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Hebammenausbildung: Dem Mangel vorbeugen

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Hebamme übt erste Griffe in der Ausbildung an der Roboterpuppe, eine fast echte Schwangere

Bis 2020 soll die deutsche Hebammenausbildung wie in anderen europäischen Staaten akademisiert werden. Die Hebammenschule des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhauses ist darauf mit einer Kombination aus Fachschule und Studium vorbereitet. Im vergangenen Jahr ist sie erweitert worden. Eine Visite.


Anna strahlt vor Begeisterung, wenn sie über ihren Beruf erzählt. Im zweiten Ausbildungsjahr zur Hebamme am Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus darf sie sich um Schwangere, Gebärende sowie Wöchnerinnen kümmern. Die Unterstützung der 60 Auszubildenden ist in den Einsatzplan der Geburtsstation integriert - ein Pluspunkt für die Frauen im Kreißsaal und Wochenbett. Im Durchschnitt kommen in der größten pfälzischen Geburtsklinik täglich neun bis zehn Säuglinge zur Welt. Zu Spitzenzeiten sind es manchmal 17 Geburten.

„An stressigen Tagen können wir Auszubildenden den Frauen besonders helfen und die Hebammen entlasten", sagt Anna. Dann kann sie sich trotz Trubels Zeit nehmen, um mit Müttern nach dem Kaiserschnitt erstmals aufzustehen, Neugeborene zum Stillen an die Brust der Mutter zu legen und beim Wickeln zu helfen. Aktuell ist sie auf der Wöchnerinnenstation tätig. „Ich zeige den Frauen praktische Griffe, probiere mit ihnen verschiedene Positionen beim Stillen aus, erkläre physiologische Hintergründe."

Es scheint, als hätte die 19-jährige das schon immer getan. Die Frauen vertrauen der selbstbewussten, behutsamen Auszubildenden und sind froh über die Eins-zu-Eins-Betreuung. „Ich mag es, Verantwortung zu übernehmen und als Vertrauensperson bei einem derart wichtigen Ereignis für die Frauen da zu sein", sagt sie. Sie stammt aus Ellwangen, hat bei einem Vorpraktikum in einer Hebammenpraxis am Bodensee vier Wochen in den Beruf hineingeschnuppert und Feuer gefangen. „Das Schönste wird sein, wenn ich alleine eine Geburt leiten kann", freut sie sich schon.


Bis zur Fachprüfung wird sie rund 1700 Theoriestunden in der Hebammenschule und 3400 Praxisstunden im Speyerer Krankenhaus geleistet haben. Sechs Lehrer vermitteln den Auszubildenden Wissen aus Physiologie, Kinderheilkunde, Mikrobiologie, Recht und Ethik. Zum ersten Üben simuliert ein menschenähnlicher Roboter eine Schwangere in Gewicht, Bewegung, sogar in Geräuschen oder Flüssigkeitsaustritt.


Während des „echten" praktischen Einsatzes auf der Geburtsstation, bei Hausbesuchen oder in Praxen üben und überprüfen drei Praxisanleiterinnen das Gelernte: Griffe, Situationen und Notfälle, die vor, während und nach der Geburt geschehen können. Zudem werden die Nachwuchskräfte in Gesprächsführung ausgebildet. Sechs bis acht Geburten leiten Hebammen in ihrer Ausbildungsphase selbst, auch 100 Wochenbettbesuche machen sie in der dreijährigen Ausbildung.


„Das ist mehr, als die Prüfungsordnung und das Hebammengesetz vorsieht", unterstreicht Ute Bauer, Leiterin der Hebammenschule. „Das A und O ist die Ausbildung im Kreißsaal. Aber wir bieten die gesamte Bandbreite an Einsatzfeldern, bis hin zur Betreuung von Flüchtlingsfrauen oder Frauen mit psychischen Schwierigkeiten." Bauer koordiniert die Ausbildung der 60 Frauen, zu 80 Prozent Abiturientinnen. „Wir nennen sie nicht Hebammenschülerinnen", sagt sie immer wieder wie ein Mantra. Sie sind parallel auch Studentinnen, absolvieren ein integriertes Studium. Ab dem zweiten Jahr studieren sie einen Tag pro Woche an der Hochschule Ludwigshafen Hebammenwesen. Im vierten Jahr, nach Abschluss der Hebammenausbildung, studieren sie und können Teilzeit im Krankenhaus arbeiten. Mit dem Abschluss „Bachelor of Science" in Hebammenwesen sind sie europaweit als Hebamme anerkannt. „Es ist ein Erfolgsmodell. Wir verbinden die Praxiserfahrung und die Hochschule", sagt Bauer.


Das Speyerer Krankenhaus zeigt damit einen Weg für die Reform und Akademisierung der Hebammenausbildung. Die Ausbildungsplätze wurden 2017 um zehn erhöht. Geschäftsführer Jonas Sewing:„Das ist die erste Möglichkeit, um dem Hebammenmangel vorbeugen." 400 Bewerbungen erhalte die Klinik pro Jahr von Rostock bis zum Bodensee, von Österreich bis Spanien. Ein Drittel der Bewerberinnen stamme aus dem Ausland. „Ganz bewusst", sagt Schulleiterin Bauer, „um die gebärenden Frauen mit verschiedenen Sprachen und Kulturen betreuen zu können. Sehr begehrt sind auch Interessentinnen, „die mitten im Leben stehen und schon eigene Kinder haben. Sie sind sehr organisiert".

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