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Berliner Partygänger wünschen sich Drogen-Checks vor Ort

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Eine Berlin-Touristin aus den USA stirbt, nachdem sie im Berghain Ecstasy geschluckt hat. Eine Studie des Senats bestätigt: Viele Clubbesucher nehmen harte Drogen. Berlin will nun das Drug-Checking fördern – doch die rechtlichen Hürden sind hoch.

Ein Ehepaar aus Kalifornien geht im weltberühmten Berliner Club Berghain feiern und nimmt Drogen – die Frau stirbt in der Nacht an einer Überdosis MDMA. Der Artikel, den der "Spiegel" vergangene Woche veröffentlichte, hat erneut eine Diskussion über den Umgang von Drogen in den Berliner Clubs ausgelöst. Denn Drogen scheinen leicht und überall verfügbar – und sie werden auch in großem Maße konsumiert, wie eine Studie des Senats Anfang Februar erstmals aufzeigt.


"Die Studie war eine Nullmessung, weil Berlin gar nicht wusste, wieviel genommen wird. Denn die Clubs sind nach wie vor ein Dunkelfeld", sagt Christoph Lang von der Senatsverwaltung für Gesundheit. Forscher der Charité fanden bei der nichtrepräsentativen Umfrage mit 877 Menschen heraus, dass die Hälfte der Clubgänger beim Feiern auf illegale, harte Drogen zurückgreift.


Studie: Mehrzahl der Konsumenten will Drug-Checking


Doch das Problem würde nicht gelöst, indem die Clubs stärker sanktioniert werden würden, glaubt Olaf Schremm, Leiter des Rauschgiftdezernats des Landeskriminalamts. "Wir können nicht in jedem Club stehen. So viel Personal haben wir gar nicht und es würde auch nichts bringen." Wer Drogen haben wolle, der bekomme sie überall in der Stadt, so Schremm. Das habe auch der Fall der US-Touristin im Berghain gezeigt: "Wir hatten es hier mit einer 30-jährigen, weiblichen Erwachsenen zu tun, die mit Drogen schon vorher Erfahrungen gesammelt hatte. Da hilft auch Kontrolle nicht mehr."


Stattdessen habe jeder Erwachsene eine Eigenverantwortung, die durch Aufklärungsarbeit gefördert werden könnte. Diese müsse möglichst früh in Schulen beginnen. Auch Christoph Lang von der Senatsverwaltung für Gesundheit glaubt nicht, den Drogenkonsum in Clubs mit stärkeren Repressionen in den Griff zu bekommen. "Die jungen Menschen wollen nicht belehrt werden, sondern fordern eine Beratung." Das zeige auch die Studie des Konsums in der Partyszene: Die Mehrzahl der Befragten wünscht sich eine stärkere Aufklärung, vor allem das so genannte Drug-Checking, bei dem Drogen im Club auf ihre Zusammensetzung untersucht werden, halten sie für eine sehr sinnvolle Option.

"Durch Verbote haben wir keine drogenfreie Gesellschaft"

Raimund Reintjes arbeitet bei der Clubcommission Berlin, dem Verband, der sich als Sprecher der Clubs der Stadt versteht. Die Commission fordert schon lange einen aufgeklärteren Umgang mit Drogen. "Das Drug-Checking aller Art würde den Menschen eine informationsbasierte Entscheidung geben. In jedem Supermarkt finden sie genauestens alle Angaben zur Zusammensetzung, bei Drogen nicht." Reintjes betont, dass er den Konsum nicht fördern wolle. "Aber durch bisherige Verbote haben wir keine drogenfreie Gesellschaft bekommen", sagt er. "Ich wünsche mir einen neuen Zugang zum Thema. Andere Rechtsstaaten Europas gehen den Weg des Drug-Checking seit vielen Jahren und erzielen gute Ergebnisse."


Die Idee des Checks: Die Konsumenten können ihre Drogen vor Ort analysieren lassen. Länder wie Österreich, Spanien und die Niederlande praktizieren diesen Weg. Auch in der Schweiz ist das Modell bereits seit 20 Jahren gesetzlich erlaubt. Das Labor des Kantonsapothekeramts Bern mit Labortechniker Daniel Allemann ist dort von Anfang an dabei und hat schon für hunderte Konsumenten den Stoff untersucht. Gemeinsam mit seinem Team aus Labortechnikern und Sozialarbeitern besucht er die Clubs. Circa 20 Minuten dauert ein Test, bei dem vor allem der Wirkstoffgehalt und die Zusammensetzung überprüft wird. Während die Probe analysiert wird, führt der Sozialarbeiter ein strukturiertes Beratungsgespräch mit den Konsumenten, auf Basis eines Fragebogens.

Irrglaube von gepanschten Pillen

Gegner argumentieren oft damit, dass ein Check der Drogen den Steuerzahler teuer zu stehen kommen würde. In der Tat: In der Schweiz kostet das mobile Labor von Daniel Allemanns Team jährlich circa 34.000 Euro für zehn Einsätze. Hinzu kämen die einmaligen Anschaffungskosten von umgerechnet rund 60.000 Euro pro Analysegerät. Das Argument möchte Allemann dennoch nicht gelten lassen. "Die Kosten übernimmt zwar der institutionelle Auftraggeber und damit letztlich der Steuerzahler", sagt er. "Aber die sind bezogen auf einen Einsatz viel geringer als bei einer Hospitalisierung eines Klienten."


"Für uns ist die Arbeit mehr Schadensverminderung als Prävention", sagt Allemann. Fast noch wichtiger an der Arbeit sei die Aufklärung durch die Sozialarbeiter. Konsumenten würden individuell nach ihrem Körpergewicht über die Dosis beraten sowie über Gefahren von Mischkonsum und Suchtpotentialen aufgeklärt. Denn entgegen einer weit verbreiteten Annahme sind nicht die gepanschten Stoffe das größte Risiko am Konsum. Das bestätigt auch Olaf Schremm vom LKA Berlin: "Unserer Erfahrung nach sind die beschlagnahmten Rauschmittel fast nie gepanscht. Das Gefährlichste ist immer das Betäubungsmittel selbst."


Todesursache: Mischkonsum

Neben Alkohol, Cannabis und Tabak konsumierten die Raver der Berliner Szene im vergangenen Jahr laut Senatsstudie mit 50,3 Prozent am häufigsten Amphetamine (Speed), gefolgt von 49,1 Prozent MDMA (Ecstasy). In der Statistik der Drogentoten des LKA Berlin stellten sie einen geringen Anteil dar: Von insgesamt 168 Drogentoten waren sechs an Ecstasy und 15 durch Amphetamine gestorben – laut toxikologischer Untersuchung im Mischkonsum mit Alkohol oder anderen Drogen.

Nach der Veröffentlichung der Studie zum Partydrogenkonsum hat der rot-rot-grüne Senat nun angekündigt, bis Ende 2019 insgesamt 300.000 Euro in eine präventive Maßnahme zu investieren. "Es geht darum, in den Clubs vor Ort zu informieren und zu beraten. Dass Menschen dort sehen: 'Aha, ich nehme gerade was ein, was hat das für gesundheitliche Folgen, worauf muss ich achten?' Und wir wollen vor allem das Personal in den Clubs schulen", sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) bereits im Februar.

Betäubungsmittelgesetz vs. Senat

Doch seitdem hängt der Senat in einer Warteschleife. Denn anders als in der Schweiz sind in Deutschland die gesetzlichen Grundlagen für ein solches Projekt nicht gegeben. Bereits der Besitz von Betäubungsmitteln ist in der Bundesrepublik strafbar. Ein pharmazeutischer Helfer würde belangt werden, sobald er in Berührung mit den Substanzen der Kunden im Club kommt. "Unter den jetzigen Bedingungen werden wir kaum einen Träger finden, der sich darauf einlässt. Vor allem nach dem Fall in den Neunzigern", sagt Lang.


Er spielt auf den Verein "Eve & Rave" an, der bis September 1996 für 20 Monate Proben toxikologisch untersuchte. Wegen Verdachts des unbefugten Umgangs mit Betäubungsmitteln wurde gegen drei Mitglieder des Vereins strafrechtlich ermittelt, Räume von Eve & Rave sowie der Charité polizeilich untersucht. Zwar wurden nach einem mehrjährigen Verfahren die Angeklagten freigesprochen. Doch in der Berliner Szene habe dieser Fall nachhaltig abgeschreckt.


CDU und FDP: Drogenkonsum wird verharmlost


An der aktuellen rechtlichen Lage möchten CDU und FDP hingegen nichts ändern. Im Angebot des Drug-Checkings sehen sie die Verharmlosung des Drogenkonsums. "Wenn der Staat den Eindruck erweckt, dass er den Konsum erleichtert, werden junge Menschen nicht abgeschreckt", sagt Burkhard Dregger, innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Auch die FDP befürchtet eine Förderung statt des vom Senat erhofften Rückgangs. "Für die FDP steht die Prävention vor dem Drogenkonsum", sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion, Florian Kluckert.


Raimund Reintjes von der Berliner Clubcommission kann dieses Argument nicht verstehen. "In allen Bereichen gibt es Drogen, ob Politik oder Sport", argumentiert er. "Das ist kein alleiniges Problem der Clubs. Wir verharmlosen deshalb nicht, sondern erkennen Realitäten an." Ihm zufolge sind eher Verbote einer "Law & Order"-Politik eine Verharmlosung.


Sebastian Brux von der Berliner Justizverwaltung ist ebenfalls überzeugt von der neuen Drogenpolitik seines Senats. Gerade der Fall im Berghain habe gezeigt, dass es sich oft um einen Gelegenheitskonsum bereits aufgeklärter Menschen handelt. Deshalb würde sich der Senat wünschen, dass der Bundestag im aktuellen Betäubungsmittelgesetz eine Lücke für das Drug-Checking schaffe. Derzeit ist seine Abteilung mit Kollegen der Staatsanwaltschaft in Berlin im Gespräch. "Bei der Prohibitionspolitik der CDU gibt es keine Bereitschaft, Jugendliche zu schützen", sagt Brux. "Das Checking würde das Leben und die Gesundheit vieler junger Menschen retten." Ob und wann eine Lockerung des Betäubungsmittelgesetzes kommt, kann er jedoch nicht einschätzen.
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