Dirk Kunde

Technologie-Journalist, Hamburg

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PAL-V: Abheben mit dem Flugauto

Palv 1

Prototyp Nr. 1 "Liberty" von PAL-V auf dem Genfer Autosalon

"Für den Wochenendausflug von Hamburg nach Sylt, oder stellen Sie sich vor, eine Fertigung steht still, und Sie können mit unserem PAL-V den Experten schnell einfliegen", nennt Markus Hess, Marketingchef von PAL-V, Einsatzmöglichkeiten für das Flugauto. Der PAL-V ist ein Gyrocopter, im Deutschen auch Tragschauber genannt. Spötter nennen ihn den fliegenden Holländer, weil das Unternehmen seinen Sitz in Raamsdonksveer bei Breda hat.

Auf dem Genfer Autosalon steht der Prototyp Nummer eins mit dem Namen Liberty. Direkt nach der Messe startet der Zulassungsprozess für die Luft und die Straße. "Der erste Kunde kann voraussichtlich Ende 2019 mit dem Liberty abheben", gibt sich Hess optimistisch. Das dreirädrige Flugauto erreicht mit seinem Benzinmotor bis zu 170 km/h auf der Straße. Der 100-Liter-Tank reicht für bis zu 1.400 Kilometer.

Das Flugauto PAL-V ist eine Mischung aus Auto und Gyrokopter. (Foto: Dirk Kunde)

In den Kurven neigt sich der PAL-V bis zu zehn Grad. Der Fahrer sieht dabei durch die Fenster in den Türen den Boden an sich vorbeirauschen. Das ist allemal interessanter, wenn man mit dem PAL-V fliegt. Das Akronym steht für Personal Air- und Land-Vehicle.

Die Rotorblätter und die Propellerflügel am Heck muss der Fahrer/Pilot manuell ausklappen, die restliche Verwandlung geschieht automatisch. In fünf Minuten wird aus dem Auto ein Gyrocopter. Dann dauert der Preflight-Check, ein Rundgang des Piloten, noch mal 15 Minuten, bevor der PAL-V abheben kann.

Das Flugauto braucht eine Landebahn

Zum Abheben benötigt man eine Strecke von rund 200 Metern, zum Landen nur rund 50 Meter. Der Pilot klappt beim Start das Lenkrad nach oben und zieht zwischen seinen Beinen einen Knüppel zu sich, genau wie in einem Flugzeug. Gestartet wird gegen den Wind. Ein zweiter Motor bringt den Rotor auf 150 Umdrehungen pro Minute, dann wird die Motorkraft auf den Heckpropeller umgeschaltet. Der Rotor dreht sich nun aufgrund des Gegenwindes. Bei 300 Umdrehungen hebt der PAL-V ab und der Heckpropeller sorgt für Vortrieb.

Das 664 Kilogramm schwere Flugauto bleibt mit einer Tankfüllung zwischen 400 und 550 Kilometer weit in der Luft, je nach dem, ob ein oder zwei Personen mitfliegen. Platz für Gepäck ist wenig, die Zuladung ist auf 20 Kilogramm begrenzt. Die maximale Fluggeschwindigkeit liegt bei 180 km/h. Für Sicherheit bei Ausfällen des Motors sorgt die Bauweise der Rotorblätter. Anders als bei einem Helikopter nutzen sie den Luftwiderstand, um den PAL-V sanft auf dem Boden aufsetzen zu lassen. Einen zusätzlichen Fallschirm gibt es nicht.

Während Flugobjekte wie Ehang 184, Lilium und Volocopter mittelfristig auf autonomes Fliegen setzen, benötigt der PAL-V einen Piloten. Heißt, der Besitzer muss einen Privatfliegerschein absolvieren. Das sind rund 40 Stunden in Navigation, Meteorologie, Aerodynamik und Instrumentenflug. "Doch das schreckt unsere Kaufinteressenten nicht", sagt Hess. Es lägen ausreichend Bestellungen vor, um die Produktion die ersten zwei Jahre auszulasten.

Getankt wird herkömmliches Benzin (95 ROZ) an der Tankstelle. Der PAL-V ist vier Meter lang, zwei Meter breit und 1,7 Meter hoch. Der Rotor hat eine Länge von 10,75 Metern. Das Monocoque besteht aus einer Stahl-Kohlefaser-Kombination. Stahl sorgt für Steifigkeit und schützt die Kabine bei leichten Unfällen auf der Straße. Risse in der Flugkabine würden die Flugtauglichkeit gefährden.

PAL-V fliegt sich eher wie ein Sportflugzeug

Anders als ein Helikopter kann der PAL-V weder senkrecht starten noch in der Luft stehen. Bleibt der Pilot im Flug über einem Punkt stehen, sinkt das Flugauto. Hess mag den PAL-V nicht mit einem Hubschrauber vergleichen, da er sich eher wie ein Sportflugzeug fliegen lasse. Ein Hubschrauber sei viel anspruchsvoller. Das gelte auch für den Unterhalt.

Der Betrieb eines PAL-V sei verglichen mit einem Hubschrauber um den Faktor acht günstiger. Die übrigen Konzepte neuer Flugobjekte setzen auf den Antrieb mit mehreren, kleinen Rotoren. Beim Genfer Autosalon zeigen Airbus und Audi ein Auto, bei dem sich vier Rotoren für den Flug aufs Dach setzen lassen. Beim Volocopter sind es 18, auf einen Ring oberhalb der Kabine montiert. Bei Lilium sind es schwenkbare Rotoren in den Tragflächen. Ein mit dem PAL-V vergleichbares Flugauto hat das slowakische Unternehmen Aeromobil im vergangenen Jahr auf der IAA präsentiert. Doch hierbei hebt das Auto mit ausklappbaren Tragflächen ab.

Das 2007 gegründete Unternehmen PAL-V wird von privaten Investoren und dem niederländischen Wirtschaftsministerium finanziert. Es beschäftigt rund 50 Mitarbeiter. Der deutsche Marketingexperte Hess kam 2014 dazu, weil er hier endlich seinen Traum vom Fliegen realisieren will, den Pilotenschein hat er bereits.

Die Bauteile für den PAL-V kommen aus ganz Europa, montiert werden sie in den Niederlanden. Eine Erstbestellerin kommt während auf den Genfer Messestand und lässt sich mit dem Liberty fotografieren. Hess unterbricht das Interview, um die Unternehmerin zu begrüßen. Sie muss 500.000 Euro für die voll ausgestatte Pionier-Version bezahlen. So werden die ersten 90 Exemplare des Flugautos verkauft. Danach wird es günstiger und startet bei 300.000 Euro.

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