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MS-Betroffene: „Wir leben ja schließlich noch"

Jens Stadtler (46) und Ute Richter-Topp (58) lassen sich von der Multiplen Sklerose nicht unterkriegen. Foto: Thomas Nitsche

Witten. Jens Stadtler und Ute Richter-Topp haben seit über zehn Jahren Multiple Sklerose. Die Krankheit schränkt nicht ihre Lebensfreude ein.

Er wollte sich auch mal wie John Lennon fühlen. Deshalb trägt Jens Stadtler die kleine, runde, blaugetönte Brille. So wirklich hilft das Brillenglas jedoch nicht gegen seine Sehschwäche. Der große, fast kahlköpfige Mann besitzt nur noch eine Sehkraft von 20 bis 30 Prozent. Seine Erkrankung hat besonders den Augen schleichend zugesetzt. Der 46-Jährige ist seit 19 Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt.

Jens Stadtler hat sich für die neue MS-Selbsthilfegruppe angemeldet, die Ute Richter-Topp ins Leben gerufen hat. Auch sie ist von der Krankheit betroffen. Das erste Treffen ist im September geplant. Zehn Anmeldungen gibt es bereits. Das Ganze hat Richter-Topp zusammen mit der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbands geplant.

Die Krankheit mit den vielen Gesichtern

Man sagt, jeder Betroffene durchlebe seine eigene Multiple Sklerose. Ute Richter-Topp leidet seit 1996 an Symptomen der MS: Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen, Schluckprobleme. Es sind Schübe, die immer wieder kommen, ganz unerwartet. Bis 2015 konnten die Ärzte ihr nicht bestätigen, ob es sich um MS handle. Erst eine Magnetresonanztomographie vor zwei Jahren lieferte das sichere Ergebnis. Die Bereiche im Körper, wo sich die Nervenzellen befinden - Gehirn, Halswirbelsäule und Rückenmark - waren entzündet. „Das Schlimmste aber war die Unsicherheit", sagt die 58-jährige Wittenerin.

Bei Jens Stadtler war die Diagnose sofort sicher. Er hatte während einer Autofahrt auf dem Beifahrersitz gesessen und auf einmal glasige Augen bekommen. Für seinen Augenarzt stand gleich fest: Es ist MS.

Die beiden würden auch gerne wieder arbeiten

Die Auswirkungen spürt der gebürtige Herdecker an Augen und Beinen. Beim Gehen stützt er sich auf den Rollator, der rechte Fuß setzt etwas langsamer auf als der linke. Seine Beinmuskulatur sei mittlerweile so schwach, dass er nicht mehr selber handwerkeln kann. „Es tut schon weh, dass ich beim Tapezieren zugucken muss", sagt der 46-jährige gelernte Elektroniker. „Arbeiten würde ich auch gerne mal wieder."

Auch die ehemalige Kinderkrankenschwester Richter-Topp vermisst ihren Beruf. Unterkriegen lässt sich die Frührentnerin jedoch nicht. Im Alltag erledigt sie vieles selbstständig. Bei größeren Einkäufen helfen die beiden erwachsenen Söhne der alleinstehenden Mutter.

Jens Stadtler versprüht trotzdem Lebensfreude. „Ich habe eine Frau mit Kind geheiratet. So hab ich mir ,Arbeit' gespart und habe jetzt sogar eine fünfjährige Enkelin", scherzt der Lennon-Fan. „Wir verreisen viel zusammen. Gerne würde ich nochmal in die Staaten fliegen." Seine Frau hat er 2006 geheiratet, als er bereits lange an MS erkrankt war.

Manche Menschen haben Vorurteile

Obwohl die Selbsthilfegruppe sich noch nicht mal getroffen hat und Stadtler und Richter-Topp sich gerade erst kennengelernt haben, planen sie schon ein gemeinsames Grillen und einen Ausflug zum bundesweiten MS-Treffen.

Manche Mitmenschen kamen mit der Erkrankung schlechter klar. Viele Freunde hätten sich distanziert - aus Unwissenheit und weil sie Vorurteile hatten. Einige hätten ernsthaft gefragt, ob die Krankheit ansteckend sei. Ute Richter-Topp würde sich von ihren Mitmenschen mehr Interesse und Verständnis wünschen. Stadtler: „Wir leben ja schließlich noch."

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