Mit Laib und Seele: Wanderbäckerei Kasing
„Sie hatten letztes Jahr so gutes Rosinenbrot …“ sagt ein Kunde vorsichtig zu Volker Kasing. „Ja, das ist alle“, antwortet der fröhlich. „Aber wir haben Frisches gebacken!“ und reicht dem verdutzten Mann ein duftend-krosses Brot über die Theke. Es sind Situationen wie diese, die Volker Kasings Bäckerei zu einem Publikumsmagneten auf den Messen und Märkten im ganzen Land machen. Denn der 59-Jährige betreibt nicht nur „fast die einzige Wanderbäckerei Deutschlands“, sondern ist ein Marktbeschicker mit Laib und Seele.
Seit 1999, erzählt Albert Hartog, ist die Bäckerei zwischen 150 und 200 Tage pro Jahr unterwegs. Der 62-jährige gelernte Schiffskoch hatte Kasing in den siebziger Jahren auf der MS Europa kennengelernt, aus den Augen verloren und nach der Wiederbegegnung nach 22 Jahren beschlossen, künftig gemeinsam als Bäcker durch die Lande zu ziehen. Das Besondere an der Kompaktbäckerei, die auf wenigen Quadratmetern in einem Zelt untergebracht ist: „Wir machen von A bis Z alles selbst.“ Das, erzählt Kasing, erstaune die Leute immer wieder, weil „die das nicht gewohnt sind, dass es noch richtige Backstuben gibt.“ Und man in die auch noch hineinschauen kann. Im vorderen Bereich stehen zahlreiche Öfen, im hinteren das, was in mühsamer Handwerksarbeit erst noch zusammengebracht werden muss: Säckeweise Mehl, Salz, Hefe, verschiedenste Körner, dazu Röstzwiebeln und Rosinen – fünf Sorten Brot werden hier tagtäglich gebacken. „Ich stehe jeden Tag um vier Uhr morgens auf, um mit dem Vorbacken zu beginnen“, erzählt Hartog, während er mit der augengemessenen Selbstverständlichkeit jahrelanger Übung zwei Kilogramm schwere Teiglinge vom frischen, 160 Kilo umfassenden Grundteig „abdreht“ und zu Brotlaiben formt. Mindestens fünf solcher Grundteige werden pro Tag zu circa 80 Broten verarbeitet, der Grundteig durch Beimengen unterschiedlicher Zutaten in verschiedene Sorten verwandelt. Manchmal ist auch ein Zauberteig dabei. Den lässt Volker Kasing unter dem wachsamen Blick großer, staunender Kinderaugen auf einem Finger tanzen und verschwinden und holt ihn plötzlich hinter dem Ohr wieder hervor. Der Schausteller singt und schäkert, charmeurt und plaudert. Ohne Unterlass. Von morgens halb zehn bis abends um sieben. „Eine gute Grundlaune gehört natürlich dazu“, gesteht er, und dass manchmal schon auch Kunden dabei sind, die findet er doof. Aber dass ihm das bunte Leben Spaß macht, das Reisen, der Kontakt mit den vielen unterschiedlichen Menschen, die manchmal einfach nur so zu Besuch kommen, sich neben die Bäckerei stellen und zuhören, weil’s so eine Freude ist, den Wanderbäckern beim arbeiten zuzusehen und vor allem zuzuhören. Das Schlafen in Hotels oder dem umgebauten LKW, die anstrengenden Messetage oder, wie heute, verkaufsoffenen Sonntage, wenn die Leute meterlang Schlange stehen für ein Schmalzbrot oder Rosinenbrötchen, klar schlauche das, erzählt er, aber aufhören? „Daran verschwenden wir noch keinen Gedanken“, sagt der aus dem norddeutschen Delmenhorst stammende Wanderbäcker, zu dessen Unternehmen unter anderem eine Heringsbraterei gehört, und fragt die Kundin, ob sie das eben erstandene Brot zum „einpacken, einsperren oder gleich essen“ wünscht. Die konstant hohe Qualität erreicht die Bäckerei beispielsweise dadurch, dass das Mehl stets aus der immer gleichen norddeutschen Mühle geliefert wird – egal, an welchem Fleck Deutschlands gerade gebacken wird. „Es kommt nur was Gutes raus, wenn auch was Gutes reinkommt“, doziert der Chef über sein Erfolgsrezept, zu dem auch gehört, dass alle Brote und Brötchen laktosefrei und vegan (die Röstzwiebeln werden mit Pflanzenfett zubereitet) und somit für jedermann verträglich sind oder auf die Verwendung von Gärschränken verzichtet wird. Drei Wochen werden Volker Kasing und seine Mannschaft nun im Rahmen des Ostermarktes (oder „Häfelesmarkt“, wie es eigentlich heißt) die Nürnberger auf der Nordseite des Hauptmarktes zwischen Schaffellen, Küchenutensil und Irdenem bebacken und bespaßen. Ein Besuch lohnt sich allemal. Weil gute Laune einfach besser schmeckt.
Katharina Wasmeier
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