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IS-Überfall auf Jesiden: "Jederzeit wieder möglich"

Im August 2014 überfiel die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die von Jesiden bewohnte Sindschar-Region im Nordirak. Sie töteten, vergewaltigten, verschleppten und versklavten viele Angehörige der religiösen Minderheit. Vier Jahre später ist der Alptraum für viele noch immer nicht vorbei, sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, Irfan Ortac.


Herr Ortac, wie viele Jesidinnen und Jesiden sind bis heute noch vermisst?

Wir gehen davon aus, dass etwa 2600 überwiegend junge Frauen und Kinder verschollen, an einem unbekannten Ort sind, aber noch leben. Zu einigen konnten wir heimlich über Umwege Kontakt aufnehmen. Daher wissen wir, dass Kinder und Jugendliche Opfer von Gehirnwäsche sind und zu Dschihadisten ausgebildet werden: Sie sollen als Selbstmordattentäter "Kuffar" (Arabisch für Ungläubige) töten, damit sie ins Paradies kommen.

Wissen Sie auch von Jesidinnen, die weiterhin als Sex-Sklavinnen gehalten werden?

Wir wissen von den Frauen, mit denen wir kommunizieren können, dass sie gegen ihren Willen festgehalten werden. Einige von ihnen haben in Gefangenschaft und nach Vergewaltigungen auch Kinder zur Welt gebracht.

Die meisten sind wohl irgendwo in Syrien und im Irak, einige aber auch in anderen Ländern der Region: Wir haben Spuren, die sogar in den Maghreb führen und auch in die Türkei. Weil sie von der Außenwelt abgeschnitten sind, glauben sie, dass der IS alles beherrscht.

Welche Informationen haben Sie über Tote, die in Massengräbern liegen und noch nicht identifiziert wurden?

Bei 6800 Menschen gehen die Angehörigen davon aus, dass sie getötet worden sind. Sie wissen es nicht genau, haben aber Zeugenaussagen oder andere Indizien dafür. Es handelt sich hier meistens um Männer oder alte Frauen.

Was können Sie tun, um den Verschollenen zu helfen?

Wir versuchen, ihnen mit Hilfe unserer Netzwerke auf verschiedene Weise zur Freiheit zu verhelfen. Einige werden nach Kampfhandlungen von Anti-IS-Kämpfern befreit. Es sind aber leider sehr wenige, die auf freien Fuß kommen.

Das Schicksal der Jesiden hat auch in der Bundesrepublik Deutschland erschüttert. Bekommen Sie Unterstützung?

Wir würden uns mehr wünschen. Aus Deutschland fließen Millionenhilfen in den Irak. Bei den Jesiden kommt das Geld aber nicht an. Noch immer müssen gut 300 000 Jesiden in den Flüchtlingslagern im Nordirak ausharren. Wir wünschen uns, dass die Akteure stärker als bisher mit den Jesidinnen und Jesiden zusammenarbeiten. Ferner ist der Umgang mit den Hunderten Dschihadisten, die aus Deutschland nach Syrien und Irak gereist sind, maßlos enttäuschend. Viele leben fast unbemerkt wieder unter uns. Prozesse enden oft mit geringen Strafen. Dabei waren die Dschihadisten und auch die Dschihadistinnen aus dem Ausland meist besonders brutal zu unseren Frauen.

Vor dem IS-Überfall lebten etwa 600 000 Jesiden in der Sindschar-Region. Wie viele sind es heute?

Insgesamt sind es rund 40 000 - die meisten von ihnen Kämpfer und deren Familien, die sich selbst verteidigt und die Dörfer nie verlassen haben. Hunderttausende sind noch in den Camps, weil sie sich nach wie vor nicht sicher fühlen. Etwa 300 000 sind heute im Ausland: Die größte jesidische Gemeinde ist mit mehr als 200 000 Mitgliedern in Deutschland - über 110 000 von ihnen sind alleine in den vergangenen drei Jahren hinzugekommen. Weitere Gemeinden sind in Ländern wie Armenien, Australien, Frankreich, Georgien, Kanada, Österreich, oder Neuseeland.

In der Öffentlichkeit spielt die Situation der Jesiden kaum noch eine Rolle. Frustriert Sie das?

Vor dreieinhalb Jahren habe ich gesagt: Einen solchen Angriff auf die Jesiden wird es nie wieder geben. Heute sage ich: Er ist jederzeit wieder möglich und er wäre noch schlimmer. Denn diesmal würde es niemanden mehr interessieren. Der Genozid hat bis heute Folgen: Durch die Verstreuung unserer Gemeinde über viele Länder wird langfristig unsere Religion aus der Welt getilgt, wenn nicht schnell gegengesteuert wird. epd/nd

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