fischerbach im Schwarzwald, der Milchkühe, Forstwirtschaft und Tourismus zusammenbringt. „Wenn jemand sagt, dass ihn die Arbeit nervt oder er keine Motivation mehr verspürt, dann muss er den falschen Beruf haben", findet er schlicht.


Arbeiten Sie mit langfristigem Sinn!

Wie entsteht Identifikation mit dem eigenen Beruf? Schon sind wir bei der Sinnfrage. Regelmäßig tauchen in den Medien Karrieristen auf, die den Sinn ihrer Tätigkeit vollends hinterfragen und darüber in Krisen geraten. Sprechen Sie hingegen mit Bauern, dann sieht das zumeist anders aus. Denn ihre Arbeit wächst auf einem fruchtbaren Boden, der oft über Generationen gepflegt wurde - ihr Berufsleben ist geprägt von Werten und Einstellungen. Christian Rohlfing, 39 Jahre, betreibt konventionellen Ackerbau sowie einen Biobetrieb mit Fleischrindern in Mecklenburg-Vorpommern. Er spricht über das Fundament, das sein Großvater seinem Vater und sein Vater wiederum ihm weitergegeben habe. „Dazu gehört der schonende und rücksichtsvolle Umgang mit dem Boden", sagt Rohlfing.

Während viele Unternehmensabteilungen oft im Schatten einer Corporate-Mission vor sich hinwurschteln und nach Gewinnen hetzen, gehen die Bäuerinnen und Bauern ihrer Maloche auf der Grundlage dieser Überzeugungen nach. Thomas Fabry, 23 Jahre alt, ist gerade in den Beruf eingestiegen, betreibt gemeinsam mit dem Vater einen Hof mit Ackerbau, Forst und Schweinehaltung im Sauerland. Er steht fest zu dieser Wahl: „Wir sorgen über Generationen dafür, dass unsere Böden besser werden, mit Kalkung, Stroh- und Humuszufuhr. Das ist nicht nur praktisch, sondern gibt mir auch ein sehr positives Gefühl, einen Sinn." Das geht so weit, dass Fabry nach einem Sturm den Wald aufforstet, obwohl er ahnt, dass sich diese Arbeit zeit seines Lebens nicht auszahlen wird. Wer mit solchen Landwirten spricht, kann lernen: Es motiviert ungemein, wenn man seine Arbeit an langfristigen Zielen und Werten orientiert.


Vergessen Sie Work-Life-Balance!

„Wir haben keine Zeit zum Jammern." Milchbauer Schwendenmann lacht, als er das sagt, und er lebt mit Sicherheit kein sorgloses Leben - Stichwort Milchpreis. Eine Woche mit weniger als sechs Arbeitstagen gibt es nicht, 70 Stunden sind üblich. Doch das sind eben nur starre Werte, die nicht viel bedeuten und nicht den Blick auf die Arbeit bestimmen sollten. Es passt ins Bild, dass Landwirt Rohlfing aus dem Nordosten den Begriff „Work-Life-Balance" noch nie gehört hat - und er ist mit Sicherheit kein Hinterwäldler, wenn man sich die Ausrichtung seines Betriebes anschaut. Nachdem er die Erläuterung gehört hat, sagt er: „Wir leben mit dem Betrieb, deswegen müssen wir nichts in die Balance bringen. Wir sind glücklich, weil wir so arbeiten können. Aber natürlich habe ich auch im Blick, dass Zeit ist für meine Kinder, dass ich private Dinge erleben kann." Es ist eben die Frage, ob man einen schematischen Begriff wie Work-Life-Balance als Anspruch formuliert - oder genauer betrachtet, was die unternehmerische Arbeit den Bauern ermöglicht. Und da ist schon Erstaunliches zu beobachten.


Franziska Schmieg arbeitet in der Nachwuchswerbung beim Deutschen Bauernverband, sie kennt die Ergebnisse der wichtigen Studien über Jugendliche. „Sie wünschen sich interessante und erfüllende Tätigkeitsprofile, Flexibilität sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie und einen sicheren Arbeitsplatz", sagt Schmieg, „mit diesen Aspekten können wir in der Landwirtschaft punkten." Natürlich ist die Flexibilität für Arbeitnehmer eingeschränkt, man hängt an Regeln und Sitten des Unternehmens. Aber den konstanten Anspruch, die Gegenpole Leben und Arbeit auszutarieren, diesen Anspruch und diese Einstellung kann jeder Mensch für sich überdenken.


Akzeptieren Sie Routine!

Na, war’s bei Ihnen im letzten Monat nicht so spannend im Büro? Nur „Business as usual“? Sehen Sie sich da nicht schon auf dem Abstellgleis der Karriere und daher nach einer neuen Herausforderung um? Dann schauen Sie doch mal zu, wie Landwirte tagein, tagaus ihren Routineaufgaben nachgehen. „Es stört mich nicht, wenn ich morgens und abends die Kühe melke - im Gegenteil“, sagt Markus Schwendenmann. Vielmehr sei es „schön, entspannend und sinnvoll“, solche Standardaufgaben abzuhaken. Überhaupt kann es nicht schaden, auch im künstlichen Licht des Managerbüros zu akzeptieren, dass es natürliche Rhythmen gibt, dass nicht immer Aussaat- oder Erntezeit ist. Akzeptieren Sie einfach, dass es in Ihrem Berufsleben nicht nur Aufstieg gibt. Bauer Rohlfing sagt: „Da wir an den Lauf der Natur gebunden sind, haben wir auch einen schönen Wechsel aus sehr anstrengenden und eher entspannenden Phasen.“ Wenn weniger zu tun ist, rutscht er nicht in die Krise, sondern nimmt sich Zeit für die Familie oder gar für Gedanken, um seine Arbeit weiterzuentwickeln.


Übernehmen Sie Verantwortung!

Bauern sind selbständige Unternehmer - und damit in einer anderen Position als Manager, leitende Angestellte, Trainees und so weiter. Sie arbeiten relativ selbstbestimmt. „Als Bauer habe ich die Verantwortung, stehe an der Spitze, und alle anderen müssen mitziehen, die ganze Familie. Das bedeutet Druck, aber es ist vor allem schön, aus eigener Kraft so viel bewegen zu können und einen kompletten Betrieb zu steuern und zu prägen“, sagt Christian Rohlfing. Aber auch Menschen, die eine Gehaltsabrechnung bekommen, können sich davon etwas abschauen. Jeder kann versuchen, „den eigenen Hof“ im Unternehmen in den Griff zu bekommen und im eigenen Beritt das Geschehen zu prägen.

Es ist diese Einstellung, die auch der junge Bauer Thomas Fabry mitbringt, der noch 45 bis 48 Berufsjahre vor sich hat. Er weiß, dass die Landwirtschaft permanent Veränderungen durchlebt. Aber seine Haltung ist die des Akteurs: Er sieht den Wandel als Chance, „mich weiterzuentwickeln. Ich bin überzeugt, dass ich und mein Beruf gebraucht werden und dass ich meinen Betrieb so weiterentwickeln kann, dass er auch unter neuen Bedingungen eine gute Rolle spielt. Wir haben dafür als Landwirte sehr viel in der eigenen Hand.“ Was können Sie in die eigene Hand nehmen?


Achten Sie auf gute Arbeit!

In vielen Branchen gehört Blenden zum Geschäft, zumindest hört man das oft. Die Frage ist allerdings, ob man nicht auf ehrliche Arbeit statt auf Effekte setzen sollte, um Renommee zu erlangen und weiterzukommen; ob also eher der Inhalt vor dem Design der Karriere kommen sollte? Bauern können nicht im Meeting ein paar Impulse geben, eine brillante Ansprache halten und damit einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie müssen raus, früh bis spät, auf den Acker, in den Wald, auf die Weide. „Ich kann mich bei gutem Wetter nie zurücklehnen“, sagt Markus Schwendenmann. „Das mag zwar stressig klingen, aber ich mag die Einstellung: Die Futterernte ist nicht gut, wenn das Wetter passt, sondern erst dann, wenn ich sie eingeholt habe und sie in der Scheune lagert.“

Das kann man sich merken, denn für das eigene Glück und vielleicht auch die Wahrnehmung durch Förderer dürfte die erarbeitete Substanz wichtiger sein als ein großer Plan. Das bedeutet aber auch, dass man in einer Demut lebt, dass nicht allein Wachstum die erste Priorität ist, sondern auch gute Arbeit mit Prozessen, die langfristig tragen, und Produkten, die Kunden überzeugen.



Man kann es nicht anders sagen: Bauer, das ist ein Knochenjob, einer, bei dem der Einsatz hoch ist und das Ergebnis ungewiss. Es ist ein Beruf, findet der junge Thomas Fabry, bei dem man zunächst über Passion verfügen muss, um sich damit abzufinden, dass sich Erfolge nicht schnell einstellen. Man kann also auch feststellen: Seien Sie froh, wenn Sie es in Ihrem Beruf ein wenig bequemer haben als der Landwirt. Seien Sie froh, dass Sie zum Urlaub auf den Bauernhof fahren dürfen und nicht, um dort von früh bis spät zu schaffen. Aber nutzen Sie die Chance, um mit dem Landwirt ins Gespräch zu kommen. Sie könnten eine Menge für Ihr Berufsleben lernen.



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