Jana Werner

Autorin und Moderatorin, Hamburg

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Zum 90. Geburtstag: Klaus von Dohnanyi, der unbequeme Freigeist - WELT

Klaus von dohnanyi 2

Bundesminister, Bürgermeister, Genosse: Klaus von Dohnanyi wird 90. Als promovierter Jurist und Intellektueller ist er vielen suspekt, gilt als arrogant. Mit seiner Partei stimmt er vor allem in einem Punkt nicht überein.

Zum Gespräch legt Klaus von Dohnanyi das Jackett ab. Er setzt sich auf das helle Sofa im Erdgeschoss seiner Villa. Wollweiße Rollos dämpfen das Sonnenlicht aus dem Garten an der Außenalster, in dem Blumen blühen und Büsche vor Kraft strotzen. Dohnanyi wirkt entspannt. Er krempelt die Hemdsärmel hoch und spricht offen über sein Leben - ein Leben mit vielen Stationen, vielleicht zu vielen, wird er an diesem Nachmittag gestehen.

Bundesminister, Erster Bürgermeister in Hamburg, wortgewaltiger Sozialdemokrat: Am kommenden Sonnabend wird Klaus von Dohnanyi 90 Jahre alt. Sich deshalb zur Ruhe zu setzen, lehnt er ab: „Es ist noch nicht genug, ich will noch etwas tun."

Wo ist der Anfang, wo das Ende, seinen Weg nachzuschreiten? Wir versuchen es anhand der Worte, die die englische Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall vor mehr als 100 Jahren in ihrem Werk „Die Freunde von Voltaire" notiert. „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen", legt sie darin dem französischen Aufklärer in den Mund. Es ist ein kämpferischer Kernsatz der Demokratie, der bis heute gilt - und der zugleich untrennbar mit Dohnanyis Biografie verbunden ist.

Liberales Elternhaus

Am 23. Juni 1928 als Sohn von Christine Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi geboren wächst Klaus in Hamburg und Berlin auf. Bezieht er Halls Plädoyer für die Meinungsfreiheit auf seine Eltern, leuchten seine Augen: „Ich bin so erzogen worden." Die Mutter, eine Schwester des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Der Vater, ein geistiger Kopf im Aufbäumen gegen Hitler. „Meine Eltern haben uns sehr liberal erzogen, sehr ungezwungen, ohne große Etikette", sagt Dohnanyi. Das liege daran, dass sie „einen solchen Instinkt für freiheitliche Dinge im Leben hatten".

So dürfen die Kinder beispielsweise widersprechen, wenn sie anderer Meinung sind. Die Familie lernt jedoch ebenso früh zu schweigen. Klaus ist fünf Jahre alt, als die Nazis die Macht ergreifen. „Und mit fünf Jahren kann man allen möglichen Unsinn reden, etwa, dass Papa anderer Meinung ist als die Nazis", betont er. Diese Kunst, sich zu äußern und zu verbergen, habe eine große Rolle in seinem Leben gespielt.

Aber das mit dem Leben ist eine erstaunliche Sache.

Am 5. April 1943, alsder Vater am Morgen verhaftet und die Mutter am Nachmittag geholt wird, ist seine Kindheit zu Ende. Zwei Jahre später, kurz vor Kriegsende, wird Hans von Dohnanyi im Konzentrationslager Sachsenhausen hingerichtet. „Dieser Schmerz, diese Trauer - das alles geht nie an einem vorbei", beschreibt Dohnanyi. Er beugt sich ein Stück vor und sagt noch im gleichen Atemzug: „Aber das mit dem Leben ist eine erstaunliche Sache. Die Jugend will leben. Jedes Leben hat seine eigene Kraft, insofern lebt man trotz dieses Schmerzes aus der eigenen Kraft weiter."

Von dem Tag an, an dem das NS-Regime kapituliert, äußert Dohnanyi seine Meinung offen. Er studiert Jura in München, dann in den USA. „Dieser Aufbruch in eine andere Welt, eine andere Freiheit, eine andere Sprache" prägt ihn. Erst 1953 kehrt er in seine Heimat zurück, arbeitet für den Automobilhersteller Ford und das Marktforschungsinstitut Infratest.

Doch den promovierten Juristen, der seit 1957 Mitglied der SPD ist, drängt es in die Politik. „Ich hatte nie etwas anderes vor, als Politik zu machen. Wichtig war mir nur, vorher einen richtigen Beruf auszuüben und wirtschaftlich selbstständig zu sein", begründet Dohnanyi. Das sei heute ein Problem. Die Leute sollten häufiger erst normale Berufe ausüben, „in denen sie praktisch das Leben lernen, um dann bessere Politik machen zu können".

Zielstrebig steigt Dohnanyi auf, wird Bildungsminister unter Willy Brandt, Staatsminister im Auswärtigen Amt unter Helmut Schmidt, schließlich Erster Bürgermeister in Hamburg. Auf die Frage, wie sehr er in dieser Phase um das Durchsetzen seines Standpunktes kämpfen muss, schmunzelt der Vater von drei Kindern. „Naja", sagt Dohnanyi, „in manchen Bereichen habe ich meine Meinung sehr klar durchgesetzt, in anderen musste ich oft Kompromisse eingehen." Es sind einige, fallen doch in seine Amtszeit als Bürgermeister die Affäre um die Einkesselung von Antikernkraft-Demonstranten, die friedliche Lösung des Hafenstraßen-Konflikts und der Bau des Kernkraftwerks Brokdorf.

Dohnanyi lehnt sich zurück. Er resümiert: „Politik ist ein sehr mühsames Geschäft. 14 Stunden am Tag Minimum, und das über sieben Tage die Woche." Dass er rücksichtslos regierte, wird ihm damals vorgeworfen. Gelegentlich beleidige er seine Gegner, heißt es weiter. Dohnanyi kontert mit fast 90: „Aber nicht sehr oft." Arrogant sei er zudem, monieren Weggefährten. Dohnanyi antwortet: „Weil ich der Meinung bin, wenn ich etwas durchdacht habe, dass das dann auch stimmt." Er schränkt ein, dass auch er natürlich nicht immer richtig gelegen habe.

Dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein bekommt nicht zuletzt seine Partei zu spüren. So halten die Meinungsverschiedenheiten über die Deutung der sozialdemokratischen Ideale zwischen der SPD und dem „Genossen ohne Stallgeruch" bis heute an. Früher meidet Dohnanyi etwa Parteiveranstaltungen, „in denen nichts herauskommt". Warum? „Weil ich das nicht kann. Es ist nicht meine Art. Es ist lästig für mich", nörgelt er und ergänzt: „Wo ich Verantwortung hatte, habe ich die Partei in meinem Sinne geführt. Ich habe gemacht, was ich für richtig hielt."

Ich habe gemacht, was ich für richtig hielt.

Den Zeitpunkt, aus der Politik auszusteigen, wählt er 1988 selbst - 20 Jahre, nachdem er die Bühne betreten hatte. Bereut hat er die Entscheidung nie: „Weil sich die Leute irgendwann an einem Gesicht sattsehen und Erneuerung wollen." Weil man anfange, sich an sich selbst zu langweilen. Dohnanyi: „Wenn man einigermaßen stabil in seinen Meinungen ist, ändert man die nicht. Irgendwann hat man alles irgendwie schon einmal gesagt und gemacht."

Dass er sich seither von der SPD entfremdet hat, bestreitet er vehement: „Weil ich auch die Partei bin und nicht nur das, was viele heute für die wahre SPD halten. Weil ich ein Aufklärer bin, ein Rationalist. Weil ich die SPD in ihrer realistischen sozialen Aufgabe vertrete, wie ihrer Außenpolitik unter Brandt."

Gleichwohl sei die SPD „eine wundervolle Partei". Sie habe nur nicht verstanden, „dass diese Welt, wenn sie frei ist, eine Welt des Handels ist - wie schon Immanuel Kant sagte". Und wenn eine Welt des Handels existiere, müsse es Wettbewerb geben. Wer das nicht respektiere, habe die Politik der Freiheit nicht verstanden. Jenen Genossen, die ihn anflehen, endlich still zu sein, ruft der rastlose Intellektuelle zu: „Unbequeme Leute sind unbequem. Bequeme Leute sind doch ziemlich nutzlos."

Es ist ein guter Moment, Evelyn Beatrice Halls Voltaire-Zitat - „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen" - noch einmal zu wiederholen und Dohnanyi zu fragen, ob er überhaupt andere Meinungen gestatte. Seine Antwort kommt prompt: „Meinungen lasse ich jede Menge zu, aber nicht Entscheidungen. Das sind zwei verschiedene Dinge."

Zwangsläufig schließt sich die Frage an, ob Halls Kernsatz der Demokratie Grenzen habe. „Man muss dulden, dass andere etwas sagen, das einem selbst nicht gefällt. Man muss Meinungen beliebig zulassen, so lange sie nicht verletzend oder böswillig sind", sagt der Altbürgermeister. Man müsse mit Linken wie mit Rechten diskutieren, weniger polemisch, mehr sachlich.

Zu viel von dem, was um ihn herum passiert, bewegt ihn noch - die Politik, die Wirtschaft, die Kultur. Sein Wort, unverändert druckreif, analytisch, scharf. Keine Spur von Müdigkeit. Noch heute ist er Mitglied in Denkfabriken, zu Gast in Talkshows, besucht Kongresse - zum Leidwesen seiner Frau, der Lyrikerin Ulla Hahn. „Sie findet, wir sollten mehr Zeit miteinander verbringen. Wobei ich ihr das natürlich sehr schön zurückgeben kann, denn bis vor wenigen Monaten war sie Tag und Nacht mit ihrem vierbändigen autobiografischen Roman beschäftigt", lächelt Dohnanyi, der seinen 90. Geburtstag im engsten Familienkreis und mit einem Besuch in der Elbphilharmonie feiern will.

Er genießt es, noch arbeiten zu können. „Aber es stimmt schon, ich bin wahrscheinlich zu viel mit meinem Kopf bei den Dingen, die mich beschäftigen." Hätte es eine Alternative in seinem Leben gegeben? „Ich habe vielleicht versucht, zu viele Dinge zu verstehen und zu machen. Wenn ich nicht in die Politik gegangen, stattdessen Historiker geworden wäre, hätte ich vielleicht ein runderes Werk hinterlassen." Es hätte den Vorteil gehabt, stets denselben Beruf auszuüben. Wie ein Maler, wie ein Komponist oder wie sein Bruder, der Dirigent Christoph von Dohnanyi. Das treibt ihn um.

Sein Wirken hat Kontinuität

Es ist das erste Mal an diesem Nachmittag, dass Dohnanyi sehr nachdenklich wirkt. Er blickt versonnen, die Arme aufgestützt. Er macht Pausen, ehe er weiter spricht. Zwar existiere das Airbus-Projekt, das es ohne ihn im Bundeswirtschaftsministerium so vielleicht nicht gegeben hätte. Zwar habe er als Bundesminister das BAföG eingeführt. Zwar habe er in Hamburg den Bau schöner Museen durchgesetzt. „Aber wir alle in der Politik sind wie ein Haar in einem Zopf. Der Zopf braucht viele Haare, sonst gäbe es ihn nicht. Aber wie wichtig ist das eine, das man selber ist? Gibt es keine Haare, gibt es auch keinen Zopf", hält Dohnanyi inne.

Für einen Augenblick tritt sein Selbstbewusstsein zurück. Dann lächelt er zufrieden. Gewiss habe sein Wirken eine Kontinuität. „Und ich hätte die Politik als Aufgabe, als Frage, als geistige Herausforderung auch niemals verlassen können. Dafür wollte ich sie zu sehr." Er bedauere seinen Weg nicht, aber es gebe immer eine Alternative.

„Als ich einmal zu meinem Freund Ralf Dahrendorf sagte, dass ich ihn beneide, nach seinem Ausscheiden aus der Politik nun wieder frei wissenschaftlich nachdenken und reden zu können", erinnert sich Dohnanyi, habe Dahrendorf ihn erstaunt angesehen und gemeint, er beneide doch ihn darum, dass er noch immer - damals als Bürgermeister - so viel aktiv bewirken könne. Dohnanyi: „So ist das eben im Leben. Man sucht die Weite und muss sich doch für den einen Weg entscheiden."

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