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Review

Im Fadenkreuz der erschütternden Ereignisse

Frankfurter Allgemeine Zeitung  |  4. Januar 2016

von Clemens Bomsdorf, Malmö

In dem Dokumentarfilm, der derzeit in der Retrospektive zum Werk von Hannah Ryggen in Malmö zu sehen ist, fällt ein Satz, den die Künstlerin eher beiläufig auszusprechen scheint. „Alle Künstler haben Bart“, sagt sie und ergänzt: „Das ist deren Kennzeichen.“

Bei Hannah Ryggen klingt die Feststellung, als ob es sie nicht nur belustigen würde, dass die als besonders unkonventionell geltenden Künstler häufig einheitlich aussehen; sondern auch, als würde es ihr eine heimliche Freude bereiten, dass sie nach dieser Definition nie Künstlerin hätte sein können.

Dennoch gelang es Ryggen, mit einer als weiblich geltenden Technik, dem Weben, zu einer der angesehensten Künstlerinnen Nordeuropas aufzusteigen – auch deshalb, weil ihr Mann sie unterstützte. Ihre Karriere erreichte den ersten Höhepunkt, als die in Südschweden Geborene und später in Norwegen Lebende 1937 an der Weltausstellung in Paris teilnahm. Mitte der fünfziger Jahre organisiert das Smithsonian Institute dann eine Wanderausstellung durch die Vereinigten Staaten, knapp zehn Jahre später repräsentierte sie Norwegen auf der Biennale in Venedig. Auf der Weltausstellung in Paris zeigte Ryggen „Äthiopien“, ihr erstes Werk, das den Terror der Nationalsozialisten und Faschisten thematisierte.

Zeitgleich mit dem grob gewebten Wandteppich hing im spanischen Nachbarpavillon ein Gemälde, das seither zum Antikriegsbild schlechthin geworden ist: Picassos „Guernica“. Während Picasso das Grauen figürlich fasste, verdichtet Ryggen die Ereignisse in einer zeichenhaften Bildsprache, dem Medium des Teppichs entsprechend.

Ihr Werk ist wie ein Fries aufgebaut, den sie mehrfach horizontal unterteilt. Von links nach rechts lässt sich der Teppich fast wie ein Comicstrip lesen. Anlass war der Einmarsch italienischer Truppen im Jahr 1935, der zum Abessinien-Krieg führte. Ryggen zeigt darin den äthiopischen Herrscher Haile Selassie, der nach England geflohen war, um von dort aus den Widerstand zu organisieren. Seinem Porträt folgt Benito Mussolinis Kopf, aufgespießt auf einen Speer. Die italienische Besatzung endete 1941 durch die militärische Unterstützung Großbritanniens, die Selassie half, nach Addis Abeba zurückzukehren.

Diese Entwicklung konnte Ryggen jedoch nur erhoffen, als sie Mussolinis Ende symbolisch ins Bild setzte und 1937 in Paris ausstellte. „Äthiopien“ ist derzeit mit knapp zwanzig zumeist ebenfalls großformatigen Teppichen im Moderna Museet in Malmö zu sehen, wo die gemeinsam mit dem Norwegischen Nationalmuseum konzipierte Schau „Die Welt weben“ ihre zweite und vorerst letzte Station macht.

Das Moderna Museet in Stockholm zeigte bereits 1962 eine Ryggen-Retrospektive. Nach dem Tod der Künstlerin im Jahr 1970 wurde es jedoch still um ihr Werk; insofern ist es das Verdienst der Kuratoren Julia Björnberg und Øystein Ustvedt, das OEuvre nach dem Auftritt auf der documenta vor drei Jahren nun wieder umfangreicher vorzustellen.

Hannah Ryggen wurde 1894 als Hanna Jönsson in einfache Verhältnisse geboren, als Tochter einer Köchin und eines Arbeiters. Die spätere Künstlerin arbeitete zunächst als Lehrerin. Gleichzeitig belegte sie Abendkurse bei dem aus Deutschland stammenden Maler Fredrik Krebs. Auf einer Studientour nach Dresden lernte sie 1922 den Norweger Hans Ryggen kennen. Im Jahr darauf heirateten die beiden und zogen auf Ryggens Bauernhof am Trondheim- Fjord.

„Im Unterschied zu anderen Künstlerpaaren der Zeit“, so die Kuratorin Björnberg, „war es nicht die Frau, die für den Mann arbeitete, sondern eine gleichgestellte Beziehung, in der die Künstlerschaft von beiden ernst genommen wurde.“ Die Bewirtschaftung des Hofs sorgte dafür, dass die beiden und ihre Tochter ein Auskommen hatten und nicht im „Schuldenmeer“, dem Ryggen einen frühen Teppich widmete, untergingen.

Als die Nationalsozialisten 1940 in Norwegen einmarschierten, wurde Hans Ryggen, der als Kommunist galt, inhaftiert. Hannah Ryggen widmete der Gefangenschaft ihres Mannes ein Werk mit dem Titel „Grini“. Ein anderes aus demselben Zeitraum handelt von ihrer Heimat, „Schweden“, das auch im Original den deutschen Titel trägt. Während des Zweiten Weltkriegs hatte die Regierung in Stockholm den deutschen Truppen genehmigt, schwedisches Hoheitsgebiet zu durchqueren, um nach Norwegen, Ryggens neuer Heimat, zu gelangen. Im Mittelpunkt von Ryggens Bild thront mit einem deutschen Adler auf dem Schoß Sven Hedin. Der schwedische Entdecker und Schriftsteller hatte sich immer wieder anerkennend über die nationalsozialistische Politik geäußert und mehrfach Adolf Hitler getroffen. Nach dessen Tod veröffentlichte er einen Nachruf auf „den großen Führer“, in dem er nochmals seine Bewunderung für „einen der größten Männer der Weltgeschichte“ ausdrückte. Der damals amtierende schwedische Außenminister ist in dem Bild zu einer Figur in Puppengröße geschrumpft, den ebenso kritischen wie mutigen Publizisten Torgny Segerstedt stellt Ryggen dagegen auf ein Podest, er ist aber an den Rand gedrängt.

Wie John Heartfield arbeitet auch Ryggen mit den Mitteln politischer Karikaturen. Bis zur Satire steigert sie diese in dem Wandteppich „6. Oktober 1942“. An diesem Tag wurden zehn Männer hingerichtet, die aus den Trondheimer Kreisen stammten, denen auch Ryggen angehörte. Auf dem Bild entweichen dem Hinterteil des deutschen Führers Wolken in Eichenblattform, die an Knut Hamsun vorbeifliegen.

In den gedämpft beleuchteten Sälen im alten Bau des Osloer Nationalmuseums umgab Ryggens Webteppiche fast die feierliche Aura einer italienischen Kirche. Die Räume des Moderna Museet in Malmö hingegen rauben den Werken ein wenig ihre Wirkung. Die grauen Wände und der hellbeige Boden muten in Kombination mit der grellen Ausleuchtung eher wie der nüchterne Vorraum einer neueren protestantischen Kirche an, in der man üblicherweise auf Plakatkunst trifft. Ein Grund mehr, dieser Ausstellung noch eine weitere Station zu wünschen.