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Sumte: 102 Einwohner, 500 Flüchtlinge

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Anfangs war man schockiert, dann arrangierten sich die Einwohner von Sumte in Niedersachsen mit der Flüchtlingsunterkunft. Nun lebt man mit den Folgen - positiven wie negativen.

Gefragt hat man sie nicht. Nur informiert. Dass sie bald eine Flüchtlingsunterkunft hier im Dorf haben würden. „Scheiße!" Das war der erste Gedanke, der Dirk Hammer einfuhr, als er im Oktober des Vorjahres davon erfahren hatte. Ihm war ein Mail mit dem Vorhaben der niedersächsischen Landesregierung zugespielt worden. Ein Mail, in dem es schon als Tatsache fixiert worden war. Das Bürodorf, eine leer stehende Einrichtung am Westrand des Dorfes, rund 300 Meter Luftlinie von Hammers Haus entfernt, würde künftig Flüchtlinge beherbergen. Von 1000 Menschen war die Rede. „Man muss natürlich helfen als Christ", habe er gedacht, „aber 1000 Leute, das sind zu viele". Denn Sumte selbst hat gerade einmal 102 Einwohner.


„Fremder Mann! Gehe nicht so nah heran. Störe unsere Arbeit nicht. Stechen in der Not ist Pflicht." Es ist ein kleines Schild an einem Haus nahe der Ortseinfahrt. Mit Fremdenfeindlichkeit hat das nichts zu tun - ein Imker warnt davor, dass Besucher es mit seinen Bienen zu tun bekommen könnten. Wobei Besucher hier selten sind. Es gibt kaum einen Grund, nach Sumte zu kommen, wenn man nicht hier wohnt. Im Herbst, da war das anders. Da wanderten plötzlich Hunderte von Journalisten und Kamerateams durch die wenigen Straßen des Ortes, sprachen Menschen an, machten Fotos und schickten ihre Berichte in die ganze Welt.


„Der Empfang ist ganz schlecht", ruft Dirk Hammer in sein Handy. „Bitte rufen Sie später noch einmal an!" Ein australischer Sender hat gerade um ein Interview gebeten. Ja, es ist jetzt wieder ruhiger als im Oktober und November. Doch das Interesse ist nach wie vor da. Kein Wunder, ist doch die Ausgangslage spektakulär wie sonst kaum wo. Und Hammer ist einer der wenigen Bewohner, die noch bereit sind, mit Journalisten überhaupt zu reden.

Er habe damals in einer Facebook-Gruppe einen offenen Brief geschrieben. Adressiert an Grit Richter, die Bürgermeisterin von Amt Neuhaus, jener Gemeinde, in der neben Sumte sechs weitere Ortschaften zusammengefasst sind. „Warum wird nicht mit uns gesprochen?" Und überhaupt, wenn schon Städte mit 60.000 Einwohnern bei 1500 Flüchtlingen jammern, wie sollte das dann erst in Sumte klappen?


„Wie soll das gehen?" Das war auch der erste Gedanke, den die Bürgermeisterin hatte, als sie wenige Tage zuvor einen Anruf aus dem niedersächsischen Innenministerium bekommen hatte. „Es gibt keinen Bus, nichts zum Einkaufen." Doch „Das geht nicht" sei keine Option gewesen. Und so machte sie zunächst einmal das, was die Bürger verlangten - eine Einwohnerversammlung. Nicht in Sumte, da gibt es gar keinen geeigneten Raum, sondern im Hotel Hannover in Amt Neuhaus.


An die 500 bis 600 Leute waren es dann, die dort zusammensaßen und hitzig diskutierten. Nicht nur aus Sumte, sondern aus den Gemeinden der Umgebung. Auch ein paar Leute von der NPD, die Plakate hochhielten. Mit denen wollte man aber nichts zu tun haben. „Unter den Einwohnern", erzählt Richter, „gab es wenig Widerstand." Aber Fragen. Und Sorgen. Ob die Polizei denn nun rund um die Uhr vor Ort sei. Ob man die Straßenbeleuchtung nicht ausbauen könnte, um dunkle Ecken zu vermeiden. Und ob man die Häuser tagsüber denn nun leer stehen lassen könne.


Der erste Bus. Knappe drei Wochen später kommt der erste Bus mit Flüchtlingen in Sumte an. In dieser Zeit ist viel passiert. Es wurden neue Laternen aufgestellt. Gehwege wurden hergerichtet. Die Abwasserleitungen wurden ausgebaut. Und aus dem ehemaligen Bürokomplex wurde ein Quartier gemacht. Mit Schlafsälen, Küche, Aufenthaltsräumen. Es musste schnell gehen, erzählt Jens Meier. Der Kreisgeschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes Hannover-Land sorgte dafür, dass das Lager bewohnbar wurde. Und seit er mit seinem Team die ersten Flüchtlinge begrüßte - verfolgt von Hunderten Kameras und Pressefotografen - kümmert er sich auch darum, dass es läuft.


Für rund 750 Menschen ist das Lager ausgelegt, mehr wäre nicht möglich gewesen. Derzeit sind rund 500 Flüchtlinge hier. Wenn Meier den langen Gang, von dem aus die einzelnen Hallen begehbar sind, entlangmarschiert, begrüßen ihn die Menschen wie einen Star. Herzen und umarmen ihn. „Mr. Meier, wie geht's?" Er hat einen Duschwagen organisiert, Shuttlebusse, damit die Menschen zum Supermarkt nach Neuhaus kommen, oder Ausflüge nach Lüneburg, den Verwaltungssitz des Landkreises. Und Deutschkurse aufgestellt - ein pensionierter Lehrer hilft ehrenamtlich mit. „Wichtig ist, einen geregelten Tagesablauf herzustellen", sagt er. Denn Nichtstun sei Gift.


Und natürlich galt es, zwischen Flüchtlingen und Bewohnern zu vermitteln. Vor allem, um Missverständnisse zu vermeiden. Nein, man darf nicht auf irgendeiner Wiese mit offenem Feuer grillen. Leere Flaschen lässt man auch nicht einfach herumliegen. Und dann war da noch ein Vater, der sein Kind auf den Rücken eines Pferdes setzte. Was der Besitzer der wertvollen Araberpferde nicht so gut fand. Aber all das ließ sich schnell regeln. „Füttern verboten" steht nun an einem Zaun. Mittlerweile auch auf Arabisch.


Alles wunderbar, also? Bürgermeisterin Richter sieht es positiv. Sie freut sich darüber, dass im Lager viele Menschen aus der Gegend Arbeit gefunden haben. Und auch, dass die Flüchtlinge zum Teil schon in Kontakt mit Einheimischen stehen - sie betrieben etwa einen eigenen Stand auf dem Weihnachtsmarkt. „Bis jetzt war die Angst unbegründet", sagt auch Dirk Hammer. Und doch hat sich etwas verändert. „Es gibt schon auch Spannungen, die das Dorf negativ geprägt haben." Es ist komplizierter geworden zwischen den Bewohnern. Es wird mehr gestritten: „102 Einwohner, 102 Meinungen."


Immer, wenn die Spannung zu groß wird, gibt es ein Treffen beim Feuerwehrhaus, „quasi eine Therapiegruppe". Dort rede man auch alles aus, so respektvoll, wie es nur geht. Und doch ist so manche zwischenmenschliche Beziehung wegen der Situation in die Brüche gegangen. „Das Problem gab es vorher nicht", sagt Hammer. „Und ja, es belastet."


("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2016)

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