Tim Farin

Redakteur, freier Journalist, Köln

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Interview

Jörg Jaksche über Blutdoping: "Angst hatte ich immer"

Dieses Interview erschien in der Fahrstil-Ausgabe Nr. 19, "Blut"


Herr Jaksche, welche Bedeutung hat Blut für den Radsport?


Blut ist einer der leistungsbeschreibenden und limitierenden Faktoren. Die roten Blutkörperchen haben die entscheidende Rolle, weil sie den Sauerstoff transportieren. Um Blutwerte dreht sich seit Jahrzehnten alles im Radsport.


Viele Menschen finden es unangenehm, wenn ihnen Blut abgenommen wird. Ging Ihnen das am Anfang Ihrer Karriere auch so?


Das war für mich nie ein größeres Problem. An regelmäßige Blutabnahmen habe ich mich schnell gewöhnt, wie an alles andere auch.


Wann begann in Ihrer Karriere die Arbeit mit Blutwerten?


Das ist lange her, das war schon zu Amateurzeiten. Beispielsweise war es ein fester Bestandteil bei Höhentrainingslagern, die Veränderung der Blutwerte zu messen. Wenn man Leistungssport betreibt, gehört diese Analyse früh dazu. Denn Blut sagt wahnsinnig viel über den Zustand des Athleten aus. Wie gut ist er trainiert? Wie müde ist er? Blut ist ein wichtiger und genauer Informationsgeber.


Sind Sie als Sportler selbst auch in diese Analyse eingestiegen und haben die Werte verstanden?


Als Radsportler wird man zwar kein Fachmann, aber man bekommt ein fortgeschrittenes medizinisches Laienwissen. Man lernt, damit zu arbeiten. Man weiß mit der Blutsenkung etwas anzufangen, kann die Entzündungsparameter der Muskulatur lesen. So weiß man, wo man sich körperlich befindet und was man verändern muss. Ein gutes Training geht mit einer permanenten Kontrolle der Blutwerte einher. Natürlich muss man sich auch mit Blut auskennen, wenn man dopt. Etwa wenn es darum geht, die Grenzwerte für Hämatokrit [Hämatokrit ist der Anteil roter Blutkörperchen am Gesamtvolumen des Blutes; liegt dieser Wert bei Radsportlern über 50 Prozent, werden sie gesperrt, Red.] nicht zu übertreffen. Über Blutwerte wird immer noch das Doping gesteuert.


Sie haben den Wert Hämatokrit angesprochen. Dieser Wert stand schon lange im Mittelpunkt, bevor Eigenblutdoping einzog. Man dopte sich mit Epo an den erlaubten Grenzwert, das Blut wurde „dicker“. Haben Sie die Kontrolle dieser Werte den Ärzten überlassen – oder haben Sie selbst Ihr Blut analysiert?


Hämatokrit kann man relativ einfach analysieren. Die nötigen Zentrifugen kosten wenige Hundert Euro. Ein Großteil der Fahrer hatte schon früh solche Geräte, ich auch. Es war ganz normal, sich permanent selbst Blut abzunehmen und diesen Wert zu kontrollieren. Dabei konnte man nicht viel falsch machen.


Für einen Außenstehenden klingt es noch immer komisch. Da muss man sich als Sportler mit dem Analysieren von Blut auskennen. Hat Sie das auch verstört – oder gehörte es einfach dazu?


Am Anfang habe ich mich vielleicht ein bisschen gewundert. Aber Doping war einer der Grundbestandteile des Sports damals. Natürlich dachte ich mir manchmal: Was mache ich hier? Es ist ja nicht gerade geil, immer wieder zum Blutmessen zu gehen. Aber ich wollte den Sport weiter betreiben. Es gab einen Systemdruck. Keiner hat gerne mitgemacht, aber jeder hat mitgemacht – und dadurch gab es das permanente Misstrauen. Es wäre bestimmt allen am liebsten gewesen, das Thema ad acta zu legen und nicht mehr mit Blutbeuteln über Grenzen zu reisen. Aber es ist das klassische Dilemma: Wer ist der erste, der aufhört? Hören dann wirklich alle auf?


Haben Sie damals mit Ihren Kollegen über Blutwerte gesprochen oder auch von Konkurrenten gewusst, welche Werte sie hatten?


Da gab es schon einiges an Informationen, denn natürlich haben wir miteinander geredet. Bei Teamwechseln habe ich einiges erfahren. Oder wenn man im Trainingslager auf Mallorca beispielsweise fünf, sechs Stunden nebeneinander fährt, dann bespricht man natürlich auch dieses Thema. So erfährt man einiges über die Werte im Peloton. Da müsste man sich schon die Ohren zuhalten, um nichts zu erfahren.


Nach der großen Epo-Dopingwelle [Epo, eigentlich Erythropoetin, ist ein Hormon, das zum Wachstum roter Blutkörperchen führt; bei dem bis dahin größten Dopingskandal der Tour de France, der Festina-Affäre, war Epo-Doping 1998 die Hauptmethode gewesen] in den Neunzigern kam im Radsport eine Innovation zum Tragen, bei der das Blut selbst zum Doping benutzt wurde: Eigenblutdoping mit Blutabnahmen und Re-Infusionen. Sie wurden von Eufemiano Fuentes darauf gebracht, jenem Arzt, der auch Jan Ullrich behandelte. Wie war das für Sie, hatten Sie Angst vor der Arbeit mit den Blutbeuteln?


Vor der Blutabnahme hatte ich keine Angst, Allerdings vor der Re-Infusion. Woher sollte ich damals wissen, was mit dem Blut in der Zwischenzeit geschah, wie es gelagert war? Ich wusste natürlich, dass es gefährlich sein kann, wenn Blutkonserven verderben. Bei Fuentes war es ein Problem, dass man nicht so genau wusste, auf welchem Trip er gerade war. Er war sehr umtriebig, und da konnte man schon Zweifel haben, ob alles im Detail ordentlich gemacht wurde. Es gab ja einige Fäll, die mich hellhörig machten, denn ich konnte natürlich eins und eins zusammenzählen: Man hörte von Problemen bei Fahrern. Da mussten logistische Fehler passiert sein. Mit einem halben Liter Blut ist so etwas aber alles andere als lustig.


Sie haben sich aber trotzdem für dieses Prozedere entschieden?


Natürlich habe ich die Entscheidung persönlich getroffen. Aber auf gewisse Weise wurde sie mir auch abgenommen, denn die Leute um mich herum – Teamchef Manolo Saiz und die anderen – haben mir schon gesagt, dass dieses Doping von mir erwartet wurde. Saiz sagte: Wir können nicht nur mit Epo dopen, denn die anderen machen jetzt was anderes – das wäre doch unfair. So wurde ich gewissermaßen angefixt.


Erinnern Sie sich an Ihre erste Blutabnahme für dieses Doping?


Ja, das war bei Fuentes zuhause auf Gran Canaria. Es war wie Blutspenden: Eine dicke Nadel an den Arm, dann läuft man aus. Unspektakulär.


Aber Sie wussten ja, das kommt wieder rein…


Ja, und da wurde es auch unangenehm. Denn Fuentes hat das Blut gerne noch gekühlt in den Arm fließen lassen. Er hatte einfach zu viele Leute, mit denen er arbeitete. Da hatte er kaum Zeit, das Blut aufzuwärmen. Ich habe teilweise zehn Grad kaltes Blut bekommen. Das ist für den Körper hart.


Was passiert dann?


Ihr Arm kühlt ab, Sie bekommen Angstzustände. Das ist kein gutes Gefühl.


Wo haben Sie das Blut denn re-infundiert bekommen?


Das war anfangs fast immer in Madrid, in der privaten Praxis von Fuentes.


Wie war das denn: Hatten Sie da Angst oder haben Sie sich gedacht, dass es schon irgendwie geht?


Angst hatte ich immer. Es war immer ein sehr unangenehmes Gefühl.


Gab es bei Ihnen auch Momente, als es hygienisch fragwürdig zuging oder etwas wirklich schief lief?


Nein, das nicht. Die Leute, mit denen Fuentes später auch an anderen Orten zusammenarbeitete, wo ich das Blut etwa während der Rennphasen bekam, das waren Ärzte. Die wirkten schon gewissermaßen verlässlich, auch der Arzt Markus Choina, der mir in Deutschland das Blut re-infundierte. Das hat schon alles funktioniert.


Bei einem Fahrer aus Spanien, Jesus Manzano, lief es allerdings schief. Er berichtete später, dass er 2003 beinahe gestorben sei an den Folgen fehlerhaften Blutdopings. Haben Sie das mitbekommen oder wurde das abgetan?


Klar haben wir das damals mitbekommen. Es gab Gerüchte. Und wir wussten ja, was wir selbst mit dem Blut machten. Solche Sachen haben uns dann natürlich nachdenklich gemacht. Jeder hat Angst um sein Leben, wenn man es in die Hand der Ärzte legt. Da stellte sich die Frage, ob das, was wir machten, so astrein war.


Hatten Sie Vertrauen in Ihre Ärzte?


Das eher nicht.


Hat Sie die Not getrieben?


Ja.


Es gab mehrere Missgeschicke, das ist spätestens seit Tyler Hamiltons Buch bekannt. Bei ihm führte ein Fehler im Umgang mit dem Blut zu schwerem Fieber und schwerem Kopfschmerz. Er beschrieb, er habe schwarzen Urin ausgeschieden. Sie bekamen solche Sachen ja mit. Haben Sie da nicht ans Aussteigen gedacht?


Ich wäre natürlich gern ohne Doping gefahren, wie wohl die meisten. Mir wäre recht gewesen, wenn Bluttransfusionen nachgewiesen worden wären, dann hätte sich diese Praxis erübrigt. Aufhören mit dem Radsport war aber keine Option. Irgendwann war ich ja sozial und finanziell abhängig. Es war eben mein Beruf, den ich auch gern gemacht habe.


Aber Sie hätten ja auch sagen können: Ich bleibe Profi, aber diese Form des Dopings beende ich…


Na ja, wenn man ehrlich ist, sind Bluttransfusionen die beste Form des Dopings. Blut ist eben körpereigen. Das ist alles besser, als nur mit Testosteron, Epo oder Anabolika zu agieren.


Positiv war doch bestimmt die sportliche Wirkung. Wie fühlte es sich an, nach so einer Behandlung zu fahren?


Das war leistungssteigernd. Nach der Blutbehandlung fühlte ich mich gesünder, vitaler. Da sitzt man besser auf dem Rad. Das war natürlich ein gutes Gefühl.


Als die Blutbeutel 2006 im Zuge der Operación Puerto der spanischen Guardia Civil im Gefrierfach bei Fuentes gefunden wurden, war Ihnen da klar: Das war’s für mich, denn da liegt meine DNS?


Ich hätte mich schon noch winden können, denn ganz so einfach war es ja nicht. Ich wohnte in Österreich, das Blut lag in Spanien und da konnten die Deutschen beispielsweise nicht einfach so an meine DNS kommen. Oder ich hätte, wie etwa Ivan Basso, sagen können: Ich habe nur Blut abgegeben, aber nie zurückgeführt. Mir war aber in dem Moment klar: Wenn ich mich bekenne, wenn ich sage, wie mein Leben aussieht – dass ich dann kaum Chancen hätte, in den Sport zurückzukehren.

Dennoch haben Sie sich dafür entschieden…


Ja, ich hatte ein Riesenproblem mit der ganzen Heuchelei. Damals war ja gefühlt das halbe Feld der Tour bei Fuentes Kunde. Die ganzen sportlichen Leiter taten so, als seien es drei Idioten gewesen, die Bluttransfusionen gemacht haben. Wenn man sich heute die ganzen Geschichten anhört, von Tyler Hamilton, Floyd Landis und auch von Lance Armstrong, dann kann man ja nicht mehr bezweifeln, dass das Dopingproblem flächendeckend war. Mit ist die Heuchelei von Leuten wie Bjarne Riis und später auch Hans-Michael Holczer auf die Nerven gegangen. Die haben 2007 das MPCC [eine Vereinigung für „glaubwürdigen Radsport“] gegründet und so getan, als wären ihre Taten damit geheilt. Vielleicht war mein Geständnis nicht besonders intelligent. Ich bin nicht stolz darauf, auch nicht auf mein Doping. Aber damals war es die Entscheidung, die ich so treffen musste.


Gehört die Heuchelei heute noch zum Sport?


Ich glaube, es ist heute teilweise noch schlimmer. Da kommt einer wie Sky-Team-Chef David Brailsford daher und sagt: Jetzt kommt der Moment, wo hartes Training besser ist als jedes Doping. Da packe ich mir an den Kopf. Mit so einer Aussage macht man doch zunichte, was in den vergangenen 15 Jahren zumindest an Dopingkampf versucht wurde.


Was ist eigentlich mit Ihrem Blut in Madrid passiert?


Soweit ich weiß, lagert es noch da.


Spenden Sie Blut?

Nein. Das tue ich nicht. Ich habe es einfach bislang nicht in Erwägung gezogen, werde es mir aber mal überlegen. Blutabnahmen beim Arzt sind momentan das einzige.


Ruft das in Ihnen etwas hervor?


Nach meiner Karriere habe ich natürlich öfter schauen müssen, wie die Werte sind – einfach nur, um gegebenenfalls etwas substituieren zu können. Heute ist das seltener. Aber letztens habe ich auch mal wieder auf den Hämatokritwert geschaut, als ich mein Blut abgenommen bekommen habe. Der war nämlich ziemlich hoch. Da habe ich sogar selbst einen Witz drüber gemacht, nach dem Motto: Geht doch auch ohne Doping. Aber der Wert liegt eher daran, dass ich kaum trainiere und hin und wieder eine Zigarette rauche.


Fahren Sie noch Rad?


Wenn das Wetter einigermaßen passt, versuche ich, zwei- bis dreimal die Woche zwei Stunden zu fahren.


Das geht ohne Leistungsdiagnostik anhand von Blutwerten?


Logischerweise ohne. Ich brauche dafür keine Blutwerte, muss da weder Laktatwert noch Sauerstoffsättigung kennen.