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Inflation und Mini-Zinsen: Was das für Sparer bedeutet | MDR.DE

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Selbst nüchterne Wirtschaftswissenschaftler wählen für die derzeitige Situation große Worte. Der Vize-Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Oliver Holtemöller, spricht von einem "historischen Einschnitt" angesichts einer zuletzt zweistelligen Inflationsrate. "So hohe Inflationsraten hatten wir zuletzt mit westdeutschen Daten in den 1970er-Jahren", berichtet der Ökonom im Gespräch mit MDR AKTUELL.

Dramatisch sei die Lage zusätzlich, weil es keine Aussicht auf ein schnelles Ende der Preissteigerungen gebe. Im Gegenteil: "Da sich die Rohstoffpreise, insbesondere für Energie, weiter erhöht haben, müssen wir davon ausgehen, dass die Inflationsrate in den kommenden Monaten weiter steigen wird", erklärt Holtemöller.

Umkehr der Verhältnisse

Ähnlich geschichtsträchtig ordnet Joachim Ragnitz vom Dresdner Ifo-Institut die Entwicklung ein: "Wir haben eine völlige Umkehr der bisherigen Entwicklung. Über zwei Generationen waren wir an relativ niedrige Inflationsraten gewöhnt. Jetzt aber steigen die Preise rasant an." Das führe zu einer großen Verunsicherung bei den Menschen.

Verlust an Wohlstand und Kaufkraft

Inflation und Zinsen wirken sich jeweils auf sämtliche Geldgeschäfte aus. Viele Menschen fragen sich deshalb in dieser Situation, wie sie ihr Erspartes schützen oder vielleicht sogar trotzdem weiter Vermögen aufbauen können. Nach Ansicht der Experten ist beides extrem schwierig: "Die hohe Inflation führt zu Kaufkraftverlusten für jeden Einzelnen und zu einem Wohlstandsverlust für alle", sagt Joachim Ragnitz. "Ich sehe keine Möglichkeit, wie man sich vor diesem Kaufkraftverlust schützen kann bei den Ersparnissen."

Prinzip: "Wer streut, rutscht nicht"

Doch was bedeutet das konkret? Selbstverständlich gibt es kein Patentrezept. Doch auch in Zeiten der Inflation gilt zunächst ein Grundsatz. "Nicht alle Eier in einen Korb", beschreibt Holtemöller die oberste Regel. Es gilt die Anlagen zu diversifizieren, also auf verschieden Bausteine zu setzen.

Aktien halten oder sogar zukaufen

Selbstverständlich sei der Blick in die Depots für diejenigen, die bereits investiert hätten, momentan schmerzhaft, erklärt Isabell Scheidt weiter. Doch andersherum gedacht seien die Kurse nun definitiv bereinigt. "Jetzt ist die Zeit zum Einsteigen oder um das Depot zu ergänzen. Wer schon investiert hat, sollte jetzt halten und auch Sparpläne fortsetzen. Denn man hat in Hochzeiten zugekauft. Warum sollte man es jetzt nicht machen, wenn es billig ist?"

Madlen Müller, Finanzexpertin von der Verbaucherzentrale Sachsen, äußert sich hier vorsichtiger. Sie sagt: "Eine reine Aktienanlage ist sehr risikobehaftet und nur für einen kleinen Teil des Vermögens ratsam." Müller empfiehlt eine Anlage in kostengünstigen indexbasierten Aktienfonds (ETF). Diese seien grundsätzlich weniger risikoreich und auch als Altersvorsorge geeignet. Wichtig sei, sich über die genauen Kosten zu informieren, etwa für die Depotführung oder die Ausführung eines Sparplans.

Steigende Zinsen bei Festgeld erwartet

Im Sinne einer Anlagestrategie mit verschiedenen Säulen können Anleger nach Ansicht der Expertinnen auch auf Festgeld setzen. "Als Beimischung ist das immer richtig und gut", sagt Isabell Scheidt von der Sparkasse Apolda.

Sinkende Immobilienpreise, steigende Kreditzinsen

Viele Menschen legen ihr Geld nicht auf Konten, sondern in Form eines Eigenheims an. Inflation und Geldpolitik wirken sich auch hier stark aus. So haben sich etwa die Zinsen für Baukredite bereits stark erhöht. Sparkassen-Finanzberaterin Isabell Scheidt spürt das im täglichen Geschäft: "Wie vor einem halben Jahr verkaufen wir Immobilien nicht mehr. Wo wir damals 20 oder 30 Interessenten hatten, haben wir jetzt noch zwei oder drei. Das liegt natürlich daran, dass sie für einen Kredit die drei- oder vierfache Zinsrate bezahlen." Auch die Frage der Energiekosten spiele eine Rolle.

Die andere Seite der Medaille sind leicht sinkende Immobilienpreise in Folge der sinkenden Nachfrage. Doch die Preise müssten sich schon sehr stark reduzieren, um die gestiegenen Kreditzinsen auszugleichen. Hier ist der Anleger im Glück, der eine Immobilie ohne großen Kredit kaufen kann.

Comeback des Bausparens

Die steigenden Kreditzinsen können auch zum Problem für diejenigen werden, die noch eine Anschlussfinanzierung brauchen. Um hier Planungssicherheit herzustellen, sind Bausparverträge wieder eine Alternative. "Bausparen erlebt eine Renaissance", berichtet Isabell Scheidt. Der Vorteil der Verträge ist die Zinssicherung, die für eine relativ lange Zeit greift, wenn ich heute den Vertrag abschließe.

Die Verbraucherzentrale rät aber nur zu Bausparverträgen für ihren ursprünglichen Zweck, also als Bestandteil einer Immobilienfinanzierung. Als Anlage zum Vermögensaufbau seien die Verträge ungeeignet aufgrund hoher Gebühren und mickriger Zinsen in der Ansparphase.

Erholung nur über mehrere Jahre

Unterm Strich sind die Aussichten für Sparer trübe. Oliver Holtemöller vom IWH wirft einen Blick in die Glaskugel: "Wenn man sich orientiert an den großen Ölpreisschocks in den 1970ern, dann hat es dort jeweils mehrere Jahre gedauert, bis die privaten Konsumausgaben sich erholt haben." Ein bis drei Jahre werde die wirtschaftliche Entwicklung deutlich gedämpft sein.

Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden sieht das ähnlich. Selbst wenn die Inflation im nächsten oder übernächsten Jahr deutlich sinken würde, bliebe der Geldwert deutlich geschmälert, erklärt er: "Die Kaufkraft ist Futsch. Das lässt sich bei Löhnen und Einkommen nur über mehrere Jahre wieder ausgleichen."

Positiv: Keine Negativzinsen mehr

Immerhin eine positive Entwicklung für Sparer und alle Kontoinhaber gibt es: Banken und Sparkassen erheben aufgrund der gestiegenen Zinsen keine Verwahrentgelte mehr. Wie das Finanzvergleichsportal "Biallo" berichtet, haben inzwischen 98 Prozent der Institute die Negativzinsen abgeschafft.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL | 19. August 2022 | 10:00 Uhr

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