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Auch die Wurst hat ein Ende

Weltverbesserer und Gutmenschen gehen den meisten Leuten gehörig auf die Nerven - nicht zuletzt in der Uni. Warum bloß?, fragt sich Valerie Schönian.

Bärchenwurst ist der liebste Brotbelag vieler Kinder - die lächelt einem morgens so nett entgegen. Im Laufe ihres Lebens aber verzichten immer mehr Menschen auf ihr tägliches totes Tier: Im vergangenen Oktober zählte der Vegetarierverbund Deutschland schon sieben Millionen Menschen, die auf fleischfreie Ernährung umgestiegen sind. Schwer zu verstehen? Keine Sorge, ihr seid nicht die Einzigen, die solche harten Lebensbrüche überfordern:

Ein Tag in der Uni, einer wie jeder andere. Es ist 13 Uhr und die Mittagessen-Debatte beginnt. „Ich will in die Silberlaube - da gibt es wenigstens Fleisch", verkündet ein Kommilitone. „Okay, dann treffen wir uns später", antwortet ihm die Studierende gegenüber, „ich gehe zur Veggie-Mensa." - „Wieso?" - „Na sie ist doch jetzt Vegetarierin", mischt sich ein Dritter ein, und rollt dabei vielsagend und schwungvoll seine Augen in Richtung linken Haaransatz.

„Ist halt so"

Der Ruf der überkorrekten Freien Universität hat anscheinend noch längst nicht all ihre Studierenden erreicht. Wer etwa außerhalb des Politikinstituts gendert, ist eine radikale Nervensäge - zumindest bei den so genannten „Nicht zu ändern"-Verfechtern (NäV). Die halten gern endlose Vorträge über die Natürlichkeit der Sprache - „die sich nun einmal so entwickelt hat". Ihre Argumentation springt ping-pong-artig zwischen „Ist halt so" und „Sei doch nicht so kleinlich" hin und her - den obligatorischen Augenverdreher immer inklusive.

Mit ihrer Walze der Ignoranz machen die NäV alles nieder, was sie stört: Vegetarierinnen, Veganer, Feministinnen, Linke - sprich all die so genannten Weltverbesserer. Die Vorurteile gegen diese Gruppen: Sie sind mindestens engstirnig, meistens arrogant, in jedem Fall aber anstrengend. Zuhören können sie sowieso nicht; dafür sind sie in ihrem Denken zu fest gefahren. Kurz gesagt: Die Weltverbesserer gehen den NäV gewaltig auf die Nerven.

In der Gewohnheit ist es am Schönsten

Denn diese halten ihnen einen Spiegel vor das Gesicht - ob im Seminar, an der U-Bahn-Station oder in der Mensa. Sie sagen eine Wahrheit, die keiner hören will. Denn die ist Mist: Es stinkt zum Beispiel, dass Bio-Fleisch und SPD-Kreuzchen für ein reines Gewissen nicht ausreichen. Es ist zum Heulen, dass einer Kuh das Kalb geklaut wird, damit wir ihre Milch trinken können. Und es ist zum Schreien, dass Frauen wegen ihrer Gebärmutter im Beruf immer noch strukturell benachteiligt sind.

Würden die NäV das immer wieder hören und verinnerlichen, könnten sie ins Grübeln kommen. Das könnte zu neuen Erkenntnissen führen, aus denen Taten folgen müssten. Das aber wollen die NäV offenbar überhaupt nicht. Sie bleiben lieber bei ihren Gewohnheiten - alles andere wäre total anstrengend und obendrein humorlos. Sie wollen weiter sexistische Witze reißen und Bärchenwurst essen. Deswegen verstecken sie sich hinter ihren Scheuklappen.

Gutmenschen sollten ein Vorbild sein

Liebe NäV, liebe Augenverdreher, liebe Hinterwäldler: Die Weltverbesserer sind die einzigen, die es richtig machen. Dank ihnen haben wir so etwas wie Umweltschutz, wenigstens einige Tierrechte und einen Gleichstellungsparagraphen. Diese Sorte Menschen hat schon immer gekämpft und dafür unwitzige Polemik geerntet. Trotzdem haben sie sich nicht abschrecken lassen und damit die Welt ein bisschen verbessert. Anstatt sie zu verspotten, sollten sie eure Vorbilder sein!

Die sieben Millionen Vegetarier in Deutschland sind wahrscheinlich nicht mit ihrer Meinung auf die Welt gekommen. Sie wurde ihnen nicht in die Wiege gelegt. Es ging ihnen früher sicherlich genauso auf die Nerven, wenn ihnen jemand beim Essen vorhielt, dass für das lächelnde Bärchen in den Wurstscheiben ein Schwein gestorben ist.

Aber irgendwann gingen ihnen die schlagfertigen Antworten aus. Denn das einzige, was gegen die Argumente der Weltverbesserer spricht, sind unsere Schwerfälligkeit und die Faulheit, aus unseren Gewohnheiten auszubrechen.

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