Denis Gießler

Journalist und Student in Leipzig

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Ihr Smartphone funktioniert wie gehabt für die nächsten 90 Tage

Seit Mitte Mai darf Google mit Huawei keine Geschäfte mehr machen. Eine Ausnahmeregel wurde nun um weitere 90 Tage verlängert. Was heißt das für Nutzerinnen und Nutzer?

Alle Fragen im Überblick:

Warum endet die volle Unterstützung für Huawei-Smartphones doch nicht am 19. August?

Am 21. Mai 2019 hatte die US-Regierung Huawei und Google eine Gnadenfrist eingeräumt. Für 90 Tage galt eine Regelung, die es Google erlaubte, mit Huawei bis zum 19. August Geschäfte zu machen. Dabei ging es vor allem um die Versorgung bereits bestehender Huawei-Smartphones und den Betrieb von Mobilfunknetzwerken, die Huawei-Technik nutzen. Bis zum 19. August hätte Google Huawei-Smartphones mit Android-Updates und Sicherheitspatches versorgt. Am Stichtag verlängerte die US-Regierung die Ausnahmeregelung dann um weitere 90 Tage - und verschob das drohende Update-Aus.

Was passiert mit Huawai-Smartphones nach dem 19. August?

Wer schon ein Huawei- Smartphone besitzt, für den bleiben Google-Dienste wie der Play Store oder Gmail und Maps verfügbar - unabhängig von den Schonfristen. Apps sollen sich wie gehabt updaten lassen. Google Play Protect, das Nutzer vor Schadsoftware aus dem Play Store schützt, funktioniert ebenfalls weiterhin. Huawei erklärt ferner, dass Nutzer ihre Geräte problemlos auf die Werkseinstellungen zurücksetzen können - etwa weil etwas beschädigt ist -, ohne den Zugang zu Android-Diensten und dem Play Store zu verlieren. Denn alle auf dem Markt befindlichen Huawei-Geräte besitzen bereits eine Google-Lizenz und können diese auch nicht mehr verlieren, unabhängig von den US-Sanktionen.

Wegen der Verlängerung der Schonfrist bis Mitte November ändert sich für Huawei-Smartphones erst einmal nichts. Sicherheitsupdates und Bugfixes für das Betriebssystem Android stellt Google wie gehabt zur Verfügung. Nach Ablauf der 90 Tage im November wären Sicherheitsupdates und Bugfixes künftig aber erst später verfügbar als bislang. Das würde nicht nur für neue Geräte gelten, sondern auch für Smartphones, die bereits im Umlauf sind. Denn bei Sicherheitsupdates müsste Huawei künftig auf frei verfügbare Android-Software zurückgreifen, die das Android Open Source Project (AOSP) bereitstellt. Diese AOSP-Updates erscheinen aber immer erst einige Zeit nach der Google-Version.

Auch Updates für das Betriebssystem Android stünden Nutzerinnen und Nutzern künftig erst zur Verfügung, wenn AOSP sie veröffentlicht. Wegen der Ausnahmeregelung hatte das Unternehmen aus Shenzhen noch die Möglichkeit, die neue Androidversion 10 Q für bestimmte Geräte zu erwerben. Laut Hersteller sind das 17 Huawei-Smartphone-Modelle, darunter das Flaggschiff P30 Pro oder das 5G-Modell M 20 X. Dadurch, dass Huawei und Google nun länger zusammenarbeiten, bekommen voraussichtlich auch kommende Smartphones wie das Mate X die Android-Version 10 Q aufgespielt. Spätere Android-Versionen würden künftig länger auf sich warten lassen. Bis AOSP sie bereitstellt, blieben die Handys auf dem jetzigen Stand und neue Funktionen im Betriebssystem kämen ebenfalls nicht hinzu.

Was passiert mit neuen Huawei-Geräten?

Das ist aktuell noch unklar. Sollte es bei den Sanktionen bleiben, wären die langfristigen Folgen bei künftig erscheinenden Geräten erheblich. Google-Dienste wie der Play Store und Apps wie Gmail oder Maps wären wegen der fehlenden Lizenz voraussichtlich nicht mehr zugänglich. Nutzerinnen und Nutzer wären so gezwungen, sich ihre Anwendungen aus anderen Stores zu besorgen. Das chinesische Unternehmen könnte zwar noch die kleinere quelloffene Android-Version von AOSP nutzen. Darin enthalten sind aber keine lizenzpflichtigen Dienste und Apps wie der Play Store oder Gmail und Maps. Durch den Wegfall der Android Play Services würden Anwendungen zudem nicht mehr automatisch auf dem neuesten Stand gehalten. Google Play Protect entfiele ebenfalls. Die Geräte wären deutlich unsicherer.

Künftig erscheinende Huawei-Handys würden von ihren Besitzern deutlich mehr Wartungsaufwand erfordern, was für viele Kundinnen und Kunden unattraktiv wäre. Das träfe Huawei hart, da gerade in Europa Google-Dienste besonders beliebt sind. So nutzte im Mai 2019 laut dem Statistikportal Statista jede zweite Userin in Deutschland den Google-Chrome-Browser auf ihrem Smartphone.

Was sind Alternativen zum Google Play Store?

Huawei besitzt mit AppGallery eine hauseigene Alternative zum Google Play Store, die auf allen neueren Geräten vorinstalliert ist. Das Angebot beider unterscheidet sich aber erheblich, weil es AppGallery bis Anfang 2018 nur in China gab. Da Google, Facebook und WhatsApp in dem Land nicht verfügbar sind, fehlen sie in AppGallery. Stattdessen bekommen Nutzerinnen und Nutzer etwa das Chatprogramm WeChat in chinesischen Schriftzeichen angezeigt. Wer nach Netflix sucht, findet nur eine Netflorist-App. Hierzulande bekannte und in AppGallery verfügbare Apps sind maps.me, booking.com oder Amazon. Huawei buhlt aktuell bei Entwicklern, ihre Apps im eigenen Store anzubieten.

Eine Alternative zu AppGallery ist der quelloffene F-Droid-Store, der sich vor allem an Entwicklerinnen und Bastler richtet. Uptodown oder der Amazon App Store sind weitere Dienste, kommen aber nicht an den Umfang von Google heran. So oder so müssten sich Nutzerinnen und Nutzer von künftigen Huawei-Geräten wohl mehrere App-Stores installieren, um alle bisherigen Programme zu bekommen.

Kann sich Huaweis App-Store in Europa durchsetzen?

Aktuell ist das unwahrscheinlich, weil die beliebten Google-Dienste auf im Umlauf befindlichen Huawei-Geräten weiter funktionieren. Huawei-Nutzer sind daher nicht auf Huaweis App-Store angewiesen. Langfristig gesehen wird der Erfolg von AppGallery davon abhängen, ob App-Herstellerinnen ihre Programme anbieten, die auch in Deutschland und Europa beliebt sind. Und das werden sie nur tun, wenn genügend User im Store unterwegs sind. Denn um Apps dort verkaufen zu können, müssen die Entwickler beispielsweise ihre Abrechnungsmodelle und digitale Rechteverwaltung anpassen. Das benötigt Programmieraufwand, kostet Zeit und Geld.

Außerdem: In der Vergangenheit sind schon andere daran gescheitert, eine Alternative zum Google Play Store zu sein, etwa Microsoft oder Nokia. Fraglich ist zudem bislang, ob US-amerikanische Entwickler ihre Programme wegen der Sanktionen überhaupt in Huaweis AppGallery anbieten dürfen.

Trifft der Bann Huawei unvorbereitet?

Das nicht. Womöglich aber schwerer als ursprünglich angenommen. In einem internen Memo schrieb Huawei-Gründer Ren Zhengfei kürzlich, die Smartphone-Sparte stehe vor einem "schmerzhaften langen Marsch". In Europa hat Huawei laut dem Marktforschungsunternehmen Canalys im zweiten Quartal 2019 deutlich weniger Geräte verkauft. Von April bis Juni 2019 lieferte das Unternehmen nur noch 8,5 Millionen Smartphones aus, im Vorjahreszeitraum waren es noch 10,1 Millionen. Ob das an den Sanktionen liegt, ist nicht erwiesen, gilt aber als wahrscheinlich.

Um sich künftig von Google unabhängiger zu machen, ist seit geraumer Zeit ein eigenes Betriebssystem namens Harmony OS in Arbeit. Am 9. August wurde es auf der Entwicklerkonferenz HDC 2019 in China vorgestellt. Das Betriebssystem soll auf mehreren Geräteklassen wie Smartphones, Fernsehern, Smart-Home-Geräten und Autos laufen. Das ist komfortabel für Entwicklerinnen, die bislang ihre Software für einzelne Geräte wie Tablets oder Fernseher anpassen müssen. Auch Google entwickelt mit seinem Betriebssystem Fuchsia eine einheitliche Software für verschiedene Geräteklassen.

Laut Huawei soll Harmony OS quelloffen und mit Googles Android kompatibel sein, um so möglichst viele Entwickler anzusprechen. Vorerst wolle Huawei bei Android bleiben, solange es die politische Lage zulasse, hieß es weiter. Langfristig gesehen will das Unternehmen aus Shenzhen eine vollwertige Alternative zu Googles Android-System etablieren. Ein smarter Fernseher von Huaweis Tochterfirma Honor und ein erstes Smartphone mit Harmony sollen noch dieses Jahr auf den Markt kommen, beide Geräte allerdings vorerst nur in China. Laut eines Berichts der staatlich geführten chinesischen Zeitung Global Times fährt Huawei künftig zweigleisig: Smartphones wie das kommende Mate 30 oder das faltbare Mate X könnten dann mit quelloffener Android-Software vom Android Open Source Project erscheinen, sollen zur Sicherheit aber auch mit Harmony OS laufen.

Huawei würde sich mit Harmony OS unabhängiger machen von Google und einem unberechenbaren US-Präsidenten. Doch es ist unklar, ob das Betriebssystem auch außerhalb Chinas erfolgreich sein kann. Denn ähnlich wie bei Huaweis eigenem App Store wird es auf Harmony OS wegen der US-Sanktionen vermutlich keine Google-Dienste und Apps von US-amerikanischen Tech-Unternehmen wie Netflix geben. Viele Google-verwöhnte Kunden aus Europa dürfte das nach wie vor nicht überzeugen.

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