Karen Naundorf

Journalistin, Südamerika, Hamburg/Buenos Aires

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Oscar Bin Laden

DER SPIEGEL I Foto: Karen Naundorf I Warum ein Bärtiger nicht mehr für Wal-Mart arbeiten darf Dreimal nur hat sich Oscar Brufani rasiert. Einmal, als er 18 wurde. Das musste sein, fürs Passfoto. Brufani fühlte sich nackt.
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Das zweite Mal schnitten sie ihm den Bart bei der Musterung ab. Er fand es entwürdigend. Und das dritte Mal bereut er noch heute: Er war 24 Jahre alt und wollte seiner Frau einen Gefallen tun. Die freute sich, doch die drei kleinen Töchter rannten davon. Sie erschraken vor dem Mann mit dem nackten Kinn. Nie wieder, schwor Brufani damals, würde er sich den Bart abschneiden.

Also ließ er ihn wachsen. Und nun auf einmal beschäftigen sich Anwälte mit seinem Gesicht, die Zentralstelle gegen Diffamierung, Fremdenhass und Rassismus ist eingeschaltet, und er, der kleine Oscar Brufani, kämpft gegen einen multinationalen Konzern. Argentinien steht hinter ihm, es geht gegen diese durchgedrehten Nordamerikaner, er ist in den Abendnachrichten. Brufani wäre nie auf die Idee gekommen, dass sein Bart so viel Ärger machen könnte.

Gut, einmal, unter der Militärregierung Ende der siebziger Jahre, da zerrten ihn Soldaten am Bart aus einem Lkw, Bartträger galten damals als subversive Linke. Aber Brufani war keiner von denen, die ihr Gesicht als politische Botschaft trugen, er wollte einfach nur so aussehen, wie er aussah. Fortan machte er einen Bogen um die Militärposten. Er wollte keinen Streit.

Sein Bart sei lang, aber hygienisch, sagt Brufani, heute 52 Jahre alt. Jeden Morgen wäscht er ihn mit Shampoo, damit er gut riecht. 34,5 Zentimeter ist er lang, angegraut, teils schon weiß. Bei der Arbeit steckt er ihn in sein Hemd wie andere Leute eine Krawatte unter den Pullunder.

Als selbständiger Kleinunternehmer beliefert Brufani alle großen Märkte im Süden von Buenos Aires mit Kartoffelchips. Es kommt auf Pünktlichkeit an. Es ging immer gut für Oscar Brufani.

Bis zum Oktober 2004.

Wie jeden Tag steht er mit seinem Lkw in der Ladezone von Wal-Mart in La Plata. Er hat die Kisten abgeladen, will nach Hause, nur der Lieferschein fehlt noch. Aber die Filialleiterin lässt ihn warten, sie spricht mit zwei Wal-Mart-Kontrolleuren aus den USA.

Die Typen im Anzug sind Brufani schon beim Abladen aufgefallen, weil sie ihn anstarrten. Sie musterten ihn, tuschelten. Schauten weiter zu ihm rüber. Dann gingen sie zum Büro der Filialleiterin.

"Sie können hier nicht mehr arbeiten, Anweisung von oben", sagt die, so erzählt Brufani, als sie endlich auf den Parkplatz kommt. "Habe ich etwas falsch gemacht?", fragt Brufani. Nein, sein Bart sei schuld, habe die Filialchefin geantwortet: "Die Kontrolleure finden, Sie sehen aus wie Osama Bin Laden. Wenn Sie auf den Aufzeichnungen der Sicherheitskameras zu sehen sind, verliere ich meinen Job."

Die haben einen Knall, die Nordamerikaner, denkt Brufani. Glauben die wirklich, Bin Laden würde Chips ausliefern? In eine Filiale in La Plata?

Am nächsten Tag verweigert ihm das Sicherheitspersonal den Zutritt. Brufani versteht nicht. Er ist Argentinier, Sohn italienischer Einwanderer, im Wohnzimmer hängt ein Kreuz. Von Bin Laden weiß er nur, dass der Terrorist sein soll und sich in Höhlen versteckt, in denen keine Kreuze hängen.

Brufani fährt weiter Chips aus, er beliefert seine üblichen Kunden, nur die Tore von Wal-Mart in La Plata bleiben verschlossen. Für Brufani ist das eine Katastrophe.

"Ich muss Wal-Mart beliefern, sonst bin ich raus", sagt er. Also bezahlt er einen Fahrer und gibt Anweisungen fürs Abladen, Brufani versteckt sich so lange unter dem Handschuhfach.

Immer wieder hofft er, dass die bei Wal-Mart zur Besinnung kommen, immer wieder versucht er, selbst auf das Geländezu kommen. Ohne Erfolg. Im August dieses Jahres reicht es ihm. Er nimmt sich einen Anwalt, kleine Kanzlei, aber Erfahrung. Der Anwalt hat mal einen Diskriminierungsfall betreut, da ging es um einen Juden, der einen Supermarkt nicht betreten durfte. Die Parteien einigten sich, bevor der Streit vor Gericht kam.

So soll es auch diesmal gehen, hofft Brufani, außergerichtlich, lautlos und schnell. Vielleicht, denkt er, kommt am Ende sogar eine Entschädigung raus.

Doch bisher ist noch nicht einmal klar, ob der Konzern überhaupt Vorschriften verletzt. Ist es strafbar, zu behaupten, dass Brufani aussieht wie ein Top-Terrorist, von dem man keine Kartoffelchips geliefert bekommen möchte? Das ist sehr speziell, wird aber womöglich vom Antidiskriminierungsgesetz nicht erfasst - Brufani wird ja weder aus religiösen noch aus rassistischen Motiven diskriminiert. Der Anwalt würde gern mit Wal-Mart reden, aber die Amerikaner reagieren nicht.

Die Klage von Brufani sei haltlos, heißt es lapidar in einer Presseerklärung des Konzerns. Außerdem habe Wal-Mart Kleidungsrichtlinien. In welcher Form Brufani diese verletzt haben soll, steht nicht in der Erklärung.

Brufani hat nie versucht, bei Wal-Mart einzukaufen, dafür geht er zur Konkurrenz, da ist er willkommen. Letztes Jahr begrüßte ihn sogar jemand von der Geschäftsleitung, als er gerade an der Kasse stand. "Wir haben Sie auf den Überwachungsbildschirmen gesehen", sagte die junge Frau. "Möchten Sie für uns als Weihnachtsmann arbeiten?"
Veröffentlicht am: 30.10.2006