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Sanfte Revolution in Rosa

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Millenial Pink gehalten © Lena Grehl

Das Pantone Color Institute, das seinen Sitz im US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey hat, arbeitet zwei Jahre im Voraus an den jährlich auserkorenen Trendfarben. Nur eine Trendfarbe auszuwählen war der Farbmarketing-Agentur im vergangenen Jahr aber nicht genug. Stattdessen präsentierte sie einen Farbverlauf von Rose Quartz, einem warmen, hellen Rosa, zu Serenity, einem Blauton, der an einen strahlend blauen Himmel erinnert. Beide Farben sollen beruhigend auf das von Vierzig-Stunden-Arbeitswoche und kapitalistischen Zwängen gebeutelte Gemüt wirken. Das Interessante daran ist aber: Der Farbenmix soll laut Institut auf die zunehmend verwischenden Grenzlinien zwischen den Geschlechtern hinweisen.

Dass dafür gerade Farben ausgesucht wurden, die besonders oft für Genderklischees und Geschlechterbinarität herhalten, scheint erst mal konsequent. Vor allem dominiert Rosa dieses Jahr ganze High-End-Kollektionen, etwa von Gucci oder Rihannas Fenty Col­lection bei Puma. Von Interieur-Editorials, Buchcovern und ganzen Marketingkampagnen ganz zu schweigen. Rapper und Schauspieler Drake zeigt sich in einem zart rosafarbenen Mantel der italienischen Herrenmarke Stone Island, und auch das Cover zu seiner Single „Hotline Bling" ist komplett in Rosa gestaltet. Rihanna schickt ihre männlichen Models in rosa Satin-Brokat-Einteilern über den Laufsteg. Gender Bending ist, so scheint es, in der Mode und in der Popkultur jetzt offiziell Trend.

Assoziationen mit der Farbe Rosa bewegen sich häufig zwischen Barbie, schwulen Männern, Paris Hiltons ikonischen Jogginganzügen von Juicy Couture von 2003 (die Marke ist vor allem für ihre Velours-Zweiteiler und mit Strass besetzten Schriftzüge bekannt) und diesen Schaumerdbeeren, die immer in den Zähnen kleben bleiben. Die Farbe steht für eine vergangene Ästhetik, die direkt aus den abschließbaren Tagebüchern der zwischen 1980 und 1995 geborenen Millennials entsprungen sein könnte. Als Anfang Zwanzigjährige verkläre ich Kindheitserinnerungen - Erinnerungen an Zeiten, in denen Mädchenträume aus rosa Hartplastik hergestellt wurden. An rosa Kaugummi. Oder an den mit rosa Plüsch verzierten Stift, den sich Cher, Hauptfigur im Teen-Kultfilm „Clueless", in Momenten absoluter Ahnungslosigkeit gerne an den Mund hält. Ich suche auf YouTube nach „Fuzzy Pen Do It Yourself Anleitungen". Aber auch die kontrollsüchtige und intrigante Regina George aus der Filmkomödie „Girls Club - Vorsicht, bissig!" forderte uns auf, jeden Mittwoch Pink zu tragen. Die Liste der möglichen popkulturellen Referenzen ist lang.

Der Diskurs um die Farbe Rosa ist klassistisch (siehe Cindy aus Marzahn), sexistisch („Pink Tax" heißt das Phänomen, bei dem Produkte für Frauen teurer verkauft werden als jene für Männer) und ableistisch geprägt (wenn etwa Träger*innen von Rosa Infantilität und geistige Unreife unterstellt wird). Keine andere Farbe wurde in den letzten Jahrzehnten so stark mit Weiblichkeit verknüpft. Doch das war nicht immer der Fall.

Das „kleine Rot", als das Rosa im frühen 20. Jahrhundert beschrieben wurde, galt als eine abgeschwächte Form von Rot, die als Signalfarbe an Krieg und Blutvergießen erinnert und so hauptsächlich Männerkörper zierte. In den 1920er-Jahren trugen kleine Jungen vornehmlich Rosa, Mädchen hingegen wurden in helles Blau gehüllt, das an die Gewänder der Jungfrau Maria erinnern sollte.

Mit dem Aufkommen der Blaumänner und der Matrosenkleidung veränderten sich auch Wahrnehmung und Wertung der Farben, die in der westlichen Welt bestimmten Geschlechtern zugeordnet wurden. Wodurch...

Modefirmen nutzen Protestästhetik, um ihr Image aufzupolieren. Aber: Bewegt das auch was?

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