Peter Ries

Freier Journalist & Autor , Düsseldorf

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Artikel

Der 11. Monat und die Kopf-Schublade

Der 11. Monat und die Kopf-Schublade © p.ries 2019

Jedes Jahr ist Weihnachten - die Zeit der Besinnlichkeit, die Zeit der Familien und die Zeit des Zusammenseins.

Es ist die Zeit, in der die „Anleitung" für ein wenig mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe aus jener „Schublade" in den Köpfen geholt wird, in welcher sie leider viel zu oft elf Monate verborgen lag. Wir freuen uns auf einen besinnlichen Jahresausklang mit einem fröhlichen Finale - dem Weihnachtsfest und auf ein „hoffentlich" erfolgreiches und gesundes neue Jahr.

Für eine kurze Zeit werden wir nicht müde, allen nur das Beste zu wünschen. „Frohe Weihnachten", „Frohes neues Jahr" - „Guten Rutsch" - „Viel Glück und Gesundheit", sind die beliebtesten Worte. Streitigkeiten der letzten Monate werden erst einmal eingestellt - leider oft nur bis ein, zwei Tage nach Silvester.

Die Bereitschaft, etwas für die Armen unserer Gesellschaft zu spenden, wächst sprunghaft an. Auf allen Fernsehprogrammen sehen wir die jährlichen Spenden-Aktionen zugunsten armer, kranker Menschen und Kindern, die sich zum Beispiel kein Smartphone oder eine Spielekonsole - geschweige ausreichend gesunde lebensmittel leisten können und an den Essens-Tafeln anstehen müssen.

Und wie jedes Jahr übertragen die Fernseh Anstalten die immergleichen Märchenstunden, die wir schon seit unserer Kindheit zigmale gesehen haben - wenn wir einen Fernseher hatten. Es herrscht eine Zeit, in der die meisten Menschen etwas zugänglicher und mitfühlender zu sein scheinen.

Aber weshalb immer nur zu Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel? Wäre es nicht besser, die „Anleitung für elften Monat" das ganze Jahr über zu nutzen und die „Kopf-Schublade" mit anderen Dingen zu füllen?

Was hält uns davon ab, selbst ein wenig glücklicher zu werden und unsere Mitmenschen - ob arm oder reich, ob „ungläubig" oder Christen, Juden oder Muslime - einfach zu akzeptieren, wie sie sind? Glaubt man denn wirklich, dass alle „Fremden" oder „Flüchtlinge" nur Böses im Schilde führen?

Auch "Flüchtlinge" sind Menschen wie wir. Die allermeisten wollen hier in Frieden leben und sich engagieren, weil sie in ihren Herkunftsländern um ihres -und das Leben ihrer Frauen und Kinder bangen müssen. Wer oder was gibt uns das Recht, diese Menschen auszugrenzen und anzufeinden?

Stellen wir uns doch die Frage:

Würden wir nicht auch vor Krieg und Gewalt flüchten? Würden wir nicht auch unsere Kinder, Mütter, Väter und Frauen schützen? Glauben wir tatsächlich, dass wir nie in diese Lage geraten könnten? Niemand muss sich verbiegen, aber schon eine nette Begrüßung, ein minimales verziehen des Mundwinkels zu einem Lächeln oder nur einmal Danke sagen, kann nicht nur Berge versetzen - es kostet auch nichts.

Stattdessen erleben wir oft Hass, Neid, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit. Märchen gibt es auch weniger im TV, dafür aber von morgens bis morgens „Tatort", Gewalt und Mord. Dazu gesellen sich die Schlagzeilen-Sendungen über Gewalt, Verfolgung und Kriege in der Welt, die durch eine Handvoll Aggressoren und Präsidenten und deren Mitläufer angezettelt wurden und die Weltenbevölkerung in Lagern aufteilen.

Zwar befinden wir uns n o c h nicht in einem 3. Krieg - sicher sein, dass es so bleibt, können wir jedoch nicht. Denn auch in Deutschland gab es Anschläge mit Opfern. Auch in Deutschland gibt es Gruppierungen, die die demokratische Grundordnung unseres Staates mit Füßen treten und das Leben der Menschen in Gefahr bringen. Auch in Deutschland gibt es Menschen, die ihre Retter ins Gesicht schlagen, Polizisten verletzen, Menschen, die ihre Frauen und Kinder schlagen und sexuellen Missbrauch an Kindern begehen.

Wir haben hier zwar noch keinen 3. Weltkrieg - aber wenn er käme, sterben auch diese Menschen, ihre Angehörigen Kinder, Väter, Mütter und ihre Freunde.

Ich wünsche euch elf und einen Monat lang Einsicht, Besinnlichkeit und Wohlbehagen und möget Ihr die Kraft aufbringen, eure Mitmenschen, das Land und die Gesetze zu achten.

Mögen alle zu der Erkenntnis gelangen, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind und, dass Geiz, Selbstsucht, Hass oder Ausgrenzung und Ignoranz nie zu einem besseren Leben für sich selbst und den anderen Menschen führen kann.

Knipsen wir doch einfach mal ein Auge zu und legen wir nicht jedes Wort auf die „Goldwaage". Halten wir inne, bevor wir etwas sagen oder tun, was uns allen schaden könnte. Gönnen wir doch auch den „anderen" einmal Erfolg.

Allen Menschen wünsche ich eine friedliche und schöne Zeit

in versöhnlich gestimmter Verschiedenheit

Ihr/Euer Peter Ries

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