Abschiebung nach Afghanistan

von Fritz Letsch

Abschiebung nach Afghanistan
Flüchtlingsrat kritisiert Inhaftierungen als oft rechtswidrig und als Verstoß gegen die Menschenwürde
In Bayern läuft eine Verhaftungswelle afghanischer Flüchtlinge. Der Bayerische Flüchtlingsrat weiß von inzwischen zehn Verhaftungen. In den Haftbeschlüssen wird darauf hingewiesen, dass Bundesinnenminister Seehofer den Innenministerien der Länder mitgeteilt hat, die bisherige Einschränkung auf Straftäter, Gefährder und hartnäckige Identitätstäuscher sei aufgehoben.

Mitarbeiter*innen der Zentralen Ausländerbehörden berichten, dass das Innenministerium enormen Druck auf sie ausübt, jeden abgelehnten Afghanen als abschiebbar zu melden. Den Flüchtlingen wird die Abschiebung angedroht, wenn sie nicht vorher „freiwillig“ ausreisen.

Auch vor kranken Flüchtlingen macht die Abschiebebehörde nicht halt. In Gauting wurde ein Afghane aus der Psychiatrie heraus verhaftet. Die Haftbeschlüsse sind oft nicht sinnvoll begründet.

Kalt und berechnend handelt die Bayerische Staatsregierung, die massiv nach Afghanistan abschieben will.

Auch der neue Lagebericht, auf den sich die Bayerische Regierung stützt, kann eine Abschiebung nach Afghanistan nicht rechtfertigen. Die Sicherheitslage ist im ganzen Land nach wie vor extrem unstabil und gefährlich. Die Zahl der zivilen Todesopfer ist nicht zurückgegangen.

Die Lage für Rückkehrer hat sich besonders in Kabul massiv verschlechtert. Im Bericht wird explizit darauf hingewiesen, dass lokale Netzwerke für Rückkehrer, die lange Zeit im Ausland gelebt haben, gar nicht oder nur sehr schwer zugänglich sind. In Afghanistan spielen aber soziale Netzwerke eine zentrale Rolle für den Aufbau einer Existenz und die Sicherheit am neuen Aufenthaltsort.

„Flüchtlinge in ein Kriegsgebiet abzuschieben, um hier den Wähler*innen die harte Hand vorzuspielen und den rechten Rand einzusammeln, zeugt von einer ausgeprägten Gewissenlosigkeit in der bayerischen Regierungspartei“, kritisiert Stephan Dünnwald, Sprecher des bayerischen Flüchtlingsrats. „Wir fordern einen sofortigen Stopp der Abschiebungen nach Afghanistan und eine Rückkehr der CSU zu einer Flüchtlingspolitik, die nach menschlichen Lösungen sucht statt mit Menschenleben zu spielen.“

Nach den Erkenntnissen des Bayerischen Flüchtlingsrats wird die nächste bundesweite Abschiebung nach Afghanistan am kommenden Dienstag, 3. Juli, von München aus stattfinden. Andere Bundesländer haben angekündigt, zurückhaltend abzuschieben und sich weiter an die Einschränkung auf Straftäter und Gefährder zu halten.

Bei Rückfragen und Interview-Wünschen wenden Sie sich bitte an Stephan Dünnwald  im Bayerischen Flüchtlingsrat     Tel: 089-762234 / 0177 721 6830



Lagebericht Afghanistan 14.7.18, 19:00 Uhr, im Münchner Stadtmuseum

 

D I S K U S S I O NLagebericht Afghanistan

LAGEBERICHT AFGHANISTAN
Expert*innen berichten zur aktuellen Situation

Samstag 14.7.2018, 19:00 Uhr, Münchner Stadtmuseum

Afghanistan wurde im vergangenen Jahr von den Vereinten Nationen wieder als Bürgerkriegsland eingestuft. Der Anfang Juni 2018 erschienene Lagebericht des Auswärtigen Amtes zur abschieberelevanten Situation in Afghanistan zeichnet ein ähnliches Bild, das von der Bundesregierung allerdings anders gezeichnet wird. Drei international renommierte Expert*innen zu Afghanistan berichten zu ausgewählten Aspekten der Sicherheitslage, der Situation von Rückkehrern, der deutschen Politik und Rechtsprechung.

 

Friederike Stahlmann
Max Planck Institut für ethnologische Forschung, Halle

 

Liza Schuster
Department of Sociology, City University of London

 

Thomas Ruttig
Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network

In Kooperation mit dem Projekt „Migration bewegt die Stadt“ des Münchner Stadtmuseums

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