Karen Naundorf

Journalistin, Südamerika, Hamburg/Buenos Aires

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Buch

Ich bin mein eigener Fabrikant

in: "VÖLLIG UTOPISCH" (Hg. Marc Engelhardt) I Fabrikbesuche gehen so: Der Pressesprecher holt den Gast am Eingang ab. Beide setzen einen Helm auf, egal wie nah sie den Maschinen kommen. Dann darf der Besucher mit wenigen, von der Direktion im Vorfeld ausersehenen, Arbeitern sprechen, die dann den Arbeitgeber und vielleicht den Kaffeeautomat loben. Am Ende drückt der Fabrikant dem Besucher kräftig die Hand.
Zu Zanón bringe ich meinen Schlafsack mit. Die Arbeiter am Eingang der Fliesenfabrik grüßen mit Handschlag, manche auch mit Küsschen. Irgendwer hat noch versucht, die Gasheizung in dem ockerfarben gefliesten Lagerraum zu reparieren, in dem auch ein schmales Gästebett steht. Dass sie trotzdem nicht geht, spricht sich schnell in der Fabrik herum: »Du willst wirklich hier schlafen?« Ja, will ich. Obwohl es tatsächlich ziemlich kalt ist. Zanón ist in der Provinz Neuquén, im nördlichen Patagonien. Durchschnittstemperatur im Juli: 0 Grad. Der Vorteil der kargen Bleibe: Ich kann mich zu jeder Tageszeit frei in der Fabrik bewegen. In allen drei Schichten mit den Arbeitern sprechen. Soll ich sogar. Niemand will sich in den Vordergrund spielen.
Für mich sind die aufmüpfigen Arbeiter der Fliesenfabrik eine Art Superhelden im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, jeder für sich. Sie haben es geschafft, zu zeigen, dass Selbstver- waltung funktionieren kann. Zanón ist eines der größten der über 300 Unternehmen in Argentinien, in denen die Arbeiter seit der Wirtschaftskrise 2001 das Kommando übernommen haben. Heute sind laut Berichten der Nachrichtenagentur Télam 25 000 Argentinier in ehemals besetzten Fabriken, Hotels, Restaurants oder Druckereien beschäftigt, in denen die Beschäftigten nicht aufgeben wollten.
(...)

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17 Beispiele einer besseren Welt
Engelhardt, Marc (Hg), Pantheon (2013)

Klappentext:
Und es gibt sie doch: realisierte Utopien. Ein Jahr lang haben 16 Weltreporter Utopien überall auf der Welt aufgespürt, Projekte und Gegengesellschaften, in denen sich am Rande der Globalisierung Menschen mit Abenteurergeist und Chuzpe den Traum eines besseren Lebens im Hier und Jetzt erfüllen – und dabei nicht selten den etablierten Staaten an den Karren fahren.

In 17 Kapiteln erzählen wir von kleinen und größeren Aufbrüchen und Ankünften: von einem afrikanischen Dorf, in dem ein Grundeinkommen die Lebenssituation und -gestaltung der Einwohner komplett umkrempelt; von einer chinesischen Underground-Waldorf-Schule, die Alternativen zum gleichgeschalteten, leistungsorientierten Bildungssystem bieten möchte; oder von einer Aussteiger-Familie in Neuseeland, die nahezu autark mit der Natur lebt.

Wir erzählen von Menschen, die versuchen ihr Leben so zu gestalten, wie sie es sich wünschen zu leben; die sich von immer engmaschigeren Lebensprinzipien einer globalisierten Wirtschaftsordnung, die kaum mehr Alternativen und Visionen zuzulassen scheinen, nicht bremsen lassen. Die das Glück, trotz aller Widerstände, in die eigene Hand nehmen. Das ist nicht immer einfach, aber – und das zeigt dieses Buch – es ist machbar.