Ausprobiert: Lebkuchenverkäufer

von Katharina Wasmeier

Tosende Massen hatte ich mir vorgestellt, ein wogendes Meer aus Menschen, Touristen, die den Hauptmarkt fluten, die Stadt aus Holz und Tuch umspülen, und ich, der Kapitän, mittendrin auf meinem Schiff. Ok – es ist nass. Ok – es ist schon irgendwie wie auf einem Schiff. Allerdings eher wie auf der Arche Noah, nachdem sie auf Grund gelaufen ist. Und ungefähr genau so voll ist es um mich herum. Im Schiff. Draußen nicht. Draußen nämlich regnet es in Strömen. Deswegen sitzt der Tourist, weil er schlau ist, auch innen in einem Caféhaus, und der Nürnberger auf der Couch. Anstatt auf dem Christkindlesmarkt zu flanieren. Das tut der Stimmung in der Arche, aka „Lebkuchen Müller“ aber keinen Abbruch. Unverdrossen tut man hier, was man seit Generationen eben tut: Früchtebrot verkaufen. Und Lebkuchen. Große und kleine, dicke und dünne, bunte und blasse – ein Abbild der Gesellschaft, nur ungleich kalorienreicher. Seit 1899 machen die Müllers in Lebkuchen, erzählt Andreas Müller, einer von drei Brüdern und amtierender Aufsichtsrastvorsitzender. Um mich zu beaufsichtigen, schließlich soll ich jetzt hier mal was über die Theke bringen und dabei möglichst nicht geschäftsschädigend agieren. Damit ich zumindest auf den ersten Blick nicht gleich unangenehm auffalle, steckt man mich in dickes rotes Fleece und eine schneidige Schürze. Wegen Corporate Identity. Und wegen Kälte. Oder gegen. 22 Meter misst die Front der Bude, mit denen die Müllers seit den 1920er Jahren Alt und Jung mit Nürnbergs berühmtestem Gebäck erfreuen. Da zieht’s freilich rein. Von oben wärmen Lampen, von unten isoliert die Holzempore, von der hinab das süße Brot unters Volk gebracht wird. Dazwischen ist der raue Dezemberwind – theoretisch, praktisch nieselt es bei heimeligen 15 Grad. Täglich von 10 bis 22 Uhr wird hier gestanden, der Schaustellertag dauert freilich länger, man muss ja auf- und abbauen und putzen und was halt so dazugehört, erzählt Clan-Mitglied Gabi und wirft nonchalant Wurstsemmeln auf den Tresen. In der ersten Woche ernähre man sich noch von dem, was die umgebenden Buden so feilbieten, der Appetit darauf nehme in der Folge jedoch rapide ab. Kann ich kaum verstehen. Ich rieche Lebkuchen. In drei ortsansässigen Bäckereien werden die hergestellt, nach Müller’schem Rezept, entsprechend gibt es dreierlei Sorten: nussiger, saftiger und marzipaniger. Weißbraunschoko und supersonderspezial mit Apfel-, Orange-, Glühwein-, Chili- und Kaffeebrösel-Glasur. Da muss der Kunde sich erstmal entscheiden. „Das Früchtebrot da ganz vorne, das hätte ich gern“, sagt eine ältere Dame listig und zeigt auf eine Scheibe sehr weit weg von mir. „Im Ernst jetzt? Wie soll ich da hinkommen, ich hab meine Teleskoparme daheim vergessen?“ frag ich und bekomme einen Ellenbogenrüffel vom Chef. Auf die Kundenwünsche, sagt Andreas, müsse man schon eingehen. Gesetzt den Fall, man reiße nicht die gesamte Auslage ein. Ich buddle die gewünschte Scheibe aus und reiße nur die halbe Auslage ein. „Verzeihung, ich bin nur der Praktikant“, sag ich und hab schon wieder vergessen, was das jetzt macht. „Macht einen Euro“, assistiert Claudio und unterweist mich in der hohen Kunst des hygienischen Früchtebroteinpackens. Claudio kommt aus Rumänien und ist seit drei Jahren mit im Team. Das besteht aus zehn bis zwölf Personen. Unter der Woche. Am Wochenende 17. Ein hübscher Pinguin-Effekt, finde ich, da sardinenbüchst man sich gegenseitig warm. Wenn sie nicht weihnachtsmarkten, touren die Müllers durch die Lande und mästen das Volk mit Eis und gebrannten Mandeln. Alles selbstgemacht, versteht sich. Der Asiate versteht hingegen nicht, was eine Oblate ist. „Da kann man oft mit Hand und Fuß so viel erklären wie man will“, sagt Andreas, „ich hab schon beobachtet, wie Kunden dann ein paar Meter auf die Seite gehen und versuchen, den Lebkuchenteig von der Oblate abzunagen.“ Im Beobachten ist man hier ganz groß. Wer gerne Menschen guckt, so wie ich, der tut das am besten nur noch von der Weihnachtsbude aus. Immer freundlich lächeln und sich seinen Teil denken. Frau und Tochter Hochwohlgeboren wiegen frischbepelzt Kalorien gegen Lust ab. Herr Durchreisendberufstätigt wünscht eine individuell zusammengestellte Mitbringdose, ob das dann wohl mehr kostet? Tut es nicht. Ein Lebkuchen kostet 2,20 Euro, fünf halt dann entsprechend … äh Moment, zehn an, fünf im Sinn … „Schau, da oben hängen doch alle Preislisten“, souffliert Andreas und zeigt auf inwändig angetackerte Spickzettel … „Elf Euro bitte“, verkünde ich mit Entdeckerstolz. Doch wo kein Kunde, da kein Wissenvertiefen. Ob ich nicht vielleicht ein paar Lebkuchenschnitzen auf einem Tellerchen drapieren und marktschreierisch potentielle Kunden vor anderen Buden abwerben dürfe, tät ich gerne wissen. Darf ich nicht. Überhaupt darf man verschiedenstes hier nicht, muss dafür sehr viel. Die Bude entsprechend der Vorschrift garnieren – einen Tannenränklein hier, ein einheitliches Lämpchen dort, zum Beispiel. Und sozusagen bewerben, erzählt Andreas, muss man sich auch jedes Jahr neu um seinen Platz. Was der kostet, verrät er nicht, ebenso wenig, wie die Antwort auf die Frage, wie viel Umsatz man hier wohl so mache in den vier Wochen. „Und wie viele Lebkuchen verkauft ihr so in der Zeit?“ versuche ich eine List. Da hab ich aber die Rechnung ohne den Müller gemacht. „Das weiß ich doch nicht“, windet der sich. „Erzähl mir doch nichts!“ attackiere ich. „Nein wirklich nicht“, pariert er. „Das musst du doch wissen!“ insistiere ich. Naja also, zögert der Lebküchner, so über 10 000 werden’s schon sein. Kann ich nicht ausrechnen. Kein Spickzettel an der Wand. Ist glaub ich ganz ordentlich. 

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Porträt von Katharina Wasmeier

Katharina Wasmeier

Nürnberg

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