Silke Jaeger

Freie Journalistin und Texterin für Gesundheitsinformationen, London

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Wie manipuliert man eine Wahl? Erklärt am Beispiel des Brexit - Folge 1: Die Technik

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„Die 76 Millionen Einwohner der Türkei werden EU-Bürger. Gute Nachricht??? Ja oder Nein."

So fragte eine Facebook-Werbeanzeige der offiziellen Brexit-Kampagne VoteLeave Ende April 2016 ausgewählte Facebook-User. Die Grafik dazu zeigte, wie stark sich die durchschnittlichen Jahreseinkommen in Großbritannien und der Türkei voneinander unterscheiden. Die Facebooknutzer konnten durch Klicken auf Ja oder Nein zeigen, was sie davon hielten.


So sah die Anzeige aus:

https://twitter.com/carolecadwalla/status/1022571070904303616?lang=de

Hier ein Tweet der Observer-Kollegin Carole Cadwalladr. Er zeigt unsere Beispiel-Anzeige, die Facebook zusammen mit über 100 anderen dem Untersuchungsausschuss gegeben hat.

Und das war der Begleittext dazu: „Die Einwohner der fünf Länder, die als nächstes der EU beitreten werden, sind arm und haben ernsthafte Schwierigkeiten. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in der Türkei liegt bei 7.300 Pfund. Wir überweisen jetzt schon 350 Millionen Pfund pro Woche an die EU. Sollten wir unser Geld nicht stattdessen für eigene Prioritäten ausgeben? VoteLeave-Tag - 23. Juni. Sie beitreten lassen? Klicke Nein! Stimme für den Austritt."


Die Anzeige starte am 27. April und lief so lange, bis das Anzeigenbudget aufgebraucht war. 200.000 bis 505.000 Facebooknutzer sahen sie, der größte Teil von ihnen lebte in England (85 Prozent), die restlichen 15 Prozent waren Einwohner von Wales, Schottland und Nordirland. Die Anzeige wurde überwiegend von Menschen zwischen 35 und 55 Jahren gesehen. Wie viele auf Ja oder Nein geklickt haben, wie viele Daumen hoch die Anzeige bekommen hat und wie oft sie geteilt wurde, ist nicht bekannt. Und auch nicht, was die Zielgruppe dieser Anzeige vor dem Brexit-Referendum noch zu sehen bekam. Das weiß nur Facebook.


Das, was wir über diese Beispiel-Anzeige wissen, hätten wir vermutlich niemals erfahren, wenn alles so weitergegangen wäre in Sachen politische Social-Media-Kampagnen wie vor den Wahlen in Großbritannien und USA im Jahr 2016. Doch die Wucht der Wahlergebnisse hat in diesen beiden Ländern dazu geführt, dass seitdem parlamentarische und staatliche Untersuchungsausschüsse, Wahlaufsichts- und Datenschutzbehörden prüfen, was genau passiert ist. Denn sämtliche Wahlumfragen hatten ein anderes Ergebnis vorausgesagt - beim Brexit noch bis tief in die Wahlnacht hinein. Wer erinnert sich noch daran, dass daraufhin viele ihr Vertrauen in Wahlumfragen verloren?


Zu den falschen Wahlumfragen gibt es inzwischen nähere Erkenntnisse. Dadurch, dass bis tief in die Nacht der Sieg der Remain-Seite prognostiziert wurde, stieg der Wert des Pfundes. Nach Bekanntgabe des Ergebnisses rauschte die Währung umso steiler bergab. Hedgefonds, die auf diesen Wertverlust gewettet hatten, konnten so noch mehr Profit machen.


Es gibt heute erschreckende Erkenntnisse dazu, wie die Menschen in den USA und in Großbritannien in ihrer Abstimmungsentscheidung über Onlinekampagnen massiv beeinflusst wurden. Nicht nur Journalistinnen und Journalisten haben in den vergangenen anderthalb Jahren mit Hilfe von Whistleblowern immer mehr Fakten darüber zusammengetragen, auch die britische Wahlaufsichtsbehörde, die Datenschutzbehörde und der parlamentarischen Untersuchungsausschuss für Digitales, Kultur, Medien und Sport haben bestätigt: Beim Brexit-Referendum wurden Wahlgesetze gebrochen und Daten missbraucht. Hier beschreibe ich, wer diese Wahl gehackt hat.


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