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Vor der Barriere

An muensters uni haben behinderte studenten probleme vor der barriere opengraph

Ein Ohren betäubendes Hämmern, Klappern und Sägen dröhnt vom Institut der Kommunikationswissenschaften. Zusammen mit seinem Begleiter Marvin Starp steht Malte Krieter direkt vor der Lehrredaktion. Dort lernen seine Kommilitonen gerade, wie man mit der Radio- und Fernsehtechnik umgeht; das würde Malte auch gern. Aber bei den Medienpraxiskursen bleibt er außen vor. Der Grund: Sechs Treppenstufen. Die schafft sein Rollstuhl nicht. Einen Aufzug oder eine Rampe gibt es nicht. Daran ändern auch die Bauarbeiten am Institut vorerst nichts. „Dabei wäre es ganz einfach hier eine Rampe zu installieren", sagt Malte Krieter unbekümmert: „Aber die einfachsten Lösungen sind ja oft die schwersten und leider auch die teuersten."

Seit einigen Jahren verbessert die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) in ihren Instituten den Zugang für behinderte und chronisch kranke Studierende. Neue Gebäude werden dabei schon im Entwurf in allen Punkten barrierfrei geplant, weiß Jürgen Niggemann vom autonomen Behindertenreferat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA). Ältere Gebäude, wie das Institut für Mathematik habe die WWU ebenfalls umgebaut. „Es hat sich schon einiges getan", sagt Jürgen Niggemann. „Aber leider noch nicht flächendeckend." So können einige alte Gebäude nicht umgebaut werden, weil sie entweder unter Denkmalschutz stehen oder das Geld zum Umbau fehlt. Die einzelnen Institute sind daher unterschiedlich gut auf Studierende mit Einschränkungen ausgelegt. Vor jedem Kurs muss Malte Krieter daher überprüfen, ob der Seminarraum auch barrierefrei ist.

Der Baulärm hat aufgehört, dafür klappert der Rollstuhl über das Kopfsteinpflaster. In seinem Sitz wird Malte hin und her geschüttelt. Die Schultertasche, die quer über die Rückenlänge hängt, schaukelt hinter dem Rollstuhl von einer Seite zur anderen. Unbeeindruckt fährt er weiter in Richtung Mensa. „Ich kann noch viel selbst machen", sagt der Student. Wenn Malte Krieter eine Tür öffnen will, sieht es sieht es schon wieder anders aus: „Ohne Marvin wäre ich manchmal aufgeschmissen." Seine Erkrankung, eine Muskelschwäche in Armen und Beinen, sieht der Student dabei gelassen. „Ich bin eigentlich nur etwas schwächer als andere", sagt er. „Es macht für mich keinen Sinn, auf die Dinge zu sehen, die nicht gehen. Deshalb schau auf das, was eben geht."

Wenn Malte von einem Institut zum anderen oder in die Mensa muss, fährt Marvin Starp ihn mit dem Auto hin. Marvin arbeitet für den Familienbetreuungsdienst in Burgsteinfurt. Malte Krieter betreut er noch bis zum Sommer. Dann endet sein freiwilliges soziales Jahr. Malte Krieter muss sich dann wieder einen neuen Helfer suchen. Sowohl das Auto als auch die Unterstützung von Marvin bekommt der Student dabei von der Behindertenhilfe des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) finanziert. Chronisch kranke Studierende können über die Behindertenreferenten des Fachbereichs einen Antrag auf einen monatlichen Betrag stellen, weiß Niggemann. So werden die Studierenden in ihren Instituten genau nach ihren Einschränkungen und Bedürfnissen unterstützt. „Die Bandbreite von Einschränkungen unter den Studierenden ist groß", sagt Jürgen Niggemann. „Denn eine Behinderung heißt nicht gleich pauschal Rollstuhl." Bei Fragen rund um das Studium helfen außerdem die Studienberatung, die Rektoratsbeauftragte für Behinderte und chronisch kranke Studierende und das Behindertenreferat des AStA. „An f ast allen Orten der Universität hat man die Möglichkeit, jemanden anzusprechen", so Niggemann.

Vor der Mensa bleiben Malte Krieter und Marvin Starp stehen. Direkt neben dem Eingang ist eine klei-ne unscheinbare Tür, dahinter befindet sich ein kleiner enger Raum, der Lastenaufzug. Den soll Malte benutzen, wenn er für Hausarbeiten in die Bibliothek des Instituts muss. Marvin Starp passt dabei kaum noch mit in den Aufzug. Der Rollstuhl füllt die kleine Zelle bereits vollkommen aus. „Bisher bin ich immer mit den Büchern in der Zentralbibliothek ausgekommen. Da habe ich keine Probleme", sagt Malte Krieter. „Spätestens zur Bachelorarbeit werde ich aber auf Literatur von dort angewiesen sein."

Bevor er eine Karriere im Journalismus oder der Pressearbeit startet, will Malte Krieter an der WWU noch seinen Master machen. Denn an der Uni fühlt er sich trotz Einschränkungen wohl. „Wenn es nicht gerade ein bauliches Problem ist, dann sind an der Uni alle immer sehr zuvorkommend und es wird viel getan. Das darf man wirklich nicht unterschätzen", sagt er. Und wer weiß, vielleicht gibt es bis dahin eine Rampe neben den sechs Treppenstufen der Lehrredaktion. Dann könnte auch Malte Krieter dort an Praxisseminaren teilnehmen.

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