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Women’s March: Feminismus als Motor

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Der Women's March gegen Donald Trump ist der Beginn einer neuen solidarischen Bewegung - von Frauen und Männern

Was schreibt man auf ein Protestschild gegen Donald Trump? Diese Frage stellten sich Millionen Frauen und Männer, als sie sich auf einen Marsch gegen den neuen US-Präsidenten vorbereiteten. Dass die Antworten ganz unterschiedlich ausfielen und sich doch oft auch ähnelten, ist der Grund dafür, dass am vergangenen Samstag mit dem Women's March tatsächlich eine Millionenbewegung zu sehen war, die größten Proteste in den USA seit dem Irakkrieg - und vor allem: Diese Millionen gingen unter der Flagge des Feminismus auf die Straße.

Es gibt ein Stichwort in der Frauenrechtsbewegung, das in ihrem Innern seit langem besprochen, sonst aber oft übersehen wird: Intersektionalität. Dabei geht es um die Frage, wie verschiedene Formen von Diskriminierung und Benachteiligung zusammengedacht werden und die Betroffenen sich wehren können. Die Demonstranten deuteten aufeinander und skandierten: „Show me what a feminist looks like: this is what a feminist looks like. Show me what democracy looks like: this is what democracy looks like". Allein zur Demo in Washington kamen 500.000 Menschen. Die Slogans zeigen: Die Gruppen, die von Trumps Politik diskriminiert werden, überschneiden sich, es sind Klimaaktivisten und Künstlerinnen, Schwarze, LGBTQ, Menschen mit Behinderung, Migranten und Refugees, und viele, die um die Bildung ihrer Kinder fürchten.

Niemandem ist mit den absurden Plänen geholfen, die Trump bereits umsetzt. Niemandem ist geholfen, wenn er das staatliche Gesundheitssystem abschafft. Oder die Förderung für Geisteswissenschaften beendet. Oder die Entwicklungshilfe für Kliniken und Familienplanung im Ausland streicht, wenn diese Schwangerschaftsabbrüche bei der Beratung erwähnen. Das Dekret dafür ist unterzeichnet, und es bleibt abzuwarten, wann - so drastisch das klingt - diese Entscheidung Menschenleben kosten wird. Viele verschiedene Menschen haben existenzielle Gründe, sich gegen Trump zu wehren. Sogar Republikaner. Sie spüren die Bedrohung durch seine Politik als gemeinschaftliche Erfahrung. Das ist eine Chance. Und es ist der Feminismus, der all diese Menschen zusammenbringt, als Motor und Methode des Protests.

Natürlich geht es aktuell in den USA auch ganz konkret um Frauenrechte. Und es tut gut, zu sehen, dass Errungenschaften der Gleichberechtigung nicht widerstandslos von alten, weißen Männern über Bord geworfen werden können, die keinen Schimmer davon haben, wie es beispielsweise ist, ungewollt schwanger zu sein. Wenn neben der Frau mit dem Uterusplakat jetzt auch ein Umweltaktivist mit Bart läuft, ist das kein Widerspruch - sondern ein Gewinn.

Noch ein anderer Slogan wurde in Washington gerufen: „My body, my choice", skandierten Frauen, „Their body, their choice", gaben Männer zurück. Das oft beschworene Problem der Filterblasen, in denen sich Menschen nur um die Probleme ihrer eigenen Communitys kümmern, hat Trump nun unabsichtlich gelöst. Weil er ein gemeinsames Wertesystem freigelegt und sichtbar gemacht hat - indem er klarmachte, dass er genau dieses Wertesystem sprengen will. Zuletzt wurden die USA nur als gespalten und paralysiert beschrieben. Doch aus den euphorischen Kommentaren zum Protestwochenende leuchtet nun ein großer, alter Gedanke heraus, den die Frauenbewegung gut kennt: Solidarität.

Die große Frage wird sein, wie das Potenzial des Women's March in politisches Handeln umgesetzt werden kann. In den USA haben die Demokraten keine Mehrheit im Repräsentantenhaus, unter der Obama-Regierung gingen viele Städteversammlungen und Gouverneursposten an die Republikaner verloren. Auf regionaler Ebene sieht es nicht anders aus. Die Webseite womensmarch.com hat schon ein konkretes Programm veröffentlicht. Zehn Aktionen in 100 Tagen sind geplant. Punkt eins: Postkarten an die Senatoren schicken, auf denen steht, was einem wichtig ist und wie man dafür kämpfen wird. Das folgt einem Videostatement, das Barack Obama noch an seinem letzten Amtstag auf der Webseite seiner Stiftung veröffentlicht hat: Demokratie sei ein Job nicht nur des Präsidenten, sondern aller Bürgerinnen und Bürger.

Unterdessen bereitet sich schon eine Kampagne namens Swing Left auf die Wahlen für das Repräsentantenhaus 2018 vor, um Menschen in Swing-Distrikten zu vernetzen. Die Seite hat bislang 100.000 Mitglieder. Das führt sicher nicht zur revolutionären Innovation, mit der sich etwa Occupy Wall Street übernommen hat. Diesmal führt der Weg des Widerstands womöglich über die Rückeroberung lokaler und regionaler politischer Institutionen, über klassisches zivilgesellschaftliches Engagement.

Für Deutschland, das vor der kommenden Bundestagswahl hockt wie das Kaninchen vor der Schlange und bang auf die Umfragewerte der AfD blickt, kann die neue zivile Bewegung in den USA den Modus Operandi vorgeben. Es muss nicht gleich die Gründung einer eigenen Partei sein - es reicht, das Smartphone mal beiseite zu legen und in die nächste Bürgerversammlung zu gehen. Was wir auf jeden Fall von den USA lernen können: Man muss keine einheitliche Haltung zum Gendersternchen finden. Aber eine gemeinsame Haltung gegen Politiker, die öffentlich den Holocaust relativieren. Damit sollten wir nicht bis nach der Wahl warten.

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