Karen Naundorf

Journalistin, Südamerika, Hamburg/Buenos Aires

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Mein Vater, der Folterer

NEON | Fotos: Fuessenich/Zintel I Rita Prettis Vater entführte, quälte und mordete, als in Argentinien die Militärs an der Macht waren. Seit Rita Bescheid weiß, will sie nur noch eins: anders heißen als ihr Vater

Zum letzten Mal streitet Rita mit ihrem Vater, als die Folterfotos aus dem Irak auf den Titelblättern sind. Rita hat den Clarín, die größte argentinische Zeitung, mit nach Hause gebracht und mitten auf den Küchentisch gelegt. 

Sie will wissen, was ihr Vater zu den Bildern sagt. Lynndie England ist darauf zu sehen, die US-Soldatin in Abu Ghraib. Sie lacht, hält einen nackten irakischen Gefangenen lässig an einer Hundeleine, der Mann liegt gekrümmt auf dem Boden.

Seit langem ahnt Rita etwas, an jenem Abend will sie es wissen. Sie zeigt auf die Folterfotos und sagt zu ihrem Vater: »Ich kann so was einfach nicht verstehen.« » Ich schon«, sagt Valentín Milton Pretti. Er ist damals 68 Jahre alt, seine Haare sind schneeweiß geworden über die Jahre. Orangen isst er mit Schale, weil er keine Lebensmittel vergeuden will, das hat er als Kind auf dem Land gelernt. Von den vier Kindern ist Rita sein Liebling.

Als sie zum ersten Mal betrunken und mit Liebeskummer nach Hause kam, presste er eine Zitrone gegen den Kater aus und ließ sie bei sich im Bett übernachten.

Wenn ihr Vater an jenem Abend vor zwei Jahren nicht weiter gesprochen hätte, würde Rita wahrscheinlich noch mit ihren Brüdern im gleichen Haus wohnen. Sie würde zu Familienfesten eingeladen. Sie hätte ihren Hund nicht weggeben müssen. Sie hätte bei der Beerdigung des Vaters im letzten Jahr weinen können.

Und ihr Nachname wäre noch Pretti.

Aber Valentín Milton Pretti sprach weiter. Er erzählte aus der Zeit zwischen 1976 und 1983, den Jahren, in denen in Argentinien die Militärs an der Macht waren. In der Kritiker als Subversive galten, die man zum Schweigen bringen musste. In der 30 000 Menschen verschwanden, in geheimen Konzentrationslagern festgehalten, gefoltert und umgebracht wurden. In der es Pretti gut ging: Er hatte Geld. Mehrere Geliebte.

Und zu Hause eine Familie, die auf ihn wartete, allen voran die kleine Rita, die vier Jahre alt war, als die Militärdiktatur den »Prozess der nationalen Reorganisation« anstieß.

Valentín Milton Pretti war damals Polizist. Als sein Chef ihm anbot, mit »besonders gefährlichen Tätigkeiten« den doppelten Lohn zu verdienen, schlug er zu. Niemals hätte er es sich träumen lassen, einmal so viel Geld zu haben.

Gefährliche Tätigkeiten, das hieß: nachts in Wohnungen einbrechen und »Subversive« entführen. Sie in illegalen Haftanstalten zum Sprechen bringen. Morden, wenn es nötig sein sollte. Hätte Pretti an jenem Abend im Mai vor zwei Jahren nicht weiter gesprochen, hätte Rita das alles geahnt, aber nicht gewusst. Wahrscheinlich hätte sie im Verborgenen weiter mit sich gekämpft.

Doch Pretti sprach weiter. Er erzählte davon, wie er einmal mit der Entführercrew auf Streife war, diesmal sollten sie eine Guerillakämpferin abholen. Sie brachen die Tür zu ihrer Wohnung auf. Die Frau schluckte Zyankali und schoss auf ihren Sohn, damit er nicht in die Hände der Häscher fiele. Der Schuss habe den Kleinen jedoch nicht getötet, sagt Pretti. Den Kleinen ins Krankenhaus bringen? Unmöglich.

Also erschoss Pretti ihn. Aus Gnade. Als sei der Mord ein humanitärer Akt gewesen.

Vor Ritas Augen spielt sich ein Film ab: Papa erschießt einen kleinen Jungen. Papa kommt nach Hause. Papa nimmt mich auf den Schoß und streicht mir über die Haare.

Mit diesem Vater will Rita nichts mehr zu tun haben. Sie zieht aus und sucht sich einen Anwalt, um bei Gericht eine Änderung des Nachnamens zu beantragen: Sie will Vagliati heißen.

So wie ihre verstorbene Mutter.

Hätte Valentín Milton Pretti an jenem Abend nicht weiter gesprochen, säße ich jetzt nicht mit Rita in ihrem Lieblingscafé. Es ist eins dieser Cafés in Buenos Aires, in denen man stundenlang sitzen kann, ohne dass der Kellner einen dazu drängt, noch etwas zu bestellen.

Rita ist oft hier, weil sie um die Ecke als Pressereferentin für einen linken Abgeordneten arbeitet.

Sie bestellt einen cortado, einen Espresso mit einem Schuss aufgeschäumter Milch, und zündet sich eine Zigarette an. Rita ist Mitte dreißig, die dunklen Haare schimmern rötlich. Sie lacht vorsichtig. Zieht eine Augenbraue hoch. Das denke ich zumindest. Später erzählt sie mir, dass sie eine halbseitige Gesichtslähmung hat. »Warum triffst du dich mit mir? «, frage ich. » Ich glaube, mein Vater wollte mich zu seiner Mitwisserin machen, zu seiner Komplizin. Damit kann ich nicht leben. Wenn ich schweige, werde ich verrückt. Also habe ich entschieden: Ich schreie es in die Welt hinaus«, sagt Rita. » Wie kamst du denn darauf, dass dein Vater Folterer war? Hast du das erst an jenem Abend in der Küche erfahren, als ihr über die Fotos aus Abu Ghraib gesprochen habt?« » Als Kind habe ich zunächst nur wahrgenommen, dass er für das Leiden meiner Mutter verantwortlich war«, sagt Rita.

Ritas Mutter Juana galt in der Familie als »La Loca«, die Verrückte. Dem Vater kam das gelegen:

Er konnte ihr alles erzählen. Hätte sie etwas weitererzählt - niemand hätte ihr geglaubt.

Misstrauisch war er trotzdem: Einmal ließ er sie in einer Polizeiwache in medikamentöse Hypnose versetzen, um zu erfahren, was sie alles wusste. Später ließ er sie mehrfach ins Irrenhaus einliefern, wo sie jeweils mehrere Monate blieb.

Rita erinnert sich, dass ihre Mutter manchmal Aufräumattacken hatte. Sie warf Bücher weg.

Möbel. Einmal schenkte sie dem Trödler sogar mehrere hundert Pesos Bargeld. Rita fragte: »Warum tust du das?« » Ich weiß nicht, woher diese Sachen kommen und wem sie gehören«, sagte die Mutter. » Heute ist mir klar, dass das alles Dinge waren, die mein Vater in den Häusern seiner Opfer mitgehen ließ«, sagt Rita. Sie zeigt mir ein Familienfoto: »Ich bin das Mädchen, das die Hand im Gesicht hat. Meine Mutter hat eine Sonnenbrille auf. Wahrscheinlich, weil sie vorher geweint hat.« Rita erinnert sich an die Zeit, in der Gabriel bei den Prettis wohnte. Ritas Vater hatte ihn in einem Gefangenenlager gefunden und mit nach Hause gebracht, weil er der Sohn einer Bekannten war. Gabriel blieb nicht lange: Als Ritas Mutter sich in den 22-Jährigen verliebte, flog er raus. Den Kindern gegenüber nannte Juana den Vater ab sofort »den Teufel« und Gabriel war für sie »Jesus«. Kurze Zeit später ließ Pretti sie ins Irrenhaus einliefern.

Was während ihrer Kindheit in Argentinien passiert war, verstand Rita erst, als die Diktatur endete. Sie war dreizehn. Es war die Zeit, in der die ersten Mutigen an die Öffentlichkeit gingen und über die Verbrechen der Militärs sprachen. In der Rita plötzlich Namen von Militärs las, die bei ihr zu Hause ein und aus gingen, bei denen sie als Kleinkind auf dem Schoß gesessen hatte: Camps. Cozzani. Berges.

Es war die Zeit, in der Rita in der Schule von den 30 000 »desaparecidos« hörte, den Verschwundenen, die in der Diktatur ums Leben gekommen waren.

Zwei Jahre lang bedrohte Valentín Milton Pretti Ritas Lehrerin. Sie solle seiner Tochter bloß nichts Falsches erzählen über die abgetretene Militärjunta: »Zur Zeit habe ich ein paar Probleme am Hals. Sonst würde ich mich sofort um Sie kümmern.« Damals sah Rita auch den Film »La noche de los lápices«, »Die Nacht der Bleistifte«, im Kino.

Eine wahre Geschichte, die grausamer nicht sein könnte: Schüler in La Plata, die für den Erhalt des Schülertickets für Bus und Bahn demonstrierten, wurden verschleppt, monatelang mit verbundenen Augen in kleinen Betonzellen festgehalten, geschlagen, mit Elektroschocks gefoltert, die Mädchen vergewaltigt.

Rita kam an jenem Abend völlig verstört nach Hause und erzählte ihrem Vater von dem Film: »Wo sind diese Jugendlichen heute wohl?« » Sie sind alle tot«, sagte der Vater ernst. Die Antwort kam ohne zu zögern.

Die Brüder wollten von allem nichts wissen.

Nur Rita, Papas Liebling, war die Antwort nicht geheuer. Einmal traf sie sich mit einer Freundin zu Hause, Pretti schlief im Nebenzimmer. » Ich glaube, mein Vater ist ein Folterer«, schrieb sie auf einen Zettel und warf ihn später weg.

Der Vater drückte ihr den Zettel am nächsten Tag in die Hand: »Rita, merk dir: Die interessanten Informationen findet man im Papierkorb.« Bei der Wahrheitskommission, die nach Ende der Diktatur Zeugenaussagen sammelte, hat Pretti einen dicken Ordner. Er ist dicker als die einiger Generäle, die seine Vorgesetzten waren.

Denn Prettis Entführerschwadron war fleißig.

Und Pretti folterte und tötete selbst - unter seinem »Kriegsnamen«. Jeder der Folterer und Häscher arbeitete mit einem Decknamen, um von den Häftlingen nicht identifiziert werden zu können. Pretti hatte sich seinen nicht ausgesucht:

Er hieß im Dienst »Saracho«. Saracho war ein Kollege auf der Polizeischule. Er sei schwul, hieß es. Und Pretti habe eine Affäre mit ihm gehabt.

Sobald die Diktatur vorüber war, sagten die Opfer, die die Konzentrationslager überlebt hatten, vor Gericht aus. » Pretti ist ein grausamer und brutaler Folterer«, gab Ramón Miralles zu Protokoll. Miralles war zu Beginn der Diktatur Wirtschaftsminister der Provinz Buenos Aires gewesen. Ein geachteter Mann mit guten Kontakten. Nachdem er in Ungnade gefallen war, waren Miralles und seine Kinder im »C.O.

T. I. Martínez« festgehalten worden, dem »Centro de Operaciones Tácticas 1 Martínez«.

Rita erkennt diesen Namen wieder: Ihr Vater lud sie manchmal zum Eisessen nach Martínez ein. Er nannte dieses Ausflüge »los helados de Coti Martínez« - »das Eis vom Coti Martínez « - ohne dass die Kleine wusste, wovon er sprach. Coti, das klang irgendwie lustig.

Pretti leitete das C.O.T. I. Martínez. » Es war ein Schlachthof«, sagt der ehemalige Gefangene Héctor Ballent. » Ich habe Mädchen gesehen, denen Teile ihres Körpers fehlten.« Am schlimmsten seien die Nächte gewesen.

Dann wurde gefoltert.

Damit die Schreie nicht so laut zu hören waren, machten die Folterer das Radio an. Damit die Opfer nicht erstickten, hielt ein Arzt ihre Zunge fest. Damit sie sich nicht bewegen konnten, wurden sie an Füßen und Handgelenken auf ein Metallgestell oder einen Tisch gebunden.

Damit sie ruhig hielten und nicht ohnmächtig wurden, bekamen sie Schläge ins Gesicht.

Damit der Strom leichter fließen konnte, wurde das Bettgestell mit Wasser benetzt, oft auch der Körper des Festgebundenen. » In einer der Nächte stülpten sie mir wieder eine Kapuze über und brachten mich in ein anderes Zimmer. Ich musste mich nackt ausziehen.

Sie banden mich auf ein Eisengestell.

Ich erkannte Saracho und Trimarco«, sagt Miralles vor Gericht aus. » Sie versetzten mir Elektroschocks an allen Körperteilen: Genitalien, Mund, Augenlider, Kopf, Arme, Beine, Magen, Hintern, nichts entging der Spitzfindigkeit ihrer Behandlung.« Jedes Mal, wenn Rita sich einem neuen Psychologen vorstellt, sagt sie: »Guten Tag. Ich bin Rita. Ich bin die Tochter eines Folterers.« Bis sie im Sprechzimmer von Emilio Montilla landet, einem quirligen Mann Anfang 40 mit geradem Blick. Die Couch, auf der sie sitzt, ist knallgelb, in einer Ecke steht ein Flügel, auf dem selten jemand spielt.

Emilio Montilla ist verwirrt: Was will diese Frau von ihm? Weiß sie denn nicht, dass auch sein Lieblingsonkel in der Diktatur verschleppt und gefoltert wurde? Und wahrscheinlich von den Kollegen von Ritas Vater betäubt aus einem Flugzeug über dem Río de la Plata abgeworfen wurde?

Er hatte nicht damit gerechnet, jemals der Tochter eines Diktaturverbrechers gegenüberzusitzen: »Wir sprechen immer über die Kinder der Opfer«, sagt er, »denken gar nicht darüber nach, dass auch die Täter Kinder haben.

Und dann kommt da diese Frau, ein bisschen angezogen wie ein Hippie. Mit ihrem Gesicht, dessen Hälfte gelähmt ist. Als gäbe es da etwas, das sie in zwei Hälften teilt.« Rita ist von einem gemeinsamen Bekannten zu ihm geschickt worden. Sie ist Aktivistin einer linken Partei. Also beschließt Montilla, ihr zuzuhören. » Was sie sagte, hat mich interessiert. Aber ein Teil von mir wollte das alles gar nicht hören.

Ich dachte, ich halte das nicht aus.« Rita erzählt ihre ganze Geschichte: dass sie ihren Vater liebt, aber nicht Saracho. Dass sie es nicht aushält, wie der Vater sie zu seiner Komplizin machen möchte. Dass sie gerne als Journalistin arbeiten würde, aber sich das mit ihrem Nachnamen nicht traut. Der Therapeut und Rita entscheiden zusammen: Sie muss sich von ihrem Vater distanzieren. Öffentlich.« Die Namensänderung wird Rita ins Rampenlicht der Öffentlichkeit stellen, denn sie ist die erste Tochter eines Diktaturverbrechers, die ihren Nachnamen ändert. Sie wird in allen Zeitungen stehen. Angst davor hat sie nicht:

Wenige Wochen, nachdem sie den Antrag auf Namensänderung gestellt hatte, starb ihr Vater.

Auch ihre Mutter ist tot. » Ich kenne viele Kinder von Folterern, aber sie können nicht vor Gericht aussagen. Das ist gefährlich für sie«, sagt Rita.

Folterer und Entführer wie Ritas Vater wurden seit Ende der Diktatur 1986 durch das »Schlusspunktgesetz« geschützt - eine Generalamnestie, die sie unbehelligt weiterleben ließ. Unter Präsident Kirchner wurde das Gesetz zwar vor kurzem aufgehoben, doch Urteile gibt es bisher nur wenige. » Noch vor wenigen Jahren haben Freunde meines Vaters, die beim Geheimdienst sind, ihm eine Nachricht zukommen lassen: Er solle auf mich aufpassen. Ich sei in einer linken Partei aktiv«, sagt Rita. Die Exmilitärs haben gute Kontakte. Viele haben private Sicherheitsfirmen, und in den Gefängnissen in Argentinien sind noch immer Vollzugsbeamte aus der Zeit der Diktatur im Dienst.

Die Zeitung »Página 12« berichtet mehr als 20 Jahre nach Ende der Diktatur aus einem Gefängnis: »Sie legten seinen Kopf auf ein Metallschild, so wie es von der Infanterie verwendet wird.« Der Häftling spürte »dass durch seinen ganzen Körper eine elektrische Ladung lief.« Im letzten Jahr hat die Menschenrechtskommission der Gefängnisse in der Provinz Buenos Aires dem Gouverneur einen Bericht überreicht: Es geht um 700 Folterfälle, in denen sich niemand die Mühe machte, Nachforschungen anzustellen.

Ein Grund mehr für Rita, nicht mehr zu schweigen: »Die Folterer sind immer noch unter uns.«
Veröffentlicht: 05/2006