1 Abo und 2 Abonnenten
Artikel

Das kannst du für "Black Lives Matter" sofort tun: ein Selbsttest im "Kritischen Weißsein"

Illustration: Mirella Kahnert

Das kannst du für »Black Lives Matter« sofort tun: ein Selbsttest im »Kritischen
Weißsein«

Struktureller Rassismus existiert nicht nur in den USA, sondern auch
in Deutschland. Es ist an der Zeit herauszufinden, was du mit dem
rassistischen System zu tun hast und welche Position du darin
einnimmst.

Der Schwarze *1 US-Amerikaner George Floyd starb am 25. Mai 2020, weil
ihm ein Polizist knapp 9 Minuten sein Knie in den Nacken gepresst hat.
Demonstrant:innen in Minneapolis, Chicago oder New York gehen
seitdem auf die Barrikaden und auch die internationale Solidarität wird
immer lauter, sei es in Madrid, Rom oder Berlin. Die Debatte um
Rassismus und Polizeigewalt in den USA bestimmt seither auch die
Schlagzeilen in den deutschen Medien und es steht die Frage im Raum:
Was können wir für die Bewegung Black Lives Matter * tun? Was hat das mit
uns zu tun?

Antirassistische Initiativen in Berlin rufen derzeit dazu auf, für Schwarze
Organisationen in Minnesota oder die Familie von George Floyd zu spenden. Wenn du aber wirklich langfristig etwas gegen Rassismus tun willst, solltest du dir die folgenden Zeilen zu Herzen nehmen: Rassismus gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Um ihn aber als ein System zu überwinden, ist es notwendig, dass du die Geschichte
und die Formen des Rassismus in Deutschland verstehen lernst.

Rassismusdebatten in Deutschland drehen ich oft um die Nutzung des »N-Wortes«

Inmitten des Landtags in Mecklenburg-Vorpommern ruft der weiße *3
AfD-Politiker Nikolaus Kramer das N-Wort in den Saal. Einige
Abgeordnete empören sich, doch Kramer wähnt sich im Recht, immer
wenn er mit seinem Zwischenruf in die Rede der Linken-Politikerin
Karen Larisch grätscht. Aus Unwissen? Wohl kaum, wie Kramer selbst
zugibt: »Das Wort N. habe ich bewusst gewählt, weil ich mir eben nicht
vorschreiben lasse, was hier Schimpfwort sei oder nicht«, erläutert
Kramer vor dem Plenum laut Protokoll.

Der Fall löste besonders in der afrodeutschen Community Empörung aus,
als das Landesgericht einer Klage Kramers recht gab: * Der AfD-Mann
ging gegen den Ordnungsruf im Anschluss an jene Landtagssitzung an
mit der Begründung, dass das von ihm verwendete Wort die vermeintlich
»historisch übliche Bezeichnung« für Schwarze Menschen gewesen sei.
Kramer verbuchte den gewonnenen Fall als Erfolg für sich und seine
Erzählweise.

Für Fachkreise dagegen ist das Urteil ein Fall von institutioneller
Diskriminierung. »Dass das N-Wort rassistisch ist, ist wissenschaftlich
nicht anzuzweifeln«, sagt die Rassismusforscherin Natasha A.
Kelly im Interview.

Das Problem an den Debatten ist, dass nicht verstanden wird, was Rassismus ist

Wenn in Deutschland Debatten wie die um das N-Wort geführt werden,
liege das Problem vor allem darin, dass nicht verstanden werde, was
Rassismus überhaupt ist, sagt Kelly. »Das N-Wort verkörpert den
Rassismus. Denn die Einteilung von Menschen in vermeintliche ›Rassen‹ bekam in dem N-Wort einen Namen«, erläutert die Soziologin. An dem
Wort werde deutlich, wie sich die historische und politische Ebene des
Rassismus mit der sprachlichen vermischt habe.

Für den Rassismus in Deutschland ist Kelly zufolge aus historischer
Perspektive die deutsche Kolonialgeschichte relevant – anders als in den
USA. Dieser Abschnitt der deutschen Geschichte sei unsichtbar gemacht
worden und das präge somit den strukturellen und institutionellen
(Alltags-)Rassismus hierzulande.

In den USA sei das anders gewesen. Dort wurden Afrikaner:innen
versklavt und galten nicht als Menschen: »Der überwiegende Teil der
Gesellschaft versteht nicht, dass die Schwarzen US-Amerikaner:innen
erst Mensch werden mussten«, sagt die Soziologin.
»Weiße Menschen müssen anfangen, sich mit Rassismus zu
beschäftigen. Und zwar nicht erst dann, wenn Schwarze betroffen sind«,
plädiert Kelly. »Sie müssen Rassismus als systemisches Gebilde
verstehen.« Es gibt Kelly zufolge 3 unterschiedliche Dimensionen von
Rassismus, mit denen sich emotionale Distanz zum Thema schaffen lässt:

  • Rassismus ist als ein Phänomen zu begreifen, das in seiner Struktur historisch gewachsen und gesellschaftlich verankert ist.
  • Diese Strukturen erlernt ein jeder Mensch durch die Sozialisation. Dadurch können rassistische Diskriminierungen oder Handlungen unbewusst passieren.
  • Es gibt Personen, die kontinuierlich rassistisch handeln und als Rassisten bezeichnet werden können.

Die meisten Schwarzen Menschen seien gezwungen, gibt Kelly zu
bedenken, sich im Laufe ihres Lebens mit Rassismus zu beschäftigen. Bei
weißen Menschen sei es in der Regel nicht so: Sie können wählen, ob sie
sich mit Rassismus auseinandersetzen wollen oder nicht – und das sei ein
Privileg. Weiße Menschen müssten daher lernen zu verstehen, dass sie
von rassistischen Strukturen profitieren.

Selbsttest: Wie bist du im rassistischen System positioniert?

Um Rassismus also zu überwinden, egal ob in Deutschland oder den USA,
ist es ratsam, dir über deine eigene Position im rassistischen System
bewusst zu werden. Die Autorin Noah Sow hat in ihrem
 Buch »Deutschland Schwarz weiß« einen Selbsttest
entwickelt, mit der Leser:innen herausfinden können, wie sie im
rassistischen System positioniert sind. Ausschlaggebend dafür ist nach
Sow der eigene Erfahrungshorizont. Hier eine Auswahl der Fragen für
deine kritische Reflexion:

  • Wirst du als Individuum betrachtet und nicht in eine pauschale Gruppe gesteckt?
  • Wirst du als vollwertiges Mitglied der Bevölkerung betrachtet?
  • Wirst du nicht automatisch als »fremd« betrachtet?
  • Musst du dich nicht rechtfertigen, weshalb du in deinem eigenen Land
  • lebst?
  • Darfst du dich und deine Gruppe selbst benennen?
  • Darfst du alle Menschen, die nicht weiß sind, benennen, einteilen und kategorisieren?
  • Darfst du bestimmen, inwiefern die Errungenschaften und Meinungen von Menschen, die nicht weiß sind, relevant sind, selbst wenn diese Menschen gebildet sind?
  • Darfst du aufwachsen, ohne rassistisch beleidigt zu werden?
  • Kannst du ungehindert und unkontrolliert in die ganze Welt reisen?
  • Musst du auf Rassismus nicht reagieren?
Je mehr Fragen eine Person mit Ja beantwortet, desto eher ist sie in einer privilegierten, also weißen Position aufgewachsen – und umgekehrt.
Zum Original