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Ausgegroovt

Von Laila Oudray

Sie hat einfach dazugehört. Beim Besuch des Plattenladens des Vertrauens hat man in den Platten gewühlt, mit den Verkäufern geschwatzt und gerne mal die Groove, die dort kostenlos auslag, mitgenommen. Und häufig hat es sich gelohnt, auch wenn man sich ansonsten nicht sonderlich für elektronische Musik erwärmen konnte.

Die Groove hat in den letzten 30 Jahren einen Musikjournalismus etablieren können, der die engen Grenzen der Genres sprengen konnte. Neben Rezensionen der neusten Platten gab es immer wieder gut recherchierte und feinfühlige Reportagen und Interviews. So hat Alexis Waltz 2014 einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen der Klubwirtschaft geworfen. Über mehrere Seiten zeigte der Artikel, wie der weltweite Erfolg der elektronischen Musik zu einer Kommerzialisierung der Szene führte, was vor allem unbekannte DJs in Schwierigkeiten brachte. Diese Art Texte machen den Reiz von Groove aus - so spezifisch sie sich mit elektronischer Musik beschäftigt haben, so allgemeingültig sind die Themen der Texte.

Die Groove ist bzw. war eine Zeitschrift für alle, für die Musik mehr als die Abfolge von Tönen war. So gab es in jeder Ausgabe mindestens einen Text, den man so eingehend studiert hat, dass man seine Haltestelle beinahe verpasst hätte. Doch so wegweisend die Groove in den letzten knapp 30 Jahren auch war, ihre Geschichte ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Immer wieder geriet die Zeitschrift in Schwierigkeiten, vor allem in den letzten Jahren. Immer wieder gab es Rettungsversuche mit grundlegenden Veränderungen in der Struktur. 2005 - 16 Jahren nach Gründung - wurde das Magazin an die Münchner Verlagsgruppe Piranha Media verkauft. Seitdem gab es zusätzlich zu der kostenlosen Beilage, die in den Plattenläden auslag, eine kostenpflichtige Variante mit zusätzlichen Seiten und einer beiliegenden CD. Doch diese Umstrukturierung konnte den Niedergang nur kurz aufhalten, die Anzeigenkrise verschärfte sich in den nächsten Jahren noch einmal, selbst mit den Einnahmen aus dem Verkauf der veredelten Version konnte sich das Magazin nicht ewig halten. Die Printkrise, die schon andere Musikzeitschriften in die Knie zwang, ging auch an Groove nicht vorbei.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, tschüs zu sagen: Die nächste Ausgabe, die heute erscheint, ist die letzte - zumindest auf Papier. Die Redaktion, so schreibt sie auf ihrer Website, möchte sich auf die Onlinepräsenz konzentrieren. Sie verspricht, dass ihre Features, die Reportagen, Porträts und alle Rubriken der Zeitschrift auch online zu finden sein werden. Die Kommentare unter dem Beitrag zeigen die Betroffenheit der Community: "Mehr als schade! Zwar ist das der Lauf der Zeit, aber kein besonders guter, wie ich finde!" schreibt ein Fan. "Unglaublich, ihr Feiglinge! Alles nur noch digital, oder was?! Schreibt doch gleich, dass Vinylplatten abgeschafft werden sollen", erbost sich ein anderer. Doch es gibt auch viel Verständnis für den Schritt.

Noch stellt sich die Frage, ob er sich auch lohnen wird. Über das Finanzierungskonzept ist nicht viel bekannt. Im Abschiedsbeitrag ist kurz von einem Onlineabo die Rede. Wie dieses genau aussehen wird, wird sich zeigen. Doch auch mit einem solchen Abo wird es schwer, die Zeitschrift online am Leben zu halten. Die wenigsten Onlinepublikationen können sich mit ihren Werbeeinnahmen und Bezahlmodellen finanzieren. Außerdem ist die Konkurrenz im Netz, vor allem was Musikjournalismus angeht, ungleich viel größer. Die Herausforderungen werden sein, sich auf die verschiedenen Möglichkeiten des Onlinejournalismus einzulassen, das eigene Profil noch weiter zu schärfen und neue Wege in der Finanzierung zu gehen.

Doch egal, wie es ausgehen sollte, die Groove und ihre Mitarbeiter können stolz sein auf das, was sie geschafft haben. Sie haben dem Musikjournalismus in Deutschland neue Impulse gegeben. Zudem haben sie dazu beigetragen, Techno der breiten Masse bekannt zu machen und mit ihrer Berichterstattung klar gemacht: Das ist eine ernstzunehmende Musikrichtung und nicht nur Partymusik für Leute auf Drogen.

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