Wie eine große Spieluhr: First English Handbell-Choir Nürnberg

von Katharina Wasmeier

„Und nochmal Takt vier bis sieben bitte“, verfügt Thomas Keeton, „das war rhythmisch noch nicht ganz korrekt.“ Dann nochmal Takt sechs, weil „das nicht ganz schön zusammen war“, dann nochmal Takt 48, weil sich ein schiefer Ton eingeschlichen hat. Wieder und wieder lässt der Leiter des „First English Handbell Choir“ seine zehn Schützlinge die Passagen ausgewählter Stücke üben. Klar: Am kommenden Dienstagabend, da muss alles sitzen. Dann nämlich gibt es im Zuge des „European Handbell Festivals“ ein international besetztes Konzert: Fünf verschiedene Handglocken-Chöre spielen gemeinsam, über 70 Musiker in den volltönenden Gemäuern der Gustav-Adolf-Kirche – die noch nie in der Konstellation gemeinsam geprobt haben. Dass die zehn Mitglieder des Nürnberger Handglocken-Chors da hochkonzentriert ans Werk gehen, nimmt da kaum Wunder. Noch weniger, wenn man zusieht, was da so passiert. Ein Handglocken-Chor funktioniert wie eine große Spieluhr. 62 Glocken decken 5 ½ Oktaven ab, 49 Klangstäbe oder „Choir-Chimes“ noch einmal vier Oktaven. Jeder Spieler ist sozusagen zuständig für vier bis zehn Glocken. Und hat, so Chorleiter Thomas Keeton, „zwei Aufgaben: Notenkenntnis und richtig zählen können.“ Keeton selbst ist Profi. Der pensionierte Oberstleutnant, der als Krankenpfleger in der US-Army gedient hat und so von Pensylvania nach Nürnberg kam, ist mit der hierzulande weitestgehend unbekannten Kunst des Handglockenspiels lang vertraut, spielt die aus England stammende und einst mit Kirchenglocken geläutete Kunst in seiner Heimat doch eine große Rolle. Die alte Liebe wiederentdeckt hat er Anfang der 1990er Jahre als Leiter des Kapellenchors der William O. Darby-Kaserne in Fürth. Kam der Pater eines Tages und sagt „Schau, was ich entdeckt habe!“, und zeigte die verstaubten Glocken. Die Idee zum „First Englisch Handbell Choir war geboren“ – und besteht bis heute, probt jeden Mittwoch in der Gustav-Adolf-Kirche, bestreitet Auftritte bei kirchlichen und weltlichen Veranstaltungen deutschlandweit, ist Thema vieler Rundfunk- und Fernsehreportagen. Für  sein Engagement wurde der 74-jährige Chorleiter unlängst mit dem „Soli Deo Gloria“-Preis der evangelisch-lutherischen Landeskirche ausgezeichnet. Längst besitzt Tom Keeton seine eigenen Glocken, hat gemeinsam mit seinem Partner Werner Schmelz alles aus den USA importiert – 72 bronzene Glocken, die schwerste, „Big Ben“, sagt er, wiegt rund vier Kilogramm. Angeordnet werden die Glocken ähnlich einer Klaviertastatur, jeder Spieler ist Solist: Fällt er aus, fehlen auch die Töne. Die erzeugt werden durch Streichen und Schlagen, durch Schwingen und Abdämpfen, die breit sind in der Variation und warm im Klang. Volltönend, tragend. Die Achtel-Noten, die sind schwierig bei der Probe: Ist ein Spieler auch nur einen Hauch zu langsam, gerät alles aus dem Takt. „Wir sind aufgeregt“, gesteht Tom Keeton. Das Konzert am 27. Juni um 19 Uhr, das wird eine große Sache. Die Dirigentin Deborah Rice habe den Nürnbergern Noten und ihre Vorstellung der Interpretation geschickt. Da muss jede Bewegung, jeder Schlag sitzen, damit die fünf fremden Chöre später gleich klingen. Von Kirchenliedern über Klassik und Gospel bis hin zu modernen Stücken – „die ganze Palette“ können die Handglockenspieler abdecken. Wenn nicht die Mitglieder ausgehen, die Neugierigen, die gerne kommen sollen zu den Proben, herzlich eingeladen sind zum Konzert, bei dem die Größe des Glockenspiels ihren ganzen Raum in der alten Kirchenhalle einnehmen darf. Wenn man die Augen schließt, kann man die alten Kirchtürme sehen und die Glocken, die von den mittelalterlichen Wechselläutern gespielt werden.


Konzert des „First English Handbell Choir Nuernberg“ im Rahmen des „European Handbell Festival“ am Dienstag, 27. Juni, 19 Uhr in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche, Allersberger Straße 116, Nürnberg; Eintritt frei; glockenchor-nuernberg.de

 

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Nürnberg

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