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RADIO 80000 x Kunstverein München

Radio 80000xkunstverein
Sternstrahlenförmig erreicht man fußläufig vom Kunstverein München aus die wichtigsten Wahrzeichen der Altstadt: den Eisbach samt Welle, die geschichtsträchtige Feldherrenhalle am Odeonsplatz, das legendäre Schumann's. Dort eingebettet zwischen den Säulen der Münchner Lebensart - Leibesertüchtigung, Natur, historische Mahnmale und gehobener Konsum - liegt der Kunstverein München nicht nur maximal zentral, er ist zudem einer der ältesten Orte seiner Art und ein wichtiges Erbe.

Im Archiv der Veröffentlichungen von etwa 1969 bis Anfang der 2000er Jahre finden sich neben Referenzen zu Arte Povere, Claude Cahun, Bas Jan Ader, André Cadere, Andrea Fraser oder Kippenberger auch wegweisende Gruppenausstellungen und Stapel von Jahresgaben-Katalogen. Bei den jeweiligen Eröffnungen tummeln sich gleichwohl Unterstützungsmitglieder und Kunststudenten wie Verleger, Modedesigner, Ärzte, Galeristen, CEOs - von Anfang 20 bis Ende 80.


Auch nach 195 Jahren befasst sich der Kunstverein, der als bürgerlicher Gegensatz zur Akademie der bildenden Künste gedacht war, mit zeitgenössischer Kunst in ihren schönsten Formen - Installation, Malerei und Skulptur ergänzt von Künstlergesprächen, Konferenzen, Vorträgen, Parties. - Nun fungierte es zusätzlich als temporäres Radiosendestudio eines Senders, der nicht minder charmante Ortszugehörigkeit und sympathischen Lokalpatriotismus an den Tag legt. „Auf jedem Münchner Postkasten steht 80000, die Postleitzahl. Es war wichtig, dass der Name zeigt, woher wir kommen. Außerdem ist die Post wie das Radio veraltet, aber besitzt für uns immer noch einen absoluten Reiz", erklärte der Gründer Leo Bauer damals im Interview den Projektnamen „Radio 80000". Gemeinsam mit Felix Flemmer hat er für eine Radiostation gesorgt, die sich für Alternativen innerhalb der Münchner Hörfunkszene genauso interessiert wie für die Möglichkeit, weltweit als renommierte Plattform wahrgenommen zu werden, die über den reinen Lokalhörfunk hinausreicht. „Wir wollen nicht unbedingt ein Musikdienstleister sein. Radio 80000 soll eher eine Ausdrucksform sein für alle, die mitmachen wollen. Wenn sich davon jemand angesprochen fühlt, ist das natürlich super. Wenn nicht, kann man nichts machen", erklärte Felix Flemmer dem Wiener PW-Magazine, und es scheint eher super zu laufen: Derzeit senden mehr als 80 Mitwirkende regelmäßig Sendungen hauptsächlich aus dem Container Collective in München, aber auch aus Berlin, Köln, Hamburg und anderswo. Dazu gesellen sich im Kunstverein nun Sendungen von Radiosendern aus aller Welt, die sich ähnlich nicht-kommerziellen Formaten verpflichten, und etablierte oder aufstrebende Musiker, Künstler sowie Musikliebhaber ohne professionellen Hintergrund engagieren.


Der Kunstverein hatte ursprünglich nur nach einem DJ für die Jahresgaben-Party Anfang Dezember gefragt, doch dieser intensive Austausch involvierte nun Sender wie Browne Hill Radio (Lagos, NG), Dublin Digital Radio (Dublin, IE), Internet Public Radio (Guadalajara, MX), Kiosk Radio (Brüssel, BE), KMAH Radio (Leeds, GB), LYL Radio (Lyon, FR), Na Manteigna Radio (São Paulo, BR), Netile (London, GB), No Fun Radio (Vancouver, CA), Noods Radio (Bristol, GB), Norrm (Bandung, ID), Radio Beirut (Beirut, LB), Radio Isanganiro (Bujumbura, BI), Radio Bollwerk (Bern, CH), Radio Raheem (Mailand, IT), Shanghai Community Radio (Shanghai, CN), Teder.FM (Tel Aviv, IL), Test.FM (St. Petersburg, RU), Quantica (Lissabon, PT), 20ft (Kiew, UA) und bot so eine einzigartige Auswahl zeitgenössischer Musik. Als 2015 der US-Amerikaner Chris Fitzpatrick als Direktor anfing, im selben Jahr, als sich Radio 80000 gründete, zitierte ihn die Monopol: "Meine Vorgänger haben den Kunstverein als Ort für ein experimentelles Programm etabliert. Daran möchte ich anknüpfen, auch insgesamt nicht zu sehr an den Grundsätzen rütteln: Logo, Architektur, Ethos. Sie werden aber kleine Veränderungen bemerken, ich werde die Räume anders nutzen." - Bingo! Es ist gelungen, für neun Tage einen öffentlich zugänglichen Raum zum Hören und Diskutieren zu schaffen. Um das Format festzuhalten, baten Mira Mann und Roxy Höchsmann verschiedene Autoren, die Eindrücke ihrer etwaigen Besuche während der Sendezeiten von 10-22 Uhr aufzuschreiben. Die verbalen snippets und Whatsapp-Nachrichten zum kulturellen und musikalischen Erlebnis sollen als Basis einer Publikation dienen, die den gegenwärtigen Hörgenuss in Printform festhält, Dialoge und Eindrücke weitergibt und die Partizipation an der kollaborativen Plattform Radio 80k fördert. 


Neben großartiger, absonderlicher, seltener, zeitloser Musik ist der Lokalsender also gleichermaßen an langfristigen sozialen Beziehungsgeflechten interessiert, die sich gegenseitig begeistern und befruchten - und das erinnert im Kern vielleicht an die illustre Legende des britischen Radiosenders Caroline, von dem die Verfilmung „The boat that rocked" handelt, als fiktiver Piratenradiosender "Radio Rock". Dessen Crew aus eklektischen DJs, die Rock- und Popmusik von einem in der Nordsee vor Anker liegenden Schiff nach Großbritannien ausstrahlen, während die britische Regierung sie versenken möchte. Als es tatsächlich dazu kommt, sendet der gottbegnadete Philip Seymour Hoffman alias „The Count" einen letzten Wortbeitrag, der eine Ode an nicht-kommerzielles Radio und die Liebe zur Musik darstellt: „To all our listeners, this is what I have to say - God bless you all. And as for you bastards in charge, don't dream it's over. Years will come, years will go, and politicians will do fuck all to make the world a better place. But all over the world, young men and young women will always dream dreams and put those dreams into song. Nothing important dies tonight, just a few ugly guys on a crappy ship. The only sadness tonight is that, in future years, there'll be so many fantastic songs that it will not be our privilege to play. But, believe you me, they will still be written, they will still be sung and they will be the wonder of the world." 


Text: Sonja Steppan


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