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Norwegens Schneewüste: Immer weiter ins weiße Nichts - SPIEGEL ONLINE

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Auf Holzskiern der norwegischen Armee in sechs Tagen von Alta nach Karasjok.

Liv heißt Leben. Einen besseren Namen hätte Sven Engholm, Hundeschlittensportlegende aus Karasjok, 60 Jahre alt, seiner Tochter nicht geben können. Liv ist unerschrocken, hellwach und diente der norwegischen Armee vier Jahre als Infanteristin.

Heute ist sie 33 und führt Touristen über das Hochplateau der einsamen Finnmarksvidda. Mit Co-Guide Kasper Jaeger brieft sie im Küstenort Alta das Team für die Tage im arktischen Schnee. Neun Gäste aus sechs Nationen ihres Unternehmens Turgleder sitzen am Hüttentisch.

In sieben Tagen von West nach Ost, auf Skiern, von Alta nach Karasjok an der finnischen Grenze. Quer durch das Herzland der Samen und ihrer Rentiere. Mit Pulkas und Huskys, mit Eisfischen, Nächten im Zelt und täglichen Distanzen bis zu 22 Kilometern. "Es gibt Leute, die Geld zahlen, um hier herumlaufen zu dürfen", sagt Kasper. Dann überprüft der bärtige Däne die Ausrüstung der Aspiranten.

Tag eins. Am gefrorenen See Stuorajavri hebt Liv paarweise gut zwei Meter lange, massive Holzskier der norwegischen Armee aus dem Van. Sie passt deren minimalistische Metallbindung den Schuhen an, zieht die Gurte der Pulkas stramm. Es schneit bei der Überquerung des Sees. Die Jotka Fjellstue, eine Berghütte, ist erstes Etappenziel und letzte Bastion der Zivilisation.

Tag zwei. Am Morgen lädt Samenhirte Mathis Keino die Truppe auf seinen motorisierten Ski-Bob. Liv hängt sich auf Skiern hinten an ein Seil. Dann prescht Mathis zwei Kilometer weiter eine Anhöhe hinauf. Im fahlen Sonnenlicht des frühen Morgens fressen zutrauliche Rentiere den Besuchern das mitgebrachte Brot aus den Händen. Später setzt der Pulkatrupp den Weg auf den gespurten Tracks fort, bis Liv die Route ins unberührte Gelände lenkt. Die beiden Alaskan-Husky-Hündinnen Biigha und Nemi hängen sich ins Geschirr.

Es hat etwas Meditatives, weiter und weiter ins unverspurte Land vorzudringen. Eine Art Gier, immer weiter zu laufen, hinter den nächsten Berg zu schauen, das nächste Schneefeld zu queren. Nach 16 Kilometern schlagen wir das Camp aus vier Zelten auf. Der Himmel zeigt ein verhaltenes Weiß. Kein Polarlicht heute.

Tag drei. Am Morgen reißt es auf. Dann verwischt erneut diffuses Licht alle Unebenheiten. Die schnellen Wechsel sind typisch für die Region. Liv läuft voraus, navigiert konzentriert. Ein Fehler könnte Folgen haben. Weitergehen. Der windverpresste fischgrätenartige Schnee erinnert an eine Rauhfasertapete. Schneefall setzt ein.

Das stundenlange Marschieren ins Nichts, ohne visuelle Bezugspunkte, versetzt die Geher in ihre eigene Welt. "Tunnelblick" hat Kasper dieses Phänomen genannt. Nach dem Lunch übernehme ich Hündin Biigha als Zughilfe. Richtig wäre: Sie übernimmt mich. Das Tier scheint wie ein einziger gespannter Muskel, der nur ein Ziel kennt - ans vordere Ende der Karawane gelangen, wo Herrin Liv marschiert.

Mehrmals reißt Biigha mich zu Boden. Der Wind frischt auf. Um 17 Uhr stellen wir die Schmalseite der Zelte in den Sturm, nageln die Schlaufen mit Skiern in den Schnee. Als wir uns in die Schlafsäcke wickeln, ruft Liv: "Polar lights!" Tatsächlich. Ein schüchterner Streifen sphärisches Grün spannt sich über den plötzlich klaren Nachthimmel.

Tag vier. Am Morgen greift Liv zur Eisschraube und kurbelt vier Löcher in den nahen See. Dann holt sie eine Dose Maden aus der Jackentasche. An kurzen Ruten zieht das Team zwei riesige Forellen auf das Eis. Wir brechen die Zelte ab, ziehen mit unseren Pulkas weiter. Das Laufen wärmt. Einen müden Moment frage ich mich, wie viel Sinn es macht, eine Plastikschüssel an Stangen über Norwegens Schneefelder zu ziehen. Doch der Moment vergeht rasch. Kasper blickt auf. "Von hier sind es in jede Richtung 60 Kilometer bis zur nächsten Straße. Sogar die Flugzeuge sind näher!"

Tag fünf. Kaltstart am Morgen bei Sonne und Sturm. Ein neuer Versuch mit Hündin Biigha. Diesmal gehe ich hinter der Pulka, die jetzt wie ein Puffer Biighas Kräfte bremst. Jetzt zieht der Hund den Schlitten. Das vierbeinige Energiebündel ist deutlich leichter zu lenken. Bergauf gerät die Pulka ins Stoppen, ich helfe per Skistock nach und rufe Biigha ein kurzes "Ya!" zu - Los! Ein tiefes, kehliges "Ouuuh!" bedeutet dagegen: Halt.

Und plötzlich klappt es: Biigha und ich sind ein Team. Was für ein Gefühl, mit diesen charakterstarken Tieren zu arbeiten. Auch als eine versprengte Gruppe Rentiere nur Meter enfernt vorbeispurt, schlagen die Hunde nicht an. Brav. Abends tischt Liv gekochte Rentierzungen mit Kartoffelbrei auf.

Tag sechs. Heute bin ich dran mit dem Navigieren: 120 Grad, ein Südost-Kurs. Über einen See, dann auf einen Berg. Hinter dem Kamm - eine Überraschung: eine Rentierherde aus 500 Tieren. Ihr Hirte ist nicht weit. "Bures, bures!", begrüßt Liv den Sami in seiner Sprache. Ein kurzer Plausch. Wir gehen weiter. Gehen und gehen. Trotz der Anstrengung fasziniert das Weiß dieser arktische Szenerie jeden Tag aufs Neue. In der Dämmerung taucht endlich das Dach der Ravnastua-Hütte zwischen den Fjellbirken auf. Nach vier Nächten im Zelt, in Wind und Weite gibt es jetzt Wärme, Feuer, Betten aus Holz. Die Vorfreude macht Gänsehaut.

Tag sieben. Der letzte Tag läuft wie geschmiert. Sonne glitzert auf bereiften Birkenzweigen. Ein Märchenwald. Und dann, der große Moment: Nach 90 Kilometern erreichen die stolzen Finnmarksdurchquerer die Engholm Husky Lodge am Ufer des Karasjok-Flusses. Livs Vater hat hier mit eigenen Händen acht Blockhütten für Gäste erbaut. Kaminfeuer. Die erste Dusche nach sieben Tagen ist eine Offenbarung. Draußen sinken die Temperaturen auf minus 23 Grad Celsius. Nachts scheint der Vollmond durchs Fenster, während die 50 Alaskan Huskys der Farm ein schaurig-schönes Geheul anstimmen. Ein berührender Schlusspunkt für die intensiven Tage in der beeindruckenden Wirklichkeit der arktischen Natur. Und ein fettes Stück echtes Outdoor-Leben.

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