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Rezension

Jetzt neu: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Fürs Ö1-Bücherradio "Ex libris" besprochen: Stefan Zweifels Übertragung der Druckfahnen von Marcel Prousts monumentalem Roman.

DAS FLIMMERN DES HERZENS

„Klassiker sind Bücher, von denen man üblicherweise sagt: „Ich lese gerade wieder…“ und nie: „Ich lese gerade…“, meint Italo Calvino, ein ebenso begnadeter Leser wie Schreiber. Er stellt damit augenzwinkernd die Heuchelei bloß, die wir manchmal an den Tag legen, um nicht zugeben zu müssen, dieses oder jenes wichtige Buch, das man längst gelesen haben sollte, gerade zum ersten Mal zu lesen. Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist so ein Klassiker. Und doch kann man seit Kurzem ganz ohne verschämtes oder geheucheltes „Wieder“ sagen, man lese gerade den ersten Band dieses monumentalen Romans. Der ist nämlich – wieder – so gut wie neu.
Das liegt an einer Versteigerung in London im Jahr 2000. Die Genfer Martin Bodmer-Stiftung erwarb damals Druckfahnen, die sich jahrzehntelang in Privatbesitz befunden hatten: vergilbte Papierbögen, etwas kleiner als DIN A2, mit jeweils acht Seiten eines fertigen Romans. Normalerweise bringt ein Autor darauf letzte Korrekturen vor der Druckfreigabe an, doch hier hat wohl jemand sein Manuskript zu früh abgeschickt: Ganze Absätze sind durchgestrichen, die Ränder in kaum lesbarer Handschrift vollgekritzelt. Wo kein Platz mehr war, kleben dicht beschriebene Zettel. Schon beim ersten Satz wird klar, dass sein Verfasser noch damit beschäftigt ist, seine Gedanken zu entwickeln: Er ist durchgestrichen und handschriftlich neu formuliert, ausgebessert, wieder durchgestrichen und neu geschrieben – und da steht er nun, hastig hingeworfen, dieser erste Satz. Er lautet: „ Longtemps, je me suis couché de bonne heure » und ist einer der berühmtesten Sätze der Weltliteratur, der Beginn von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit.“

Ein Faksimile des Bogens liegt einem Band der „anderen Bibliothek“ bei. Er heißt, wie von Proust ursprünglich vorgesehen, „Das Flimmern des Herzens.“ Der Schweizer Übersetzer und Literaturvermittler Stefan Zweifel legt damit ein Buch vor, in dem man sowohl die vom Autor korrigierte als auch die ursprüngliche Fassung von Combray, dem ersten Teil von Prousts Jahrhundertwerk, parallel lesen kann. Ein tollkühnes Projekt, das von allen Beteiligten – Übersetzer, Verleger und auch Leser – Wagemut und Phantasie einfordert. Schlägt man den Band auf, findet man auf der jeweils rechten Seite den Text der wiedergefundenen Druckbögen, links steht der überarbeitete Roman in neuer Übersetzung. Streichungen sind violett, handschriftlich eingefügte Passagen rot hervorgehoben. Man braucht einige Seiten und ein wenig Geduld, bis man mit dem ungewohnten Schriftbild klarkommt. Doch dann hält die vergleichende Lektüre faszinierende Erkenntnisse bereit. Das Personal des Romans verändert sich, wie auch der Tonfall, weg vom damals gerade aus der Mode kommenden Symbolismus, hin zu einer radikaleren Subjektivität. Auch in den gestrichenen Passagen, finden sich lesenswerte Sätze, etwa: „Von einem gewissen Alter an sind wir nicht mehr in eine Frau verliebt, sondern aus Anlass einer Frau. Unsere Liebeleien sind in Wirklichkeit, unbesehen der Vielfalt unserer Geliebten, stets nur eine einzige Liebe, latent und schmachtend, stets am Abgrund einer Attacke, die der winzigste Gesichtszug, der dazu Anlass geboten haben mochte, zum Ausbruch brachte.“

Stefan Zweifels Buch ist nicht nur für Proust-Nerds geeignet. Es ist vielmehr ein guter Anlass, sich – egal, ob erstmals oder wieder – auf einen Autor einzulassen, dessen Werk einem Ozean gleicht, vor dem viele zurückschrecken. Dabei braucht es keinen besonderen Mut für den Sprung: Man hat von der Lektüre dann am meisten, wenn man gleich zu Beginn jeden Widerstand auf- und sich den uferlosen Sätzen hingibt, die einen unwiderstehlich in die Untiefen der Erinnerung des Erzählers ziehen. Beim Hinabsinken nach Combray, den fiktiven Ort der Sommerfrische, vermischen sich alle Sinne: Landschaften schmecken unterschiedlich, die Luft fühlt sich an wie knuspriger Blätterteig, die Blüten des Weißdorns sind Melodien, die einsame Selbstbefriedigung im stillen, vom Duft der Schwertlilien erfüllten Kämmerlein geht nahtlos in die Beschreibung der durchs Fenster wuchernden Natur über.
Unschuld und Onanie, Genuss und Ekel, Schönheit und Grausamkeit sind in Prousts Welt Kehrseiten derselben Medaille. Die Augen des Erzählers als Kind, dem viel zu oft der so dringend zum Einschlafen benötigte Gutenachtkuss der Mutter verweigert wird – etwa wenn Gäste im Haus sind, wie ein gewisser Monsieur Swann – durchdringen die Fassaden der in ihren Ritualen erstarrten Gesellschaft der Belle Epoque und erwecken sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs, also unmittelbar vor ihrem Untergang, noch einmal zum Leben.

Im Fall von „Das Flimmern des Herzens“ stockt der Lesefluss jedoch immer wieder. Dafür sorgt zum einen die nahe am Original gehaltene, von Archaismen gespickte Neuübersetzung, die nicht mit dem gewohnten „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ beginnt, sondern, etwas ruppiger: „Lange Zeit, ging ich zu guter Stunde zu Bett“. Zum anderen liegt eine gewisse Herausforderung in der Natur eines Buches, das sein eigenes „Making of“ im Schriftbild zeigt. Der Lohn für die Mühen ist das Gefühl, dem Autor beim Denken zuzusehen, beim Ausprobieren bestimmter Wendungen, beim Abwägen, Verwerfen, neu Formulieren. Seinen Verleger dürfte Proust damit wohl zur Verzweiflung getrieben haben, wenn er sich in einem Begleitschreiben auch artig entschuldigt. Die Fahnen seien nunmehr ein „unentwirrbares Durcheinander, das Ihren Arbeitern viel Mühe bereiten wird, worüber ich untröstlich bin und beschämt.“
Vielleicht ist das ja nur fishing for compliments. Für uns hat Prousts Zerknirschung durchaus etwas Tröstliches: Hadern nicht auch wir immer wieder mit der einen oder anderen Deadline, und kommen nicht auch uns Normalsterblichen die besten Gedanken oft genau dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist?