Jessica Schober

Autorin, Reisende Reporterin, Referentin, München

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POLITIK: Frau Smirnowa ist jetzt viele

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Vor 20 Jahren ging Olga Smirnowa das erste Mal für den politischen Wandel in Russland auf die Straße. Lange Zeit war sie eine von wenigen, die gegen Wladimir Putin und seinen Kontrollstaat protestierten. Jetzt ist die 65-Jährige mit ihrem Traum von der Demokratie nicht mehr allein - Tausende demonstrieren im ganzen Land.

Dass sie ausgerechnet heute ihre weiße Schleife vergessen hat, ist eine kleine Katastrophe. Olga Smirnowa, 65 Jahre alt und eingepackt in einen dicken braunen Winterpelz, steht an der Moskauer Metrostation Barrikadnaja und ärgert sich über ihre Vergesslichkeit. Die weiße Schleife, das Symbol der noch jungen Protestbewegung in Russland für ehrliche Wahlen, gehört normalerweise zu ihrer Standardausstattung. Um den putinkritischen Autokorso, der auf Moskaus Ringstraße kreist, zu unterstützen, sollen Passanten den dekorierten Wagen zuwinken und mit weißen Bändern und Ballons wedeln.

Olga Smirnowa demonstriert mit einer weißen Schleife um den Finger für faire Wahlen. (Foto: Jessica Schober)

Smirnowa steht etwas ratlos an der Bordsteinkante. Dann hat ihre Freundin Tamara die rettende Idee: Sie kramt eine Plastiktüte hervor, dreht die weiße Innenseite nach außen und steckt ihren Arm hinein. So stehen die beiden russischen Großmütter mitten im Hupkonzert des Autokorsos am Straßenrand und winken mit der weißen Tüte, während leise die Tränen über Olga Smirnowas Gesicht laufen.

Smirnowa war schon bei vielen Demonstrationen in Russland dabei. Oft war sie eine von wenigen Mutigen, die sich trauten. Den 31. eines Monats hatte die Rentnerin und ehemalige Architektin seit Jahren im Kalender eingekringelt. An diesen Tagen treffen sich seit 2009 regelmäßig Andersdenkende in Moskau, um die Versammlungsfreiheit, die in der russischen Verfassung in Artikel 31 festgeschrieben ist, einzufordern.

Oft wurden diese Protestaktionen, an denen meist nur einige hundert Menschen teilnahmen, gewaltsam aufgelöst und die Demonstranten direkt in Polizeibusse verladen. Smirnowa stand daneben, als der Oppositionspolitiker und Dichter Eduard Limonow verhaftet wurde.

Die Massendemonstrationen sind "wie ein gutes Musikkonzert"

Auf einer dieser Demonstrationen vor gut anderthalb Jahren hörte sie aber auch, wie plötzlich jemand rief: "Russland ohne Putin". Olga Smirnowa erschrak zunächst, denn diese Forderung empfand sogar sie als eine gefährliche Provokation. Doch dann stimmte sie mit ein. "Es war das erste Mal, dass ich diesen Satz hörte und ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ihn heute einmal so viele Menschen rufen würden", sagt Smirnowa.

Dass nach den manipulierten Parlamentswahlen im vergangenen Dezember so schnell Massenproteste in Russland losbrechen würden, hätte Smirnowa nicht für möglich gehalten. "Der Prozess verlief rasend schnell", sagt sie, "es war wie ein Crescendo in der Musik, ein dynamisches Erstarken der Lautstärke".

Als Smirnowa am 5. Dezember auf dem Bolotnaja-Platz - jetzt endlich im Chor mit Tausenden anderen - die Parole "Russland ohne Putin" skandierte, da habe sie sich gefühlt "wie bei einem guten Musikkonzert". Sie sei überrascht gewesen, dass sich die Polizisten so ruhig gegenüber den Demonstranten verhalten hätten. Stolz erzählt sie, dass die Ordnungskräfte nicht eingriffen, als sie mit Zeige- und Mittelfinger ein Victory-Zeichen formte und ihnen die Siegesgeste frech vors Gesicht hielt.

An der Metrostation Barrikadnaja stehen an diesem Tag zwar nicht ganz so viele Demonstranten. Doch gemeinsam mit den Menschen in den dekorierten Autos sind es wieder einmal Tausende, die auf Moskaus Straßen gegen Ministerpräsident Wladimir Putin Flagge zeigen. Am Straßenrand steigt die Stimmung trotz der eisigen Kälte. Viele Autofahrer hupen den Winkenden zu und ein Lächeln breitet sich auf Smirnowas Gesicht aus. Sie weiß, sie ist jetzt nicht mehr allein. Jetzt sind es viele, die genug haben von Putins gelenkter Demokratie.

Und alle anderen gilt es zu überzeugen. Ein Wagen hält am Straßenrand und der Fahrer fragt: "Was ist das für eine Aktion?" Smirnowa drängelt sich ans Fenster: "Leben sie auf dem Mond?", fragt sie den Fahrer, "Wir demonstrieren für ehrliche Wahlen." Da grinst der Autofahrer, ballt solidarisch die Faust und ruft: "Dann unterstütze ich euch!" Smirnowa ruft ihm hinterher, er solle doch ein weißes Blatt Papier in seine Fensterscheibe hängen. Damit der Protest endlich besser sichtbar würde.

Dmitrij Medwedjew ist für Smirnowa die größte Enttäuschung

Den Protest sichtbar machen, das ist schon lange Smirnowas Ziel. Zu politischen Veränderungen hatte sie bereits 1991 beim Zusammenbruch der Sowjetunion aufgerufen. Sie engagierte sich für das Wahlbündnis "Demokratisches Russland", das Boris Jelzin unterstützte. Ihr Vater war einst bei den Kommunisten, aber Parteien, sagt Smirnowa, seien irgendwie nicht das Richtige. Drei Monate lang hat Smirnowa Anfang der Neunziger Jahre als Koordinatorin für Jelzins Partei gearbeitet, dann hat sie es bleiben lassen. "Parteileute sind hinterlistige Leute", sagt sie.

Von der Politik wurde Smirnowa schon oft enttäuscht. Am schlimmsten wohl vom russischen Noch-Präsidenten Dimitrij Medwedjew. In seine Reformversprechen hatte sie große Hoffnungen gesetzt, ihm hatte sie sogar ihre Stimme gegeben. Doch das System der Korruption, das unter Putins erster Präsidentschaft aufgeblüht war, hat er nicht bändigen können - oder wollen.

Smirnowa erinnert sich auch noch genau, wie sie von der Rochade des Machttandems Putin-Medwedjew erfuhr. Als Putin im September 2011 auf dem Parteitag von Einiges Russland erklärte, dass er erneut Präsident werden wolle, da saß Smirnowa in ihrer Datscha südlich von Moskau und hörte den regierungskritischen Radiosender Echo Moskwy. Für viele Russen war der offensichtlich von langer Hand geplante Ämtertausch jener Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Smirnowa hingegen hatte schon Monate zuvor geahnt, dass es so kommen würde. Sie überraschte lediglich die Reaktion Medwedjews. Als Smironowa, zurück in Moskau, die Rede noch einmal im Fernsehen anschaute, glaubte sie, den Unwillen in Medwedjews Gesicht zu erkennen. "So hat er geguckt", sagt Smirnowa und verzieht das Gesicht zur Grimasse, "Medwedjew hat zunächst nichts von Putins Plänen gewusst".

Politische Alternativen sind gefragt in diesen Tagen, auch an der Bordsteinkante an der Barrikadnaja wird darüber diskutiert. Als ein weiteres Auto am Straßenrand hält, fragt der Fahrer die Demonstranten: "Für wen seid ihr eigentlich?" Olga Smirnowa zögert nicht lange: "Für Prochorow!", ruft sie.

Das erstaunt einige der Demonstranten um sie herum. Aber nachdem der Kandidat der liberalen Jabloko-Partei Grigori Jawlinski nicht zur Präsidentenwahl zugelassen wurde, ist ausgerechnet der Milliardär Michail Prochorow Smirnowas neuer Favorit geworden. Er sei ein kulturliebender Mensch, der mit seinem Geld die richtigen Projekte fördere, sagt Smirnowa. Zum Beispiel das Theaterprojekt "Graschdanin Poet" (Der bürgerliche Dichter), eine kremlkritische Satiresendung, die auf Smirnowas Lieblingskanal auf Youtube gesendet wird.

Smirnowa ist sich sicher: "Wenn wir noch ein paar Monate mehr Zeit bis zur Präsidentenwahl hätten, dann würde Prochorow gewinnen." Dann würden die Russen verstehen, dass der Oligarch keine Marionette des Kreml sei, sondern ein anständiger Kerl. Einer von wenigen.

"Unsere Herzen fordern Veränderung" lautet das Protestlied

Zwei andere Männer stehen indes eingerahmt auf Smirnowas Schreibtisch. Es sind Fotos von Michail Chodorkowski und Platon Lebedew, jenen zwei Kreml-Kritikern, die seit Jahren hinter Gittern sitzen. Sie stehen gleich neben dem Computer, mit dem die Rentnerin, die alleine in einer Hochhaussiedlung lebt, Kontakt hält zur Außenwelt. Über Facebook und Skype redet sie regelmäßig mit ihrer 91-Jährigen Mutter, die in der russischen Ural-Stadt Tscheljabinsk wohnt. Sie tauschen sich dann über die letzten Protestkundgebungen aus. Aber in Tscheljabinsk seien ja leider nur ein paar Tausend Leute auf die Straße gegangen, sagt Smirnowa mit einem Seufzer.

Die Hoffnung auf Wandel will Smirnowa dennoch nicht aufgeben. Bei den Demonstrationen auf dem Bolotnaja-Platz und auf dem Sacharow-Prospekt hat sie mit vielen anderen ein Lied gesungen. Eigentlich ist der Achtziger-Jahre-Hit der russischen Rockgruppe Kino um den Sänger Viktor Zoi eine alte Kamelle. Doch wenn Smirnowa leise die Zeile summt "Veränderungen! Wir erwarten Veränderungen!", dann könnte das Lied nicht aktueller sein.

Damit sich aber wirklich etwas tue in Russland, müsse der gesamte Sozialstaat neu organisiert werden, findet Smirnowa. Das fange schon bei den Verkehrspolizisten an, die Strafzettel ohne Quittungen verteilten und das Geld dann in die eigene Tasche steckten. "Wir haben eigentlich kluge Leute im Land", sagt sie. Aber sie sei einfach erschöpft, immer die gleichen Gesichter in der Politik zu sehen.

Es ist jetzt kalt geworden an der Bordsteinkante an der Barrikadnaja. Am Ende hat Smirnowa dann doch noch eine weiße Schleife geschenkt bekommen. Sie bindet sie sich um den Ringfinger und winkt lange mit ausgestrecktem Arm. Der winkende Arm ist bald müde. Aber Olga Smirnowa ist es noch lange nicht.

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