„Zwischenmenschliche Beziehungen wirken immer anti-suizidal“
von Sarah Franke
Manchmal sind Menschen so verzweifelt, dass sie sich selbst töten. Wie man erkennt, ob eine Person suizidgefährdet ist und wie man ihr konkret helfen kann, erklärt Kerstin Häusler, Leiterin der Telefonseelsorge Hannover.
Frau Häusler, bitte erklären Sie: Was ist Suizidalität?
Wenn jemand suizidal ist, hat die Person Gedanken, Pläne oder konkrete Absichten, sich selbst zu töten. In der Regel handelt es sich dabei nicht um eine Übersprungshandlung, sondern um einen Prozess. Betroffene fühlen sich schon länger verzweifelt, kraftlos und hoffnungslos. Irgendwann sind diese Menschen wie in einem Tunnel gefangen und der Suizid erscheint ihnen eine Lösung zu sein, um Ruhe zu finden. Sie möchten nur noch, dass alles vorbei ist, was sie belastet und so quält.
Das klingt sehr final, dieses Bild mit dem Tunnel. Ist es trotzdem möglich, jemanden zu helfen, der so tief in einer Krise steckt?
Ja, das ist tatsächlich möglich. Auch jemand, über den eigenen Suizid nachdenkt, ist in der Regel immer noch ambivalent in seinen Gefühlen. Das kann man sich so vorstellen: Eine Stimme im Kopf dieses Menschen äußert den Wunsch, nicht leben zu wollen oder nicht mehr so weiterzuleben. Aber es gibt auch eine zweite Stimme, die immer noch den Wunsch nach Linderung und Hilfe hat.
Genau deshalb ist es so wichtig, Menschen in einer akuten suizidalen Phase zu unterstützen, indem man mit ihnen spricht. Wenn Personen Andeutungen machen, sich selbst töten zu wollen, ist es wichtig, konkret nachzufragen: „Das klingt, als würdest du darüber nachdenken, dir das Leben zu nehmen. Stimmt das?“ Oder: „Ich mache mir Sorgen um dich. Du bist mir wichtig und ich möchte für dich da sein. Lass‘ uns gemeinsam überlegen, wie wir dir helfen können.“ Solche Sätze sind ein erster Schritt gegen die Einsamkeit.
Inwieweit spielt Einsamkeit bei Suizidalität eine Rolle?
Denken Sie noch einmal an den Tunnel. Suizidale Menschen haben oft das Gefühl, sie seien ganz allein, total abgekapselt von der Welt. Niemand könne richtig für sie da sein. Zwischenmenschliche Beziehungen wirken immer anti-suizidal. Es hilft außerdem ungemein, wenn man im Gespräch mit einer suizidalen Person zwar empathisch, aber möglichst gelassen bleibt, und sagt: „Wir können dieses Thema besprechen“. Denn gerade am Anfang sind ihre Suizidgedanken auch für die Betroffenen selbst noch erschreckend.
Schwierige Phasen haben alle mal in ihrem Leben. Woran erkenne ich, dass jemand aus meinem Familien- oder Freund*innenkreis suizidal ist?
Suizidale Menschen senden normalerweise Signale aus. Es können Warnzeichen sein, wenn sich jemand zurückzieht, verzweifelt und hoffnungslos wirkt. Da würde ich hellhörig werden. Und natürlich, sobald jemand konkret selbst gefährdend handelt. Zum Beispiel, wenn ich mitbekomme, dass jemand Tabletten sammelt, plötzlich gefährliche Orte aufsucht oder sich viel risikobereiter als sonst verhält. Andeutungen sollte man ernst nehmen und als Hilferuf verstehen. Das können Sätze sein wie: „Es wäre doch besser für die anderen, wenn ich nicht mehr da wäre.“ Oder: „Ich bin für euch nur noch eine Last.“
Wenn ich so etwas höre, würde ich unbedingt nachfragen. Manche Leute haben Angst, jemanden erst auf die Idee zu bringen, wenn sie mit der Person über das Thema Suizid reden. Aber das stimmt nicht. Diese Sorge ist unbegründet.
Wie kann man konkret helfen?
Das Wichtigste ist es, miteinander zu sprechen. Man sollte darauf hinweisen, dass es Hilfe gibt und man die suizidale Person unterstützen, dass man für sie da sein möchte. Man kann auch anbieten, einen Termin beim Arzt auszumachen und gemeinsam hinzugehen.
Um selbst die Situation besser einschätzen zu können, kann man nachfragen, wie konkret es schon ist. Hat das Gegenüber vage Suizidgedanken? Oder hat jemand konkrete Suizidpläne oder schon einen Versuch unternommen? Wenn es gerade so konkret ist, sollte man definitiv professionelle Hilfe in Anspruch nehmen: etwa durch eine Psychiatrie, durch einen Anruf beim sozialpsychiatrischen Dienst oder im akuten Notfall beim Rettungsdienst.
Und wenn die Person nicht will, dass man beim sozialpsychiatrischen Dienst oder beim Rettungsdienst anruft?
Das ist eine schwierige Situation. Denn die betroffene Person fühlt sich natürlich ohnmächtig, wenn man gegen ihren Willen handelt. Keine Frage ist es für mich bei Kindern und Jugendlichen. Wenn es akut ist, rufe ich den Rettungsdienst und informiere die Eltern. Bei Erwachsenen kann man versuchen, Zeit zu gewinnen und zum Beispiel bitten: „Kannst du mir versprechen, dass du dir zumindest bis Morgen mit der Entscheidung Zeit lässt?“ Suizidale Krisen dauern nämlich oft nicht länger als 24 Stunden. Aber es ist ebenso möglich, zu sagen: „Ich sehe, dass du nicht willst, dass ich jemanden anrufe. Aber ich werde jetzt trotzdem einen Arzt benachrichtigen, weil ich nicht damit leben könnte, wenn dir jetzt etwas passiert oder wenn du dir etwas antust. Ich mache mir solche Sorgen.“ Es gibt leider keine konkrete Anleitung für solche Momente. Man muss ausprobieren, was sich im gemeinsamen Gespräch erreichen lässt.
Was macht man, wenn der oder die Betroffene abweisend und wütend auf Hilfsangebote reagiert – offenbar aber Hilfe nötig zu sein scheint?
Eine Möglichkeit ist es, den sozialpsychiatrischen Dienst anzurufen, um sich eine Einschätzung geben zu lassen und die Verantwortung zu teilen. Das klingt jetzt vielleicht etwas verrückt, aber manchmal dringt man zu suizidalen Menschen auch damit durch, wenn man klar ausspricht: Suizid ist nicht die Lösung, sondern endgültig. Das konkrete Benennen von Handlungen ist auch wichtig, um wachzurütteln. Also: „Ich habe Angst, dass du dich tötest“, statt „Ich habe Angst, dass du nicht mehr da bist.“
Wie sorgen Helfer*innen in so einer belastenden Situation für sich selbst?
Wenn ich mir Sorgen mache um eine suizidgefährdete Person, sollte ich auch für mich selbst Unterstützung suchen. Das können Freundinnen, Freunde, die Familie oder auch die Telefonseelsorge sein. Manchmal geraten Menschen, die man gernhat, immer wieder in suizidale Krisen, zum Beispiel aufgrund einer psychischen Erkrankung wie Depressionen. Man macht sich dann über einen längeren Zeitraum Sorgen – mal mehr, mal weniger. In solchen Fällen ist es besonders wichtig, den Blick weit zu halten. Es sollte Bereiche im eigenen Leben geben, die einem gut tun und Energie geben, wie Hobbys oder Treffen mit Freundinnen und Freunden.
Außerdem sollte man sich seiner Rolle und seinen Grenzen bewusst sein. Es gilt, sich nicht zu überschätzen. Ich kann Hilfe anbieten und unterstützen. Aber ich kann eine andere Person nicht vom Suizid abhalten, wenn sie keine Hilfe annimmt.
Dieses Interview ist zuerst in radius/30 (Ausgabe 2/24) erschienen.
Sarah Franke
Sarah Franke
Hi, ich bin Sarah. 👋 #gerneperDu
Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeite ich als freiberufliche Journalistin. Online-Magazin, Print oder Instagram: Ich schreibe Texte für alle Kanäle ✍️🧑💻 und produziere Videos für Social Media. 🤳🎬
Inhaltlich interessiere ich mich als Journalistin besonders für Themen rund um die Psychologie und aus der Wissenschaft. 🧠💭 Denn aktuell studiere ich nebenberuflich zum zweiten Mal: Psychologie (B. Sc.) an der Fernuniversität Hagen.
Außerdem arbeite ich in Teilzeit festangestellt in der Öffentlichkeitsarbeit, Schwerpunkt Content Creation und Community Management auf Instagram und LinkedIn.
Bei meiner Arbeit ist es mir besonders wichtig, konstruktiv auf die Welt zu blicken – ganz egal, ob es um das Erarbeiten eines Kommunikationskonzepts, das Schreiben eines Artikels oder das Produzieren von Reels für Instagram geht. 🌍😊
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epd Landesdienst Niedersachsen , radius/30 , rnd.de
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