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Reportage

Wo historische Schätze ihre Geschichte erzählen

Ein Blick in das DTV-Archiv mit Peter Liebsch

Von Sandra Schumacher

Im südöstlichen Rheinland-Pfalz, am Übergang vom Nordpfälzer Bergland zum Alzeyer Hügelland bietet die Kleinstadt Kirchheimbolanden ihren rund 8000 Einwohnern zwischen dichtbewaldeten Hängen, sattgrünen Wiesen und fruchtbaren Feldern ein recht idyllisches Zuhause. Aber der Ort hat noch viel mehr zu bieten, als das Auge auf den ersten Blick vermuten lässt: Irgendwo zwischen der mittelalterlichen Stadtmauer, dem spätbarocken Schloss und der größten Spray-Banane der Welt liegt ein wahrer Schatz verborgen.

Dabei handelt es sich nicht etwa um einen jener herkömmlichen Schätze, die gewöhnlich in alten Holzkisten zu finden sind und mit Gold, Silber oder Edelsteinen aufwarten. Um ehrlich zu sein, ist dieser weder in eine hübsche Truhe verpackt noch beinhaltet er materielle Reichtümer. Piraten würden bei seiner Entdeckung vermutlich eine herbe Enttäuschung erleben, tanzsportinteressierte Historiker sich hingegen im Angesicht des Heiligen Grals wähnen: Denn im Archiv des Deutschen Tanzsportverbandes warten auf 180 Quadratmetern rund 2,2 Millionen gedruckte, sorgsam in spezielle Archivboxen sortierte Dokumente, 12.000 Bilder, 1000 Videomedien, unzählige Schallplatten und CDs sowie alte Pokale, Wimpel und Medaillen darauf, ihre jeweiligen Geschichten zu erzählen. Aber nur jenen, die sie auch finden.

In Ermangelung einer vergilbten Landkarte, auf der ein rotes Kreuz den Zielort markiert, bedarf es dazu der Hilfe von Schatzhüter Peter Liebsch, der 2015 das Amt des DTV Archiv-Beauftragten von seinem zuvor verstorbenen Vater Holger Liebsch übernommen hat. „Es ist ja normal, wenn der Sohn bei Dingen hilft, die der Vater gerne macht und daraufhin ein eigenes Interesse daran entwickelt“, plaudert er aus dem Nähkästchen. „Anhand der Stücke in unserem Bestand lassen sich die Entwicklungen des Tanzsports nachvollziehen – das ist es, was mir Spaß macht. Vergleicht man beispielsweise alte Bilder von Bill Irvine und Oliver Wessel-Therhorn, da liegen Welten dazwischen.“

Die Suche nach dem geheimen Standort

Die Gründe für seine Begeisterung reichen aber noch viel weiter: „Meine Amtsvorgänger haben in gewisser Weise ihr Leben hier hineingesteckt.“ Ein Andenken, das Peter Liebsch genauso bewahren möchte wie die eigentlichen Archivalien. Deshalb hat er sich dazu entschieden, den genauen Standort der Schatzkammer nicht öffentlich bekannt zu machen. „Auch wenn es hier entgelttechnisch nichts zu holen gibt, habe ich Angst, dass irgendwann jemand einsteigt und die Sammlung in Gefahr gerät.“

Aus diesem Grund verabredet er sich mit etwaigen neugierigen Besuchern an einem Ort ganz in der Nähe und führt sie von dort aus weiter. Der Fußmarsch führt zunächst an einer Hauptstraße entlang, auf der tagsüber geschäftiges Treiben herrscht, vorbei an den kleinen Läden, aus denen der eine oder andere freundliche Gruß ertönt. Dann geht es scharf nach rechts, eine schmale, von Pflanzen umrahmte Steintreppe hinunter auf einen geschotterten Hinterhof, wo eine in weiße Backsteine gehüllte Lagerhalle aufragt. Sie bietet der um[1]fangreichen Sammlung an tanzsportlichen Objekten seit 2001 ein Dach über dem Kopf, nachdem Holger Liebsch den Bestand über einen kleinen Umweg aus dem rund 350 Kilometer entfernten Münster in Westfalen herholte.

Umzug über 350 Kilometer

Den Grundstein für die Sammlung legte Hans-Joachim Schäfer 1978, als er begann, wesentliche Unterlagen und Dokumente des Tanzsports zusammenzutragen und in seinem Keller zu lagern. Eine gute Idee, attestierte ihm das damalige DTV-Präsidium und beauftragte den Münsteraner damit, ein Verbandsarchiv aus der Taufe zu heben. Stück für Stück fügte er in den folgenden Jahren dem stetig wachsenden Fundus hinzu und sein ebenfalls aus der Münsterland-Metropole stammender Nachfolger, Claus-Dieter Gruber, führte das Werk gewissenhaft fort.

Schließlich stapelte sich das Material vom Keller bis ins Dachgeschoss des Gruber‘schen Hauses, dessen Besitzer kurz vor Ende seiner Tätigkeit dem DTV-Präsidium anriet, ein neues Domizil zu suchen. Das Gremium fasste einen Raum innerhalb der Frankfurter Geschäftsstelle ins Auge und beauftragte seinen Schriftführer Holger Liebsch mit dem Umzug. „Mein Vater hatte immer ein Faible für alte Sachen“, erinnert sich sein Sohn. „Als das Archiv in Münster aufgelöst wurde, hat er sofort gesagt, dass er es übernimmt.“

Der im Sommer 2001 stattfindende Umzug gestaltete sich schwierig, denn die ursprünglich auserkorenen Räumlichkeiten stellten sich schnell als zu klein für die rund 300 Umzugs[1]kartons heraus. „Deswegen mussten wir sie erst einmal zwischenlagern“, erzählt Peter Liebsch. Spontan stellte Adolf Bernd, der 2020 verstorbene, damalige DTV-Sportreferent, seine offene und unbeheizte Werkhalle in Kaiserslautern zur Verfügung. „Die Kartons standen dort einige Monate lang auf Europapaletten unter einer Art Carport und waren nur mit einer Plane abgedeckt, während wir neue Räume gesucht haben.“ Spätestens, als sich die kalte Jahreszeit ankündigte, war Eile geboten, damit die Sammlungsstücke keinen Schaden nahmen. Einem glücklichen Zufall sei Dank stieß Holger Liebsch auf jenes Gebäude, das 2002 schließlich betriebsbereit war und dem DTV noch heute zur Verfügung steht.

Chaos im Karton

Auch heute noch gewährt eine hölzerne Tür Einlass in den ersten von insgesamt drei Lagerräumen. Unzählige, kunterbunte Wimpel zieren seine Wände, von den Fensterbänken aus blitzen vergoldete und versilberte Medaillen zwischen teils urig geformten Pokalen, gravierten und bedruckten Tellern oder altmodisch anmutenden Anstecknadeln hervor. Vom hinteren Teil des Raumes aus erweckt ein altes, von einigen metallenen Schwerlastregalen umgebenes Radiogerät, dessen Geburtsstunde wohl in der Mitte des 20. Jahrhunderts liegt, die eine oder andere imaginäre Jazz-Melodie zum Leben, während diverse ältere und neuere Fotos gemeinsam mit einigen Pappkartons und Briefumschlägen ein ziemliches Durcheinander auf den zusammengestellten Tischen nahe der Eingangstür bilden.

„In diesem Raum sortieren wir erst einmal alles“, erklärt Peter Liebsch. Eine Aufgabe, die mitunter viel Zeit in Anspruch nehmen kann, wie der Archivar verrät. „Häufig stammt das Material aus Privathaushalten und lagert dort beispielsweise jahrelang in einer Kiste auf dem Dachboden, bevor die Besitzer oder ihre Erben es an mich weitergeben.“ Dementsprechend sei der Inhalt oftmals ungeordnet und die Fotos nur teilweise oder gar nicht beschriftet. „Ich versuche dann zu recherchieren, wer darauf abgebildet ist. Und das kann natürlich dauern.“

Trotzdem freut sich Peter Liebsch über jeden chaotischen Karton, der seinen Weg zu ihm findet. „In jedem der Stücke darin, in jedem einfachen Protokoll steckt Geschichte. Deswegen sage ich den Leuten immer, dass sie diese Dinge, selbst wenn sie für die Personen selbst keine Bedeutung zu haben scheinen, bitte nicht wegschmeißen sollen. Momentan haben wir im Archiv noch jede Menge Platz, sodass ich wirklich alles nehme. Ich hole es sogar persönlich ab oder zahle die Portokosten.“

Lieblingsstücke

Sobald Peter Liebsch Ordnung in das Chaos gebracht hat, dürfen die Archivalien von der Auffangstation in ihr neues Heim umziehen: in einen der hinteren Räume, die zusammen das Herzstück des Schatzhortes bilden. Auch hier reihen sich die schweren Regale mit ihren unterschiedlichen, aber immer historisch kostbaren Inhalten dicht an dicht. Sie beherbergen auf Schallplatten festgehaltene musikalische Höhepunkte aus längst vergangener Zeit ebenso wie auf uralte Videokassetten gebannte Aufnahmen von Turnieren oder Trainingseinheiten. „Einige davon kann ich derzeit gar nicht abspielen, da das entsprechende Gerät nicht mehr existiert“, verrät der Archivar.

Nur ein paar Schritte weiter bilden die unzähligen Archivboxen in ihren Regalen eine schwarze Wand, innerhalb derer die Schriftstücke – Protokolle, Verträge oder alte, handgeschriebene Startkarten – zu finden sind. Und irgendwo zwischen all diesen kleinen und großen Einzelteilen, die in ihrer Summe die Historie des Tanzsports erzählen, hat auch das bislang älteste Archiv-Stück seinen Platz: die Überreste eines Tanzalmanachs aus dem Jahr 1927. „Es gibt nicht mehr viele Zeugnisse aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, da einiges verbrannt ist oder auf andere Weise zerstört wurde“, sagt Peter Liebsch.

Besonders stolz ist er auch auf eine Handakte aus dem Jahr 1941, die er vor gar nicht allzu langer Zeit privat ankaufen konnte. Darin steht beispielsweise festgeschrieben, dass vor Beginn einer jeden Tanzveranstaltung der Hitlergruß auszuführen ist und dass ausschließlich Tanzpaare startberechtigt sind, die dem nationalsozialistischen Weltbild entsprechen. „Es existierten zwar noch einige Exemplare dieses Buches auf dem Markt, allerdings sind darin normalerweise die ersten Seiten, auf denen die Protagonisten des Nazi-Regimes abgebildet sind, geschwärzt“, erklärt Peter Liebsch. Eine gängige Praxis im Zusammenhang mit Büchern, die kurz nach der Zeit des Nationalsozialismus verkauft wurden. „In der Ausgabe aus unserem Bestand ist aber noch alles originalgetreu zu sehen.“

TV-Stars aus Papier Während Objekte wie diese den einen oder anderen Schauer auf den Rücken etwaiger Besucher verursachen und vielleicht auch so manche Frage nach der Rolle einiger Tanzsportler*innen innerhalb der unterschiedlichen Kapitel der deutschen Geschichte he[1]raufbeschwören, sorgen andere ab und an für schiere Begeisterung. Beispielsweise die umfangreiche Sammlung diverser Tanzzeitschriften, die sogar schon eine gewisse Form der Berühmtheit erlangt hat. Im Rahmen ihrer Recherche für die ZDF-Serie „Kudamm 56“ (siehe Hintergrundkasten) klopften die Fernsehproduzenten an die virtuelle Tür von Peter Liebsch. „Einer der Schauplätze ist eine Tanzschule, in der Tanzzeitschriften aus dieser Zeit ausgelegt sein sollten.“ Dafür habe er in Absprache mit dem Präsidium ausnahmsweise sogar die Originale herausgerückt.

Freilich gehören derartige Kontaktaufnahmen zu den absoluten Ausnahmen. „In der Regel melden sich ehemalige Tänzerinnen und Tänzer oder deren Verwandte bei mir, um Abzüge alter Bilder oder ähnliches zu ergattern. Einmal habe ich eine Studentin unterstützt, die im Rahmen ihrer Abschlussarbeit etwas nachforschen wollte“, berichtet Peter Liebsch, der in diesen Fällen zumeist selbst die Recherche übernimmt, um den Aufwand so gering wie möglich zu halten.

Verluste an der Online-Front

Rund fünf solcher Anfragen erhält Peter Liebsch pro Jahr und in der Regel wird er fündig, schließlich ist das Archiv mit vielfältigem Material ausgestattet. Zumindest, wenn es um Materialien aus jenen Zeiten geht, in denen der Computer noch nicht in jeden Bereich des menschlichen Lebens Einzug gehalten hatte. „Mit dem Voranschreiten der Digitalisierung erhalte ich immer weniger Protokolle, Fotos und andere Dokumente“, sagt Peter Liebsch. „Dabei sollte man doch meinen, dass es heute viel einfacher ist, mir die Daten zur Verfügung zu stellen. Vielleicht liegt es daran, dass die Leute einfach nicht mehr daran denken. Es wäre aber sehr schade, wenn wir beispielsweise die Erfolge unserer Spitzenpaare nicht mehr vollständig dokumentieren könnten.“

Denn für künftige Generationen von Filmemachern, Wissenschaftlern und ehemaligen erfolgreichen Tanzsportler*innen wäre es sicherlich ein herber Verlust, wenn sie bei ihrer Schatzsuche zwischen der mittelalterlichen Stadtmauer, dem spätbarocken Schloss und der dann vielleicht nicht mehr größten Spraybanane der Welt in Kirchheim-Bolanden leer ausgehen würden.