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Die Renaissance des böhmischen Barock

Deutschlandfunk - Tschechien ist das Land des Barock: Klöster, Schlösser, Altäre und Gemälde prägen Kultur und Stadtbilder. Eine Zeitreise zurück in die glanzvolle Epoche, die für viele Tschechien bis heute mit einem nationalen Trauma verbunden ist.


 

Sprecher:

Die Musik hallt von den Wänden wider; es ist nur ein kleiner Raum, vorne am Altar steht der Chor.

 

Aufblendung Atmo 1

 

Sprecher:

Durch den Seiteneingang drängen immer mehr Neugierige hinein. Üblicherweise ist sie geschlossen, die St.-Johannes-Nepomuk-Kirche im Prager Stadtzentrum, aber diesmal, zur „Langen Nacht der Kirchen“, steht sie für Besucher offen. Schon lange trägt St. Nepomuk, wie so viele Prager Kirchen, einen Beinamen - „am Felsen“ heißt sie, weil sie hoch über der Straße auf einem Steinmassiv steht, zum Haupteingang führt eine Treppe empor, die sich entlang des Felsens hinaufwindet. Am Seiteneingang steht Pater Martin Leitgöb; der Österreicher ist Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde, die sich hier in der Kirche sonntags zum Gottesdienst trifft. Über seine Kirche staunt Pater Martin immer wieder selbst:

 

O-Ton 1 (deutsch)

Die Kirche St. Johannes Nepomuk am Felsen ist eine relativ kleine Barockkirche, aber man kann auch sagen, ein barockes Kleinod. Denn sie besteht aus einer Kuppel, mit der sie gegen den Himmel hin abgeschlossen ist, und wie es im Barock so üblich war, ist sie an der Innenseite bemalt, mit Fresken ausgestattet und man sieht darauf die Verherrlichung des Heiligen Nepomuk im Himmel, man sieht ihn als den Heiligen dargestellt, als den Heiligen von Böhmen schlechthin und all die Wunder, die er vollbracht hat.

 

Atmo 2 Gespräche, Lachen

 

Sprecher:

Vor der Kirche stehen die Gemeindemitglieder, sie verkaufen Würstchen und Wein, um Geld zu sammeln für die Renovierung. Pater Martin geht umher und erklärt den Besuchern sein Gotteshaus. Ein Name fällt dabei immer wieder: Kilian Ignaz Dientzenhofer. Er hat im Jahr 1730 mit dem Bau der Kirche begonnen – und ist eine der Schlüsselfiguren des böhmischen Barock.

 

O-Ton 2 (deutsch)

Kilian Ignaz Dientzenhofer war derjeige, der in der Kunstgeschichte und innerhalb des Barockstils noch einmal einen neuen Stil eingeführt hat, den des dynamischen Barock. Und die Kirche Johannes Nepomuk ist ein Prototyp des dynamischen Barocks. Wenn man hier drin steht oder auch davor und diesen Begriff hört, dynamisches Barock, dann weiß man, was damit gemeint ist.

 

Aufblendung Atmo 1

 

Sprecher:

Achteckig ist der Grundriss der Kirche, die mächtigen Säulen in der Wand verlieren dank der schwungvollen, nach oben strebenden Linien ihre Schwere und über allem wölbt sich die imposante Kuppel, die bis in den letzten Winkel mit Gemälden und Fresken geschmückt ist.

 

O-Ton 3 (deutsch)

Das typische für den Barockstil ist sicherlich die Farbenpracht, das viele Gold, das man sieht und ich würde so sagen, die Lebensfreude, der man hier begegnet in der Kirche. Barock ist Zeitalter der Lebensfreude. Es war sicher nicht immer eine einfache Zeit, es gab menschliche Schicksale und geschichtliche Schicksale, die eine ganze Gesellschaft betroffen haben; aber auf der anderen Seite versuchten die Menschen in der Barockzeit, dem Himmel zu begegnen. Sozusagen aus der Schwere ihrer menschlichen Existenz herauszukommen und in den Himmel hineinzugelangen irgendwie. Und jede barocke Kirche möchte das bieten: Sie möchte ein Stück Himmel auf die Erde ziehen.

 

Aufblendung Atmo 1

 

Sprecher:

Ein Stück Himmel auf Erden: Für die Barockzeit in Böhmen ist das eine treffende Beschreibung. Wer sich mit dem Barock auseinandersetzen will, muss sich auf eine Zeitreise begeben zurück ins 17. Jahrhundert. Der Historiker Petr Honc von der Prager Karlsuniversität ist Spezialist für diese Phase – und immer wieder fasziniert von der kulturellen Blüte, die sich damals innerhalb von sagenhaft kurzer Zeit entfaltet hatte.

 

O-Ton 4

Sprecher Overvoice:

Die barocke Bautätigkeit hat den Charakter des ganzen Landes verändert; es entstanden zum Beispiel auf dem Land neue Pilgerkirchen, auch in den Städten wurde natürlich gebaut. Das alles hat das Gesicht Böhmens geprägt.

 

Sprecher:

Es war eine Blüte nach entbehrungsreicher Zeit: Der dreißigjährige Krieg hielt ganz Europa in Atem, auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens ging es vor allem um den Kampf der katholischen Habsburger gegen die Hussiten – jene reformierten Glaubenskrieger, die sich auf den böhmischen Reformator Jan Hus beriefen. Im Jahr 1620 kam es zur Schlacht, die das weitere Schicksal Böhmens besiegeln sollte: Am Weißen Berg trafen die österreichisch-ungarischen Heere auf die Hussiten – und schlugen sie vernichtend. Bis heute ist das ein nationales Trauma für die Tschechen. In der Folge entstanden strenge Gesetze, mit denen die Protestanten schikaniert wurden; sie, die vor der Schlacht immerhin 80 Prozent der böhmischen Bevölkerung gestellt hatten. Historiker Petr Honc:

 

O-Ton 5

Sprecher Overvoice:

Sie konnten kein Gewerbe mehr ausüben, ihr ganzes Leben wurde deutlich erschwert. Die einzig erlaubte Staatsreligion war der Katholizismus, auch die deutsche Sprache wurde zu dieser Zeit mit dem Tschechischen gleichgestellt. Wie erfolgreich dieser Druck war? Das ist ganz schwer zu sagen; wir wissen heute nicht, ob die Menschen nur auf dem Papier konvertiert sind oder sich tatsächlich auch innerlich bekehrt haben. Es gibt kaum Quellen dazu und selbst Tagebucheinträge sind keine verlässlichen Anhaltspunkte, weil die Menschen befürchten mussten, dass jemand ihre Aufzeichnungen liest.

 

Sprecher:

Böhmen wurde katholisch, das Zeitalter des Barock brach an, der Kunst und der Kultur. Alles blühte auf – weil der Krieg zu Ende war, weil die Menschen sich nach Schönheit sehnten, aber natürlich auch, weil die Kirche nicht nur mit Druck bekehrte, sondern auch zu locken versuchte. Das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche als Triebfeder der Gegenreformation. Historiker Petr Honc:

 

O-Ton 6

Sprecher Overvoice:

Es gab viele Ordensmänner, die in die Dörfer gingen und versucht haben, die Bewohner zu gewinnen – auch mit Kunst, Musik und Theater, wo beispielsweise die Jesuiten hervorragend waren. Es gab Prozessionen mit kostbarem Geschmeide – das alles hat stark auf die barocken Menschen gewirkt, die für die kulturelle Pracht sehr empfänglich waren und sich bestimmt auch davon beeinflussen ließen.

 

Atmo 3 Straßenbahngeräusche

 

Sprecher: 

Wie sehr diese Pracht wirken musste, das lässt sich auch heute noch nachempfinden: Die  Straßenbahn-Linie 22 führt an den wichtigsten barocken Bauwerken vorbei. Die Endstation  liegt nur ein paar Steinwürfe entfernt vom historisch aufgeladenen Weißen Berg. Das Schlachtfeld von einst ist heute ein unscheinbarer Acker, hügelförmig ansteigend, in der Mitte ein Gedenkstein, ringsum teure Villen; die Ausläufer der sich immer weiter ausdehnenden Hauptstadt. Von hier geht die Fahrt zunächst entlang einer Ausfallstraße; man passiert zur Linken das herrliche Kloster Brevnov, das heute die Dominikaner bewirtschaften und dessen St.-Margarethen-Kirche einer der Paradebauten des Barock ist. Die Bahn fährt auf Serpentinen um den Hradschin herum, den Prager Burgberg, wo einst die Mächtigen ihre Paläste gebaut haben; viele der prunkvollsten Fassaden sind ebenfalls im Barock entstanden.

 

Atmo 4 hallende Schritte

 

Sprecher:

Hier steht eine der wahren Schatzkammern des böhmischen Barock: das Schwarzenberg-Palais, ein Prachtbau auf dem Vorplatz der Prager Burg. In den weiten Räumen des Adelspalasts, ist das Reich von Andrea Rousová. Sie ist Kuratorin bei der Prager Nationalgalerie und hat die Ausstellung über das böhmische Barock konzipiert, die im Schwarzenberg-Palais zu sehen ist.

 

 

 

 

O-Ton 7

Sprecherin Overvoice:

Mein Interesse für das Barock ist schon alt. Es fing an mit der Musik: Als ich zehn, elf Jahre alt war, wollte ich auf dem Klavier nichts anderes spielen als Barockmusik. Dass ich Kunstgeschichte studieren wollte, wusste ich früh. An der Uni habe ich mich dann auf die Barockkunst spezialisiert. Und je länger ich das mache, desto mehr stelle ich fest, dass das Barock für mich ein unerschöpflicher Schatz ist.

 

Sprecher:

Andrea Rousová ist eine der treibenden Kräfte hinter der Renaissance des böhmischen Barock. Denn tatsächlich rückt die glorreiche Epoche in Prag wieder stärker ins Blickfeld: zum Beispiel durch die Dauerausstellung im Schwarzenberg-Palast, die erst vor ein paar Jahren entstanden ist; vorher waren die Kunstwerke verstreut über die anderen Häuser der Nationalgalerie oder standen unzugänglich in Depots.

 

Atmo 5 Schritte

 

Sprecher:

Wenn Andrea Rousova durch ihre Ausstellung führt, fängt sie im dritten Stock an – ein paar Jahrzehnte vor dem Zeitalter des Barock: im Manierismus, dem unmittelbaren Vorläufer. Es war die Zeit von Rudolf II, der Ende des 16. Jahrhunderts Prag zu seiner Residenzstadt gewählt hatte. Ein Kaiser, der nichts so sehr liebte wie die Kunst, der ganz Europa nach Schätzen für seine Sammlung durchforsten ließ, der Künstler aus Deutschland, den Niederlanden oder Italien nach Prag an den Hof holte. Dabei entstand der Nährboden für das später aufblühende Barock.

 

O-Ton 8

Sprecherin Overvoice:

Der Tod von Rudolf II und die Schlacht am Weißen Berg, das waren große Einschnitte. Natürlich war es für die Kunst schwer, an die goldene Zeit anzuküpfen. Aber die katholische Seite wollten ihren Sieg feiern und ausstellen – eben auch in künstlerischer Hinsicht. Die ersten Gelegenheiten für die Maler waren deshalb Aufträge von der Kirche; außerdem hat der Adel auf diesem Gebiet gewirkt und an die alte Mäzenatentradition angeknüpft.

 

Sprecher:

Was aber macht gerade das böhmische Barock aus? Warum ist ausgerechnet Prag der glanzvolle Mittelpunkt einer Epoche, in der die Künstler auch andernorts in Europa brillierten und fast alle Künstler in Italien in die Lehre gingen? Andrea Rousova muss nicht lange überlegen.

 

O-Ton 9

Sprecherin Overvoice:

Wenn wir Bilder nebeneinander stellen, die zur gleichen Zeit entstanden sind in Holland, Flandern, Österreich, Italien oder eben in Böhmen – die Unterschiede sind auffällig. An den böhmischen Werken merkt man eine menschliche, eine volkstümliche Note, und das ist überhaupt nicht abwertend gemeint. Da spürt man intuitiv, dass es sich um ein Kunstwerk aus Böhmen handelt.

 

Sprecher:

Und natürlich war Böhmen in der Barockzeit ein Magnet für die Künstler aus ganz Europa, die hier Abnehmer für ihre Bilder fanden und für ihre Statuen. In Prag trafen sie aufeinander, hier mischten sich ihre Einflüsse, hier bildete sich die spezielle böhmische Barock-Note heraus. Karel Skreta und Peter Brandl gehören zu den bekanntesten böhmischen Malern. Andrea Rousova bleibt vor drei Bildern stehen, es sind auf den ersten Blick unscheinbare Portraits. Aber eben nur auf den ersten Blick.

 

O-Ton 10

Sprecherin Overvoice:

Man kann diese Bilder nicht reproduzieren, das ist so ähnlich wie bei van Gogh oder Rembrandt: Brandl hatte eine sehr ausgeprägte Handschrift, ganz dick hat er die Farbe aufgetragen. Wenn Sie sich das von der Seite anschauen, da ist das fast schon ein Relief. Man findet in der Farbe Fingerabdrücke, Brandl hat sogar mit Stöcken darin gearbeitet; der Schaffensprozess musste bei ihm ausgesprochen temperamentvoll ablaufen. Ich kann ihn mir richtig vor der Leinwand vorstellen, das ist fast schon ein barocker Tanz, eine große Eruption nicht nur der Emotionen, sondern der Bewegung. Ohne das Temperament, das Brandl gewiss hatte, könnte ein solches Bild gar nicht entstehen.

 

 

Sprecher

Auch in seinem Leben verkörperte Peter Brandl das Barock-Zeitalter: Er malte fromme Bilder, sein Leben aber war reicht an Ausschweifungen.

 

O-Ton 11

Sprecherin Overvoice:

In seinen Rechnungen finden sich interessante Posten – zum Beispiel geriebenes Hirschgeweih, das als Aphrodisiakum galt. Es finden sich Ausgaben für teuren Tabak, guten Wein, spanische Biskuits. Wir wissen das deshalb, weil Brandl überall Schulden hatte. Er wollte mit seinem Lebensstil dem Adel ähneln, er verfügte über eine eigene Kutsche und eine Dienerschaft. Immer mehr Geld wollte er verdienen, obwohl er ohnehin einer der bestbezahlten Künstler der damaligen Zeit war.

 

Sprecher:

Meisterwerke der religiösen Verklärung waren die barocken Bilder, wenn sie für Kirchen gedacht waren. Horror Vacui ist für Kunsthistoriker ein wichtiges Schlagwort, das sie mit dieser Zeit verbinden – die Angst vor der Leere: Jeder Zentimeter eines Bildes ist angefüllt mit Handlungen, mit Symbolen; die üppige Pracht ist nicht nur ästhetischer Selbstzweck, sondern durchdachte Religionslehre, erklärt Andrea Rousova.

 

O-Ton 12

Sprecherin Overvoice:

Oft waren Details eingearbeitet – Motive, die eine weit tiefere Bedeutung haben und die der normale Gläubige gar nicht entschlüsseln konnte. Häufig haben die Künstler das im Auftrag der Kirche eingebaut, deren Mitarbeiter sich an der ideologischen Konzeption der Bilder sehr eng beteiligt haben. Stil und Handschrift kommen vom Künstler, aber in die Ikonographie haben die Auftraggeber stark eingegriffen.

 

Sprecher:

Die verschiedenen Ebenen im Bild sind typisch für die barocke Kunst – und Probleme mit der Entschlüsselung haben heutige Betrachter erst recht. Andrea Rousova erzählt von Schulgruppen, in denen manche Jugendliche nicht einmal mehr mit dem Kreuz als christlichem Symbol etwas anfangen können, geschweige denn mit Schlüsselszenen wie dem Abendmahl. Die Tschechen haben sich von der Kirche entfremdet – in keinem anderen europäischen Land bekennen sich so wenige Menschen zu einer Religionsgemeinschaft wie hier. Die Ursachen dafür werden immer wieder diskutiert; dass die Wurzeln gerade in der Barock-Zeit liegen, ist dabei immer wieder zu hören. Kirchenhistoriker Petr Honc kennt diese Argumentation. Sie habe damit zu tun, dass die Niederlage am Weißen Berg und die folgende Rekatholisierung immer noch traumatisch wahrgenommen würden. Diese Interpretation geht zurück auf die tschechische Nationalbewegung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts bildete.

 

O-Ton 13

Sprecherin Overvoice:

Die Historiker dieser Zeit haben ein Modell entwickelt, nach dem der Gipfel des Tschechentums das Hussitentum gewesen ist, also der Protestantismus; nach der Schlacht am Weißen Berg habe es schlicht einen Rückfall gegeben. Die Kommunisten haben diese Argumentation im 20. Jahrhundert zum Gipfel geführt. Wenn man diese Rhetorik 40 Jahre lang hört – natürlich hat das dann Auswirkungen auf das Denken der Menschen.

 

Sprecher:

Und so haben ausgerechnet die Tschechen, die umgeben sind von den prächtigsten Barock-Kunstschätzen, eine sehr zwiespältige Beziehung zur Kirche. Aber natürlich gibt es sie auch heute noch, die glücklichen Barock-Momente – kürzlich zum Beispiel, erzählt die Kuratorin Andrea Rousová, habe eine Kollegin den Hinweis auf ein unbekanntes Gemälde des Meisters Karel Skreta gefunden: In einer abgelegenen Kirche im Raum Pilsen sei es aufgehängt, hieß es in einer historischen Quelle.

 

O-Ton 14

Sprecherin Overvoice:

Als wir dort hingefahren sind, haben wir das Bild auch gefunden, es war fast schwarz übermalt und in schlechtem Zustand. Wir haben gleich gedacht, dass der Skreta da vielleicht unter dieser Farbschicht steckt. Also haben wir das Bild technisch untersucht und dann das Original wieder herausgearbeitet. Der Zustand war schlecht, die Kirche ist schließlich feucht und der Lack war blind – aber nach und nach hat sich darunter ein herrliches Gemälde von Skreta gezeigt.

 

Atmo 6 Stimmen, Gitter öffnet, Piepsen von Sicherheitsschranke, Gespräche

 

Sprecher:

Vielleicht verdankt das Meisterwerk dieser Tarnung, dass es jetzt im Museum ausgestellt wird. Denn viele andere Juwelen aus der Barock-Zeit sind längst nicht mehr in den Kirchen, wo die Menschen jahrhundertelang in Andacht vor ihnen knieten. Kaum waren nach der politischen Wende die Grenzen offen, plünderten Kunstdiebe systematisch die Kunstschätze aus den Kirchen.

 

Aufblendung Atmo 6

 

Das Polizeipräsidium in Prag. Im sechsten Stock des Hochsicherheitstraktes haben Petr Kral und Petr Konopisky ihr Büro; die beiden Polizisten machen Jagd auf gestohlene Kunstschätze. Ihre Klientel kennen sie inzwischen gut, sagt Petr Kral:

 

O-Ton 15

Sprecher Overvoice:

Es sind Verkäufer, denen es völlig gleichgültig ist, dass sie mit Sachen handeln, die aus Kirchen kommen oder von Friedhöfen. In der Vergangenheit haben die Leute solche Kunstwerke respektiert, sie hätten sie nie angerührt. Aber denen ist das alles einfach völlig egal.

 

Sprecher:

Viele barocke Kunstwerke sind in Deutschland und Österreich gelandet; die dubiose Herkunft der barocken Kostbarkeiten nehmen Sammler offenbar in Kauf. Und die Diebe hatten leichtes Spiel; Polizist Petr Kral:

 

O-Ton 16

Sprecher Overvoice:

Das Risiko war minimal. Erstens sind die Kirchen schlecht gesichert und zweitens stehen sie meistens nicht irgendwo am Dorfplatz, sondern abgelegen, am Friedhof etwa. Wenn sich der Pfarrer dann noch um zehn Kirchen gekümmert hat und es dort keine regelmäßigen Messen gab, ist er oft erst nach Monaten drauf gekommen, dass da eingebrochen worden ist.

 

 

 

Sprecher:

In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, sagt die Polizei-Statistik, war es mit den Kunstdiebstählen am schlimmsten: Beinahe täglich wurde im Land eine Kirche ausgeräumt, so Petr Konopisky.

 

O-Ton 17

Sprecher Overvoice:

Ich erinnere mich an einen Fall, da passte einfach alles: Die Kirche stand am Rand der Gemeinde, abgetrennt von einem dichten Gebüsch, so dass Einbrecher nicht zu sehen sind. Die Kirche ließ sich nicht abschließen, die alte Holztüre war nur mit einem Stein festgeklemmt, damit sie nicht vom Wind aufgeweht wird. Und innendrin war eine herrliche Madonnen-Statue. Eine Woche, nachdem wir dem Pfarrer gesagt haben, wie groß das Risiko ist, war die Statue weg. Sie ist seither in der internationalen Fahndung, aber wir finden sie einfach nicht. Wahrscheinlich klappt das erst, wenn der jetzige Halter sie loswerden will.

 

Sprecher:

Genau da setzt die Arbeit von Petr Kral und Petr Konopisky an: Meistens verschwinden die Kunstwerke für viele Jahre in Privatsammlungen, oft in Deutschland und in Österreich. Die Polizei hat erst wieder Chancen, wenn das Diebesgut bei Antiquitätenhändlern oder Auktionshäusern auftaucht. Mit den deutschen und österreichischen Kollegen versuchen Kral und Konopisky dann, die Werke beschlagnahmen zu lassen – und zurückzuholen nach Tschechien. Dort kommen sie meistens wieder zurück in die Kirchen, aus denen sie entwendet worden sind – und dort werden sie jetzt besser geschützt als noch vor einigen Jahren.

 

Atmo 3 Straßenbahn

 

Sprecher:

Wer sich in Prag in die Straßenbahn 22 setzt, vom schicksalsträchtigen Weißen Berg aus am Hradschin vorbeifährt, das Schwarzenberg-Palais mit der einzigartigen Barock-Sammlung passiert und die imposante St.-Nikolaus-Kirche auf der Kleinseite, der kommt nach weiteren zehn Minuten Fahrt zum Karlsplatz, an dem gut versteckt die Kirche St.-Johannes-Nepomuk am Felsen steht.

 

Atmo 1 Gesang/Orgelmusik

 

Sprecher:

Inzwischen ist es dunkel geworden, das Licht fällt durch die offene Kirchentür hinaus. Es sind immer noch viele Besucher da, die Lange Nacht der Kirchen ist ein voller Erfolg. Pater Martin steht hinten in der Kirche und schaut an die Decke mit ihren farbenprächtigen Fresken. Die barocke Schönheit, sagt er, nutze sich einfach nicht ab:

 

O-Ton 18 (deutsch)

Für mich persönlich ist es so, dass ich vor einer Messe versuche, früher da zu sein. Es ist ganz ganz wesentlich für mich, gelegentlich allein hier zu sein und diesen Kirchenraum immer wieder neu, auch zu verschiedenen Tageszeiten, neu für mich zu erforschen und zu erspüren, damit ich ein Gefühl für den Raum bekomme. Da mache ich alles mögliche: Da gehe ich still umher, ich sitze in der Bank, ich kniee in der Bank, manchmal singe ich auch, selbst wenn ich allein bin, um diesen Raum kennenzulernen. Und dieser Prozess des Kennenlernens ist eigentlich bis heute selbst nach drei Jahren noch nicht zu Ende, das ist ein laufender Prozess.

 

Sprecher:

Es gibt nach wie vor etwas zu entdecken im barocken Prag – aus einer Zeit, die mehr als 300 Jahre zurückliegt und das Land doch so stark geprägt hat, dass die Spuren bis heute allüberall zu finden sind.

 

--Ende--