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torial Blog | Re:publica-Rückblick (1): Journalisten, springt nicht so schnell auf virale Inhalte an!

Luca Hammer demonstrierte, wie er Wutwellen auf Twitter analysiert. Bild: Bernd Oswald

torial hat für Euch die re:publica 2019 besucht - und sich auf die interessanten Themen für Journalisten konzentriert. Im ersten Teil unseres rp19-Rückblicks geht es darum, warum sich Empörungswellen, Populismus und Fake News so schnell im Netz verbreiten und was Journalisten im Umgang damit besser machen können.

Es ist immer eine große Herausforderung, den Überblick über eine so mega-große Konferenz wie die re:publica zu behalten, selbst dann, wenn man den Fokus, so wie ich, auf die Sessions richtet, in denen es schwerpunktmäßig um Journalismus geht. Insofern liefere ich im Folgenden meinen ganz persönlichen Rückblick, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Gleich mehrere gute bis sehr gute Sessions gab es zum Themenkomplex Diskussionskultur im Netz - und wie Journalisten damit umgehen sollten. Sehr viel Anklang fand der Vortrag "Wie Populisten uns auf Social Media vor sich hertreiben - und was wir dagegen tun können" von Eva Horn, Social-Media-Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE. Horn stellte zuerst drei Beispiele vor, wie Populisten Themen ausschlachten oder missliebige Personen angreifen. Sie beschränkte sich aber nicht auf die Analyse, sondern löste das Versprechen „was wir dagegen tun können" sehr konkret ein. Journalisten gab sie fünf Tipps mit auf den Weg. (Den Original-Wortlaut der Tipps habe ich gefettet, die Erläuterung habe ich in eigene Worte gefasst)

1. Lasst Euch nicht treiben! Denn ihr habt Zeit. Auch im Online-Journalismus. Überlegt, ob ein virales Thema wirklich berichtenswert ist.
2. Ist das eine echte Debatte? Wirklich? Nur weil augenscheinlich viele Leute dazu posten, muss es noch lange kein Thema sein. Vor allem dann nicht, wenn viele fast wortgleich twittern. Handelt es sich dann um echte Menschen oder um Bots?
3. Investiert in Euer Social Media Team. Wenn man sich bei der Einschätzung eines Themas nicht sicher ist, soll man sein Social-Media-Team fragen. Und wenn das nicht vorhanden ist, seine Beschäftigungspolitk ändern und eines aufbauen.
4. Übernehmt das Framing nicht! Wenn Journalisten über Fake News berichten, besteht die Gefahr, durch die eigene Berichterstattung auf einer organisierte Kampagne aufzuspringen. Es sei denn man liefert eine Einordnung mit und entlarvt, welches Framing die Auslöser gewählt haben.
5. Investiert in Diversität: Hier kam der zweite Appell an Medien, ihre Beschäftigungspolitik zu ändern: „Kollegen mit Migrationshintergrund werden eure Redaktionen bereichern, ebenso Menschen mit Behinderung oder aus prekären Verhältnissen."

Und dann hatte Eva Horn noch sieben Tipps für jeden von uns parat:

1. Stop making stupid people famous: Gebt Idioten keine Reichweite.
2. Liefert mehr Kontext: Was ist eine Fake News, was ist eine Ente und warum, belegt das mit Screenshots.
3. Gebt Idioten auch dann keine Reichweite, wenn ihre Sätze auf Zitatekacheln der Tagesschau stehen.
4. Seid Euch Eurer Verantwortung bewusst.
5. Werdet endlich kritikfähig.
6. Lernt den Unterschied zwischen Kritik und Beleidigung.
7. Teilt Dinge, die ihr gut fandet und gebt wertschätzendes Feedback.

Wirklich einer der besten, weil konstruktivsten Vorträge, die ich auf der re:publica gehört habe. Ich weiß, hinterher Videos von einer Konferenz anschauen, kostet Zeit, die man oft nicht hat. Aber diese 25 Minuten sind wirklich gut investiert. Wenn ihr nur ein Video von der rp19 anschauen wollt, dann empfehle ich dieses.

Wie gehen Community-Manager mit Trollen um?

Auch ein anderes thematisch verwandtes Panel nahm auf den Vortrag von Eva Horn Bezug: Aufräumen im Trollhaus: Hetze und Gegenrede in Kommentarbereichen. Hier ging es darum, wie Community-Manager mit Trollen und Hatern umgehen sollen. Marc Ziegele von der Uni Düsseldorf stellte eine Studie zum Einfluss von Community-Managern in Kommentarspalten vor. Darin macht er viel Moderations-Stile aus: Diskutieren und Vergemeinschaften als Beispiele für ermutigende Stile und Erziehen sowie Konfrontieren als Beispiele für regulierende Moderationsstile. Den einen Stil, der immer taugt, gibt es nicht, darin waren sich Zingerle, Gregor Mayer von Phoenix, Sonja Boddin von ichbinhier und Nicole Diekmann vom ZDF einig. Diekmann war in den ersten Januar-Tagen selbst Opfer eines veritablen Shitstorms: Am Neujahrstag hatte sie „Nazis raus" getwittert und auf die Nachfrage eines Nutzers, wer denn für sie Nazis seien, geantwortet: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählen". „Am Morgen danach habe ich mir gedacht: Mensch, ein Zwinker-Smiley hätte dem Post ganz gut getan", erklärte Diekmann. Dann berichtete sie sehr anschaulich, wie sich die Wutwelle entwickelte und wie sie damit umging. Am interessantesten fand ich dabei ihre Aussage, dass speziell die AfD Algorithmen von sozialen Netzwerken für ihre Zwecke instrumentalisiert, etwa durch das Etikett „Lügenpresse" für etablierte Medien wie das ZDF. Ein AfD-Politiker habe zu Diekmann gesagt: „Ich weiß, dass sie nicht Lügenpresse sind. Aber es zieht bei den Leuten."


Twitter-Analyst Luca Hammer öffnet seinen Werkzeugkasten

Der Fall Diekmann spielte auch im Vortrag „Wut in Zeitlupe: Analyse von Empörungswellen auf Twitter" von Luca Hammer eine große Rolle. Hammer gewährte einen sehr praxisnahen Einblick, wie er vorgeht, wenn er eine Empörungswelle analysiert. Er geht dabei fünf Fragen nach:

- Wie ist die Welle entstanden? - Wie hat sie sich verbreitet? - Wie viele sind daran beteiligt? - Welche Accounts? - Werden Bots eingesetzt?

Hammer zeigte dabei auch einige Programme, die er dafür verwendet: Etwa Python zum Datendownload, Gephi zur Netzwerk-Visualisierung oder die von ihm selbst entwickelte Account Analysis accountanalysis.lucahammer.com , mit der er unter anderem beurteilt, ob es sich bei einem Account um einen Bot handelt oder nicht. Luca Hammer hat die sehr nützliche Präsentation zu seinem Vortrag auf seinem Blog veröffentlicht.


Fake-News-Verbreiter sind gut vernetzt

Eine ebenfalls sehr interessante Netzwerk-Analyse haben Immanuel von Detten und Elena Riedlinger im Rahmen ihrer Bachelorarbeit der Hochschule für Medien in Stuttgart erstellt. Sie untersuchten 23 Websites, die regelmässig sogenannte "Fake News"-Meldungen verbreiten. Im Zentrum stehen die einschlägig bekannten Blogs journalistenwatch, philosophia perennis und Epoch Times, die sehr häufig aufeinander verlinken und gleichzeitig häufig von anderen Websites verlinkt werden. Die Kooperation zwischen den Seiten ist aber nicht auf das Netz beschränkt, sondern findet auch offline statt, unter anderem bei Blogger-Treffen. Riedlinger und von Detten kamen zu dem Schluss: „Die Gegenöffentlichkeit ist real". Ihre "Struktur-Analyse von Fake-News-Netzwerken" kann man auch im Netz studieren.

Patrick Gensing: Wir müssen weg von der Schnelligkeit

Ein Panel widmete sich der Frage, was speziell der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) gegen Fake News tun muss. RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus vertrat die Meinung, dass der ÖRR nicht dafür zuständig sei, „Facebook oder Instagram sauber zu machen. Das ist nicht unser Job". Dafür erntete er aber entschiedenen Widerspruch von Medienjournalist Stefan Niggemeier: „Natürlich ist das ihr Job. Wer soll es denn sonst machen? Wofür geben wir Rundfunkgebühren aus?" Patrick Gensing vom Faktenfinder der Tagesschau plädierte für mehr Entschleunigung und Gründlichkeit: „Der Online-Journalismus ist fehleranfällig. Morgens werden Meldungen produziert und verbreitet. Tagsüber wird dann hinterherrecherchiert und dabei wird oft festgestellt: So stimmt das ja doch nicht so ganz. Wir müssen weg von der Schnelligkeit. Wir müssen dpa-Meldungen stärker hinterfragen und selbst nachrecherchieren."

Fazit: In mehreren Sessions appellierten die Redner an eine journalistische Grundtugend, die im Online-Zeitalter etwas ins Hintertreffen geraten ist: die Sorgfaltspflicht. Journalisten sollen sich nicht von Empörungswellen im Netz treiben lassen, die Aufregerthemen nicht einfach nacherzählen und weiterverbreiten. Speziell Eva Horn von Spiegel Online und Patrick Gensing von der Tagesschau forderten eine gründlichere Recherche, damit man dem Publikum die Narrative und Framings von Populisten und Hatern erklären kann.

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