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Reportage

Mentalcoaching: Damit ein Blackout gar nicht erst entsteht

Wie Wettkampf-Stress entsteht und was Tänzer*innen dagegen tun können

Lampenfieber gehört für die meisten Tänzer*innen zu jedem Auftritt und jedem Wettkampf dazu wie die Musik, die Tanzschuhe oder das Kostüm. Es handelt sich dabei um eine physische Reaktion des Körpers auf psychischen Stress, die viele Sportler*innen zu Höchstleistungen beflügelt. Wenn das leichte Magenkribbeln sich aber zu einem lähmenden Angstgefühl entwickelt, leidet die Leistungsfähigkeit des Körpers und es kann zum gefürchteten Blackout kommen. Mentalcoach Win Silvester erklärt anhand einiger Beispiele, welche Wettkampfsituationen Stress auslösen und welche Methoden Tanzsportler*innen dabei helfen können, besser mit ihnen umzugehen.

Thomas ist enttäuscht. Während sich die anderen Tänzer*innen, die vor ein paar Minuten noch mit ihm auf der Fläche standen, schon wieder in ihre Straßenbekleidung werfen, sitzt er mit hängendem Kopf auf der kleinen Holzbank am hinteren Ende der Umkleidekabine. Eigentlich hatte er es heute allen zeigen wollen, aber das war mächtig in die Hose gegangen. Während des Trainings hatte alles wunderbar funktioniert, sogar im Tiefschlaf hätte er die Choreografie locker durchtanzen können. Aber heute war sein Kopf plötzlich wie leer gefegt gewesen, nicht eine Schrittkombination war ihm mehr eingefallen. Hätte er ein Loch im Boden gefunden, wäre er dankbar darin versunken. Dabei hatte er sich heute Morgen noch richtig gut gefühlt. Aber irgendwo zwischen Frühstückstisch und Scheinwerferlicht waren seine Zuversicht und seine bis in die letzte Körperzelle verinnerlichten Bewegungsabläufe abhandengekommen. Aber wann genau? Und warum?

Viele Tanzsportler*innen kennen Situationen wie diese nur zu gut. „Unter all meinen Schützlingen sind es vielleicht fünf Prozent, die auf einem Wettkampf besser tanzen als im Training. Bei den anderen ist es umgekehrt“, sagt Win Silvester, der als Mentalcoach vielen Spitzensportler*innen in der Tanzsportszene zur Seite steht. Die Hauptursache für diese Form des plötzlichen Leistungsabfalls ist Stress, erklärt er. „Bei einem Turnier wirken viele äußere Faktoren auf die Tänzer*innen ein, auf die der Körper automatisch reagiert.“ So steigen beispielsweise mit der Nervosität die Herzfrequenz und der Adrenalinpegel. Natürliche Reizreaktionen, die an sich nichts Schlechtes sind und den menschlichen Körper für einen kurzen Zeitraum sogar zu Höchstleistungen befähigen können. „Steigt der Stresslevel aber zu hoch, verringert sich die körperliche Leistungsfähigkeit oder fährt sogar komplett herunter“, weiß Win Silvester. Was Tänzer*innen gegen dieses Phänomen unternehmen können? Zunächst einmal sollten sie herausfinden, wo ihre persönlichen Stressoren liegen.

Verliebt sein ist auch Stress

Normalerweise ist Thomas einer von jenen Tänzern, die ihrem eigenen Zeitplan immer hinterherrennen. Aber nicht heute Morgen. Eine Viertelstunde früher als geplant klingelt er an der Haustür von Partnerin Anna-Lena. Geradezu verwirrt sucht diese ihre sieben Sachen zusammen und steigt ins Auto, allerdings nicht, ohne ihrem „Tanzsportgerät“ den einen oder anderen misstrauischen Seitenblick zuzuwerfen. Als die beiden an der Sportstätte ankommen, hat Thomas das Gefühl, er könnte es mit der ganzen Welt aufnehmen. Selbstbewusst und beinahe siegessicher betritt er die Halle.

„Es sind nicht nur negative Gedanken und Gefühle, die uns stressen können“, erklärt Win Silvester. „Wenn wir beispielsweise frisch verliebt sind, können wir unkonzentriert werden.“ Die Folge: Auch positive Gemütsregungen können zu einer Verminderung der Leistungsfähigkeit führen. Ein Vorgang, der wie viele andere auch bei den meisten Tänzer*innen unbewusst geschieht.