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Bitte berühren - Porträt Charlotte Talbot

Die Industriedesignerin Charlotte Talbot steht für eine Generation junger Gestalter. Nach beruflichen Stationen wie bei Stardesigner Konstantin Grcic konzentriert sie sich auf geerdete Dinge: zum Beispiel sinnliches Spielzeug aus Holz oder handbemalte Keramik. Wir besuchten sie in München.


Aus Tieren besteht die Kollektion "Praktifant" von Charlotte Talbot. Da wären ein Wal namens Wally, Henne Chica, Schweinchen Babe und Elefant André. Sie bilden einen possierlichen Minizoo im Regal von Charlotte Talbots Studio. Das liegt in einer Laubenkolonie im Hinterhof der Münchner Geyerstraße. Draußen im Herbstlaub toben Kinder aus dem nahen Hort herum – Gaston, der dreijährige Sohn von Charlotte, weilt noch im Kindergarten.

Keines ihrer Viecher ist höher als 13 Zentimeter, keines kostet mehr als 36 Euro. Das meiste verkauft sie über Instagram oder ihre Website. Showroom? Geschäft? Zwischenhändler? Fehlanzeige. Charlotte sucht den direkten Kontakt zum Kunden. Schließlich steckt in jedem Entwurf ein Stück Charlotte – und persönliche Handarbeit: Gefertigt aus Kiefernholz von einem Handwerker aus Kroatien, bemalt die Designerin die Tiere selbst mit Acrylfarbe, die Augen, die Stoßzähne, den Bauch des Wals, immer etwas individuell. Was die Modelle verbindet: die verspielte und doch klare, aufs Wesentliche reduzierte Form – und der Haben-will-Effekt. Denn man muss sie einfach in die Hand nehmen, wiegen, anschauen, befühlen. Vielleicht sogar ins heim s Wohnzimmer stellen.

Spielzeug für Erwachsene? Aber ja sagt Charlotte, lacht und erzählt von ihrer Obsession 
für Dinge aus Holz, auch von ihrer Sammelleidenschaft besonderer Fundstücke. Dafür streift 
sie über Flohmärkte, geht auf weite Reisen oder schaut in Münchner Hauseingängen nach ausrangierten Sachen. Es ist ihr besonderer Blick, der sie aus- macht und der sich ebenso in der Serie affectibles zeigt, eine Wortkombination aus affectionate und collectible. Gesammelte Lieblingsdinge also, die eine eigene wunder- same Instagram-Galerie bekommen haben. Charlottes staunender, humorvoller Blick auf die Welt ähnelt jenem der Filmfigur Amélie aus dem gleichnamigen Kinohit. Ob sie den Vergleich mag? „Aber ja!“, sagt Charlotte. Dass Charlotte heute das Arbeiten mit der Hand so wichtig ist, ist eine so bewusste wie erstaunliche Entscheidung: 1987 im Westen Frankreichs geboren, studierte sie an der École Supérieure d’Art et de Design (ESAD) in Reims, machte später ihren Bachelor an der Designerschmiede ECAL Lausanne. Absolvierte danach diverse Praktika, unter anderem bei Stardesigner Konstantin Grcic in München, der sie prompt fest anstellte. Sie entwarf hier für namhafte Kunden wie Vitra und Hugo Boss, Waschbecken für Laufen, Becher für Nespresso, Sonnenschirme für Kettal, eine Konzepthütte und Accessoires für Muji. Dann nach sieben Jahren das plötzliche Aus: Grcic löste 2018 sein Büro komplett auf, kündigte allen Mitarbeitern, um in Berlin neu zu beginnen, mit kleinerem Team.

„Konstantin wollte Tabula rasa machen. Klar hat uns das überrascht. Aber weil ich mich eh irgendwann selbstständig machen wollte, hat er mir die Entscheidung nur vorweg genommen". Charlotte investierte das gesparte Geld in einen Brennofen für Keramik, brachte parallel die Kollektion Praktifant heraus. Woher der Name stammt? "„Als ich noch Praktikantin bei Konstantin war, kam ich einmal mit einem Elefantenpullover in die Arbeit, ein Ärmel davon war als Rüssel gestaltet. Seitdem hatte ich meinen Spitznamen weg“. Aus der Zeit bei KG Industrial Design hat die Designerin die strukturierte, effiziente Arbeitsweise übernommen – „abends war immer pünktlich um sieben Uhr Schluss. Man braucht Zeit für andere Dinge, für sich selbst“. Was Charlotte ebenso sehr brauchte: eine Abkehr vom Computer. „Wir saßen täglich neun Stunden vor dem Gerät, 90 Prozent der Arbeit passiert am Mac. Das ist ungesund. Das könnte ich nicht mehr“, sagt sie. 


Dann also mit den Händen werken – „viel lieber!“, sagt sie. „Klar brauchen wir Computer und Technologie, zum Beispiel für die Kommunikation. Aber sonst?“. Sie mag Holz und Ton, „ein sehr besonderes Material!“ Mit Objekten aus ihrer Serie „Super Ceramics“ wurde sie für den Förderpreis der Stadt München 2016 nominiert. Ist es Zufall, dass Charlotte heute lieber kleine Brötchen, sprich Tonteller und Tassen, im Brennofen backt? „Nein, sicher nicht. Ich glaube an das Motto ,the next big thing will be the small things'. Ich mag Dinge, die gut in der Hand liegen, mit der Hand ,begreifbar' sind. Mein Gefühl und Gespür für kleine Objekte ist einfach besser. Das sage ich nicht nur als Designerin, das gilt für uns alle.“ Damit steht sie für eine Generation junger Designer, die anders denkt als die Vorgänger vor zehn Jahren: Noch konsequenter. Bewusster. Nachhaltiger.


Üppige Wohnlandschaften zu entwerfen, das kommt für die Designerin also eher nicht in Frage. Vor kurzem hat sie ein einzelnes schmales Brett in exakt fünf Teile zerlegt und daraus eine Sitzbank für Sohn Gaston gezimmert. Mit Null Materialverlust. Logischerweise heißt diese nun „Zéro Bench“ und hat durchaus ein geniales Moment. „Auch wenn nicht ganz klar ist, was man eigentlich so alles damit macht“, überlegt sie. Das ist – neben der Rückkehr zur „Hand-Arbeit“ – die zweite überraschende Aussage aus dem Mund einer klassischen Industriedesignerin. Nix da mit nüchternen Durchhalteparolen wie „form follows function“ oder ähnlich tausendfach wiederholten Designtheorien. Wenn es nach Charlotte geht, besitzt man Dinge, „weil man sie mag“. Nicht mehr, nicht weniger. Weil man sie schön findet, etwas mit ihnen verbindet. Eine sehr poetische Sicht der Dinge, die diesen eine Existenzberechtigung aufgrund ihrer emotionalen, ästhetischen Dimension einräumt – jenseits kalter Begriffe wie Nutzen, Mechanik, Stapelbarkeit. „Form Farbe, Material – das ist wichtiger als als die Benutzung. Was brauchen wir denn eigentlich? Wir besitzen doch schon alles. Am wichtigsten ist für mich die Seele eines Objekts. Wir brauchen Lieblingsdinge.“ Freund Jonathan, Fotograf und Industriedesigner, findet es allerdings nicht so gut, dass Charlotte ihre Fundstücke in der Wohnung daheim vor sich hin sammelt. „Darum wandern die dann hierher zu mir ins Studio“, grinst sie, die braunen Augen blitzen. In Jeans und grauem Sweatshirt sitzt sie am Tisch und zeigt Flyer, Karten und Sticker, die sie rund um die Kollektion Praktifant entworfen hat. Wer ihr auf Instagram folgt, entdeckt ihr Faible für die Entwürfe von Ettore Sottsass, ein paar seiner Modelle konnte sie bereits erstehen. Sicher würde sie gerne neue Aufträge als Industriedesignerin generieren, unter eigener Flagge. „Aber das ist schwierig, denn die großen Kunden suchen nach bekannten Namen mit klar wiedererkennbarer Handschrift“, sagt die Jungdesignerin, die sich zudem als Entrepreneur versteht. Die dritte Überraschung: Ihr nächster Schritt wird sie weg von München führen, schon im Jänner, zurück nach Frank-reich. Nein, nicht nach Paris, „eine tolle Stadt, aber viel zu verrückt!“. Sondern in die Vendée an der Westküste und dort in ein eigenes Wohnatelier, die Familie lebt in der Nähe. Außerdem ist Charlotte gerade mit dem zweiten Kind schwanger. Charlottes Entscheidung für ein Leben auf dem Land scheint dabei ebenso geerdet wie die Formensprache ihrer Entwürfe.


TEXT • FRANZISKA HORN



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