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Interview

"Wir müssen die Szene mitnehmen"

Der DTV-Breaking-Beauftragte Thomas Stark über den langen Weg nach Olympia

Von Sandra Schumacher

Thomas Stark ist als Breaking-Beauftragter des Deutschen Tanzsportverbandes und des Kooperationspartners TAF einer jener Köpfe, die gemeinsam den Weg zu den olympischen Spielen 2024 in Paris ebnen. Uns hat er einen kleinen Crashkurs in dieser Tanzsportart gegeben und uns verraten, welche Chancen sich durch die Teilnahme für die Breaker*innen eröffnen, weshalb es so viele kritische Stimmen innerhalb der Szene gibt und wie man den Befürchtungen der Skeptiker begegnen sollte.

Thomas, wer die Breaking-Szene verstehen möchte, sollte zunächst einen Blick auf die Wurzeln der heutigen Tanzsportart werfen. Kannst du die Anfänge für uns beleuchten?

Breakdance hat sich aus der Hip-Hop-Kultur in den USA entwickelt. Die Hotspots lagen vor allem entlang der Ostküste, während an der Westküste eher Popping und Locking im Vordergrund standen. Anfang der 1980er Jahre haben viele Jugendliche Breakdance genutzt, um in einer Zeit, in der auf den US-amerikanischen Straßen ein hohes Gewaltpotential herrschte, friedlich gegeneinander antreten zu können. Daraus entstand der erste große und weltweite Hype um diese Tanzform, der bis zum Ende der 80er anhielt.

Hier war aber noch längst nicht Schluss …

1990 fand erstmals in Deutschland das Battle of the Year statt [der größte und bedeutendste internationale Breakdance-Wettbewerb, Anm. d. Red.], dessen Sieger innerhalb der Szene viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Mitte der 90er tauchte dann auch Breakdance wieder in vielen Musikvideos auf, von denen eines der bekanntesten wahrscheinlich „It’s like that“ von Jason Nevins und RUN DMC war. Darin treten zwei Gruppen in einem Battle gegeneinander an, und so gut wie jeder, der in den 90ern groß geworden ist, kannte dieses Video. Auch für mich war es eines der prägendsten seiner Art. In diesem Zeitraum entstand eine zweite große Breaking-Welle.

Das klassische Bild von rivalisierenden Straßengangs, die sich tänzerisch auf asphaltierten Hinterhöfen duellieren, dürfte aus diesen ersten beiden Aufschwüngen noch in einigen Köpfen verblieben sein. Wieviel davon ist heute nur noch Klischee und was ist übriggeblieben?

Der Tanz auf der Straße ist noch immer präsent, wir trainieren auch heute gerne draußen. Meine Jungs und ich schnappen uns beispielsweise gerne eine Rolle PVC-Boden und eine Musikanlage und gehen damit auf den Sportplatz. Manchmal trainieren wir auch bei einem von uns auf dem Platz vor der Garage; grundsätzlich suchen wir uns aber Orte, an denen wir keine Anwohner belästigen. Es gibt auch viele Künstler, die sich auf Straßenshows spezialisiert haben. Aber natürlich hat sich die Szene seit den 80ern weiterentwickelt und professionalisiert, Trainingseinheiten finden selbstverständlich auch in Hallen oder Clubs statt, und es gibt Menschen, die vom Breaking leben können.

Kannst du die Tanzsportart kurz für uns in einer Art Anfänger-Guide zusammenfassen?

Breakdance ist grundsätzlich eine Kunstform, ein Ausdruck von Freiheit. Jeder hat seinen eigenen Stil und es gibt keine feste Formel oder standardisierten Moves, die auf jeden Tänzer angewendet werden könnten. Das ist ja gerade das Schöne daran und es gehört zu unserer Kultur. Trotzdem gibt es natürlich verschiedene Grundelemente. Dazu gehören Top Rockings (Bewegungen im Stehen), Footworks (Schritte, die am Boden ausgeführt werden), Freezes (statisch gehaltene Figuren) und Powermoves (Drehbewegungen, beispielsweise auf dem Kopf). Hieraus ergeben sich einige Kombinationsmöglichkeiten. Grundsätzlich gibt es beim Breaking aber keine Limits, auch andere Bewegungsformen, beispielsweise aus dem Capoeira sind erlaubt. Um diese unterschiedlichen Stilarten bei Wettkämpfen besser bewerten zu können, haben Tänzer*innen aus der Szene gemeinsam mit dem Welttanzverband (WDSF) im Hinblick auf die olympischen Spiele ein objektives Wertungssystem entwickelt, das seit 2018 eingesetzt wird.

Nun soll Breaking 2024 in Paris olympisch werden und zählt damit zu den Leistungssportarten. Lässt sich das mit diesem Freiheitsgedanken vereinbaren?

Das ist im Moment natürlich ein Riesenpunkt, der viel Skepsis in der Szene hervorruft. Wir Tänzer sind keine Sprinter, bei denen derjenige gewinnt, der zuerst über die Ziellinie läuft, die Leistungsbewertung ist bei uns – wie bei vielen anderen Tanzsportarten auch – viel komplexer. Breaking ist ein Tanz, der sich aus einer Kultur heraus entwickelt hat. Bisher haben wir uns völlig frei organisiert, daher kann ich natürlich verstehen, dass viele unserer Tänzer*innen jetzt Angst haben, dass ihnen ein Regelwerk vorgesetzt wird, das sie komplett einschränkt.

Ist diese Angst berechtigt?

Nein, denn zum einen weiß ich aus meinen Gesprächen mit den DTV-Verantwortlichen, dass nicht die geringste Absicht besteht, die deutschen Breaker*innen zu limitieren. Dieser neue leistungssportliche Aspekt ist nur ein Teil unserer Kultur, und wer hier nicht mitmachen will, muss das natürlich nicht. Diese Entscheidung steht jedem frei. Zum anderen wollen wir für die weiteren Schritte noch mehr gute Leute aus der Szene ins Boot holen, die sich mit der Materie auskennen und die diesen ganzen Prozess im Sinne aller B-Girls und B-Boys in die richtigen Bahnen lenken.

Hast du dich deshalb entschieden, Breaking-Beauftragter beim DTV zu werden?

Ursprünglich wollte ich gar nicht so sehr in den Organisationsbereich einsteigen. Eigentlich wollte ich bei der Durchführung von Veranstaltungen helfen, beispielsweise bei den Finals Rhein-Ruhr 2020, einer sportlichen Großveranstaltung, in die auch die Deutsche Meisterschaft im Breaking integriert sein sollte. Leider ist das Event Corona zum Opfer gefallen. In der darauffolgenden Zeit habe ich festgestellt, dass das Projekt ein wenig ins Stocken geraten ist, was natürlich auch an der Pandemie gele[1]gen hat. Da ich ein Gestaltungsmensch bin, wollte ich den DTV hier unterstützen.

Was ist dir bei deiner Aufgabe wichtig?

Der weitere Prozess muss transparent bleiben, damit wir die Szene nicht abhängen. Mir liegt außerdem am Herzen, dass jeder eine Chance bekommt, der Bock auf Olympia hat und die Qualität hat, sich einen Platz im Kader zu sichern. Mit Marco Baaden haben wir den Tänzer*innen nun einen Bundestrainer an die Seite gestellt, der über den Respekt und die Credibility in der Szene verfügt. Damit sind wir auf dem richtigen Weg und können die Vorteile, die uns eine Aufnahme ins olympische Programm eröffnet, nutzen.

Wie sehen diese Chancen konkret aus?

Durch Olympia haben wir zum einen die Möglichkeit, eine große Masse auf uns aufmerksam zu machen und die breite Öffentlichkeit anzusprechen. Diejenigen, die vom Breaking leben, können unheimlich davon profitieren. Beispielsweise deshalb, weil unsere Tanzsportart auch ein Stück weit attraktiver für den Nachwuchs wird, denn auf Jugendliche wirkt es natürlich anziehend, wenn sie wissen, dass sie irgendwann mit ihrem Hobby eine Olympia-Medaille gewinnen können.

Eine Art olympischen Testlauf gab es 2018 bei den Jugendspielen in Buenos Aires, dabei ist Breaking sehr gut angekommen. Was macht diese Tanzsportart für die Öffentlichkeit so interessant?

Der Reiz liegt einerseits darin, dass Breaking in diesem Rahmen etwas völlig Neues ist. Rennen und Springen, das gab es alles schon, aber Jungs und Mädels, die auf diese spezielle Weise durch die Luft fliegen, eher nicht. Andererseits entsteht durch den Battle-Modus, ein 1-gegen-1-Modell, bei dem die Tänzer in einer Art Frage-Antwort-Spiel aufeinander reagieren, um sich gegenseitig zu übertrumpfen, eine starke Dynamik. Diese Energie spürt wiederum das Publikum, das sich häufig anstecken und mitreißen lässt.

Während bei den Jugendspielen kein Edelmetall für das Team Deutschland heraussprang, tütete B-Girl Jilou ein Jahr später bei den WDSF-Weltmeisterschaften in Nanjing die Bronzemedaille ein. Wie beurteilst du die Chancen für die deutschen Breaker*innen bei Olympia 2024?

In den 2000er Jahren waren unsere Tänzer*innen ganz oben unterwegs, danach ist die Erfolgswelle etwas abgeflacht. Mittlerweile haben wir aber wieder sehr gute Leute und können gespannt nach Paris blicken.