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Wirtschaft: 78 Tage Spielraum

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Wer nur in den Schulferien verreisen kann, zahlt mehr und steht länger im Stau. Das ärgert Eltern und die Tourismusbranche. Doch die Kultusminister bleiben hart. Verbraucherschützer warnen vor Preisfallen.

Wer Mitte August mit Kindern über die Dünen von Langeoog schlendert, könnte trotz friedlicher Nordsee-Idylle etwas schwermütig werden. 310 Euro kostet dort eine Mietunterkunft pro Nacht für vier Personen in der Hauptsaison - 77 Prozent mehr als zu anderen Zeiten. Mitte Juni hätte man die gleiche Unterkunft für 175 Euro pro Nacht bekommen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Ferienhaus-Suchmaschine HomeToGo, die die Preise von 150 000 Feriendomizilen an Nord- und Ostsee während der Haupt- und Nebensaison bei einer Buchung im März 2018 verglichen hat.

Schuld an den hohen Preisdifferenzen soll die ungeschickte Planung der Sommerferien sein. "Jeden Sommer rufen wütende Eltern bei uns an", sagt Thomas Schunck vom Bildungsministerium Schleswig-Holstein. "Sie beschweren sich, dass der Ferienbeginn der Bundesländer zu eng getaktet ist und ihr Urlaub deshalb unbezahlbar wird." Auch der Deutsche Tourismusverband (DTV) setzt sich dafür ein, die Sommerferienzeit der Länder zu entzerren. Nur 78 Tage liegen dieses Jahr zwischen dem Beginn und Ende der Schulferien aller 16 Bundesländer.

Der sogenannte Ferienkorridor ist der Zeitraum, in dem in Deutschland Sommerferien stattfinden. Dieses Jahr begann er am 25. Juni mit dem Ferienanfang in Rheinland-Pfalz, Hessen und im Saarland und endet am 10. September mit dem Ferienende in Bayern. Die Termine werden von der Kultusministerkonferenz (KMK) mehrere Jahre im Voraus festgelegt, die restlichen Ferien des Schuljahres beschließen die einzelnen Länder individuell. Schon heute können Eltern die Ferientermine bis ins Jahr 2024 einsehen.

Dass die Tourismusbranche sich um das Portemonnaie der Urlauber sorge, sei eine Mär

Bei der emotionsgeladenen Diskussion treffen unterschiedliche Interessen aufeinander, die Sommerferien haben sich zu einem Politikum entwickelt. Job, Schule, Wirtschaft, Politik, alle wollen nach unterschiedlichen Kriterien das Beste herausholen. So kritisiert die Tourismusbranche die KMK für die enge Taktung der Termine und fordert eine Verlängerung des Ferienkorridors auf 90 Tage. Je kürzer die Sommerferien seien, desto höhere Umsatzeinbußen riskiere die Tourismuswirtschaft durch eine geringe Auslastung von Hotels und Ferienorten zu Saisonbeginn und -ende. Jeder entfallende Ferientag bedeutet nach Angaben des Deutschen Tourismusverbandes eine Einbuße von bis zu 120 Millionen Euro. Die Hauptreiserouten seien außerdem durch Staus überlastet. Überteuerte Urlaube würden vor allem Familien hart treffen, da sie wegen der Schulferientermine nur während der Hochsaison verreisen können. "Eine Entzerrung der Ferienzeiten ist bildungspolitisch ohne Nachteile, bietet aber volkswirtschaftlich erhebliche Vorteile", sagt Sven Ambrosy, Vorsitzender des Tourismusverbandes Niedersachsen. "Ein preiswerter Urlaub für möglichst viele Menschen ist auch eine soziale Frage."

Eine Rückkehr zu ausgedehnten Ferienkorridoren von 90 Tagen und mehr wie in den 70er- und 80er-Jahren werde von der Kultusministerkonferenz aber nicht angestrebt, betont der Pressesprecher. Er begründet dies mit veränderten Prüfungsabläufen und Kurssystemen an Schulen. "Aus unserer Sicht haben wir die Sommerferien auch im Sinne der Wirtschaft und der Eltern ausgewogen und bestmöglich geplant", so der Sprecher. "Pädagogische und schulorganisatorische Fragen stehen für uns im Vordergrund." Die Rücksichtnahme auf den Tourismus und das private Freizeitvergnügen sei zweitrangig.

Den einzigen legitimen Grund für eine Ausdehnung der Sommerferien sieht Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg in der Entlastung des Verkehrs zu Ferienzeiten. Dass sich die Tourismusbranche vermeintlich um das soziale Wohl der Urlauber sorge, halte sie für lächerlich. Klar, Tourismusbetriebe denken wirtschaftlich, sie müssen ihre Kosten decken. Da in der Nebensaison weniger los sei, so Fischer-Volk, verlangten sie daher hohe Preise in der Hauptsaison. Ein längerer Ferienkorridor würde an hohen Preisen nichts ändern, sondern lediglich dazu führen, dass die Tourismusbranche ihre Hochsaison auf einen größeren Zeitraum ausweitet. "Ich glaube nicht, dass die Branche so selbstlos ist und dann billigere Urlaube anbietet. Je mehr Familien in die Ferien aufbrechen, desto höher die Nachfrage", erklärt Fischer-Volk. "Dementsprechend regulieren sich die Preise und werden eher steigen statt sinken." Die Tourismusunternehmen könnten dann längere Zeit höhere Preise von mehr Besuchern einnehmen. Dies sei sogar ein Nachteil für Verbraucher, da Urlauber ohne Schulkinder, die sonst in der Nebensaison kostengünstiger verreisen, nun mehr bezahlen müssten. "Wenn der Tourismuswirtschaft das Portemonnaie der Urlauber wirklich am Herzen läge, könnte sie das über Rabatte regeln", so Fischer-Volk. Das sei aber eine Wunschvorstellung.

Familien können mit Frühbucherrabatten und Tricks bei Buchung und Abreise sparen

Egal, wie die Sommerferien getaktet sind - Familien mit Schulkindern seien machtlos gegen die Preispolitik der Reisebranche, da die Preise immer anziehen werden, sobald viele Menschen gleichzeitig in die Ferien starten. Die einzige Lösung des Dilemmas sei, den Sommerurlaub früh zu planen. "Eltern profitieren von Frühbucherrabatten, wenn sie rechtzeitig buchen", rät die Reiseexpertin. Etwa ein Dreivierteljahr vor den Sommerferien gäbe es oft Angebote. Dies sei leicht kalkulierbar, da die Ferientermine bekannt seien. Sie empfiehlt All-inclusive-Angebote in familienfreundlichen Hotels mit Vollpension und Freizeitangeboten. "Die Kosten vor Ort werden unterschätzt. Ausflüge, Restaurant-Abende und Freizeitpark-Besuche addieren sich auf die Urlaubskosten auf."

Bei der Buchung könne man zudem Preisfallen vermeiden. So sei es besser, Reisen und Flüge auf den Internetseiten der Veranstalter und Airlines zu buchen, da so keine zwischengeschalteten Reisebüros oder Vermittlungsplattformen an der Buchung mitverdienten. "Bei Pauschalreisen lohnt es sich, den Abreisetag von einem Samstag auf einen anderen Wochentag zu ändern", so Fischer-Volk. "An Werktagen zu verreisen ist günstiger als am Wochenende." Wer ins Ausland will, könne kostengünstiger aus einem benachbarten Bundesland abfliegen, falls dort zum Urlaubszeitpunkt noch keine Ferien sind.

Im nächsten Jahr ist der Ferienkorridor mit 95 Tagen um 15 Tage länger als in diesem und somit ungewöhnlich groß. Das liegt daran, dass das Ende der bayerischen Pfingstferien gleichzeitig den Beginn der Sommerferien in Berlin bedeutet. "Es ist also zu erwarten, dass die Branche wohlwissend frühzeitig die Preise hochdreht", gibt Fischer-Volk zu bedenken. "Je früher Familien sich also um den Sommerurlaub 2019 kümmern, desto besser."

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