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Doppel-Abschluss für Überflieger

Abitur fremdsprachen

Schüler, die zwei Schulabschlüsse gleichzeitig machen wollen, müssen sehr gut organisiert sein.

Der Satz klingt altklug: Wer heute etwas werden will, muss sich von der Masse abheben. Zählt man alle Abiturienten in Deutschland zusammen, wird aber deutlich, wie viel Wahrheit in diesen Worten steckt: Die Zahl der Absolventen ist in den vergangenen 25 Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen. Knapp 290 000 junge Menschen machten im Jahr 2017 laut Statistischem Bundesamt hierzulande ihr Abitur - im Jahr 1992 waren es noch gut 186 000 Schulabgänger. Je nachdem, was die jungen Absolventen beruflich im Sinn haben, reicht es also nicht mehr unbedingt, nur die allgemeine Hochschulreife zu besitzen. Die haben viele andere auch.

Sophie Labs besucht die elfte Klasse am Leonardo-da-Vinci-Campus, einem privaten Gymnasium in Nauen im Havelland. Auch sie steht kurz vor ihrem Abitur. Die Schülerin liebt Sprachen. Schon im Kindergarten brabbelte sie die ersten englischen Worte nach. In ihrer Freizeit nimmt die heute 16-Jährige an Basketballturnieren teil, sie reitet, spielt Klavier. Ein volles Programm für einen so jungen Menschen, könnte man meinen. Sophie setzt aber noch einen drauf: Neben der allgemeinen Hochschulreife absolviert sie an ihrer Schule das "International Baccalaureate Diploma", kurz "IB Diploma" genannt.

Gymnasiasten, die das Abitur in englischer Sprache machen, haben kaum noch Freizeit

Das Lehrprogramm mit dem sperrigen Namen ist eine Art internationales Abitur in englischer Sprache. Zusätzlich zu den normalen Abiturprüfungen müssen die Schüler für das IB-Diplom sechs Prüfungsfächer in der Fremdsprache meistern, dazu kommen wissenschaftliche Arbeiten und das insgesamt 50-stündige CAS-Programm - das Akronym steht für Creativity, Activity, Service - , bei dem die Schüler kreatives, sportliches oder soziales Engagement nachweisen und in Essays reflektieren müssen.

Konkret bedeutet das: Sophie hat täglich von 8.15 bis 15.30 Uhr Unterricht. Ein paar Freistunden in der Woche blieben ihr noch, aber da belegt sie nun Wirtschaft, "weil mich das auch interessiert". Hausaufgaben und die Freizeitaktivitäten folgen danach und am Wochenende; nebenbei bringt sich die junge Frau gerade noch Griechisch bei. All das unter einen Hut zu bringen, ist "manchmal schon echt stressig", sagt Sophie. Aber am Ende sei es eine Sache der Planung.

Die Schule wählt aus, wer mitmachen darf

Die 18-jährige Lea Hofmann aus Hanau hat diesen Stress schon hinter sich gebracht. Im Mai vergangenen Jahres schloss sie ihr Abitur und das IB-Programm am staatlichen Goethe-Gymnasium in Frankfurt erfolgreich ab. Für das bilinguale Angebot wechselte sie sogar die Schule. Manchmal, sagt sie, war ihr Kopf "mega-voll": der zusätzliche Unterricht, die englischen Essays, dazu das Engagement im sozialen Bereich: ein Hörspielworkshop, Aushilfe in einer Bücherei und Judotraining im Verein. "Meine Freizeit war auch ein bisschen die Schule", sagt sie.

Sophie Labs und Lea Hofmann sind die Art Schülerinnen, die man wohl als Überflieger bezeichnen kann. Überdurchschnittlich begabt muss man für das IB-Diplom auch sein, betonen Lehrer: "Das ist ein Angebot speziell für die leistungsstarken Schüler", sagt Hans-Dieter Bunger, IB-Koordinator am Goethe-Gymnasium. Um in das internationale Programm aufgenommen zu werden, müssen die Schüler in Frankfurt zuvor eine der bilingualen Klassen besucht haben, hoch motiviert sein und gute Noten vorweisen. Die Schule wählt in Beratungsgesprächen genau aus, wer mitmachen darf und wer nicht: "Wir kennen unsere Schüler gut und raten einigen auch davon ab, wenn wir wissen, dass es ihnen zu viel werden könnte", so Bunger.

Die Schule bietet das internationale Diplom schon seit 1971 an und gehörte damit zu den ersten IB-Schulen überhaupt. Für Bunger sind die Vorteile des internationalen Diploms klar: Da sei einerseits das große Sprachwissen, auch im naturwissenschaftlichen Bereich. "Außerdem lernen die Schüler andere Prüfungsformate kennen und arbeiten wissenschaftlich - eine sehr gute Vorbereitung auf die Universität." Auch Selbstreflexion und eigenständiges Denken spielten eine große Rolle. Für die guten Schüler sei es zudem "eine Möglichkeit, auch mal an die Grenzen zu kommen, die sie im normalen Schulleben nicht erreichen", sagt Bunger.

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