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Vielfalt im Stadion

Seit Anfang dieses Jahres läuft das Modellprojekt „Vielfalt im Stadion“ der Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFas). Sie untersucht queere Sichtbarkeiten in deutschen Fußballstadien und setzt sich das Ziel, mehr Diversität zu schaffen. Nun sind queere Fans eingeladen, von ihren Erfahrungen zu berichten
Fußball ist für viele Menschen ein Faszinosum, für andere eher ein Mysterium. Die wohl beliebteste Ballsportart der Welt ist nicht nur in Deutschland ein Kulturgut, und häufig sind es heterosexuelle cis Männer, die zu ihr eine große Leidenschaft pflegen. Dabei gibt es bekanntermaßen queere Fußballfans, die genauso ekstatisch die WM oder die Bundesliga im Stadion zelebrieren würden. 
Bloß, wo sind die? Und warum meiden viele von ihnen das Stadion? Eine qualitative Studie der Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS) soll nun im Rahmen des Modellprojekts „Vielfalt im Stadion“ erforschen, mit welchen Barrieren in puncto Teilhabe am Stadionspiel sich queere Fans in Deutschland konfrontiert sehen. Die Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen führen eine 90-minütige Befragung mit den Betroffenen durch. Die zugrunde liegende These: Die Zuschauer*innen im Stadion bilden nicht die Vielfalt der Gesellschaft ab.

Wissenschaftlerin: Fanbereich ist vielfältiger als die Vereine

Bereits Anfang 2020 startete das Projekt mit den Zielen, die Teilhabe an Fußballspielen zu ermöglichen und Barrieren abzubauen. Dr. Almut Sülzle, wissenschaftliche Mitarbeiterin der KoFaS, sieht beispielsweise bei den Einlasskontrollen Schwachstellen. Das getrennte Abtasten von Männern und Frauen stelle für einige queere Personen ein Problem dar. Trotzdem betont sie: „Der Fanbereich ist vielfältiger als die Vereine, Verbände und Mannschaften im Profisport.“ Damit widerspricht sie der von einigen angenommenen Unverträglichkeit von Queerness und Fußballkult. „Es gibt viele sichtbar queere Fans im Stadion, die sich dort sehr wohl fühlen, seit über zehn Jahren in queeren Fanclubs organisiert und im Vereinsleben integriert sind.“ 
Uwe Zühlsdorf vom schwul-lesbischen Fanclub Hertha-Junxx kann bezeugen, im Stadion ein zweites Zuhause gefunden zu haben. „Es gab zwar den einen oder anderen Spruch. Aber wir haben keine Probleme in der Fanszene“, so Zühlsdorf. Dennoch sieht er Handlungsbedarf, die Stadien einladender zu gestalten. „Es gibt einige Hardcore-Fans“, die LGBTI* nicht verstehen, meint er. Bei einem Spiel wurde dem bald 20-jährigen Hertha-Fanclub gar die Regenbogenfahne entrissen. Jedoch hat er die Erfahrung gemacht, dass sich nach intensiven Gesprächen die Stimmung lockerte. Zühlsdorf sieht eine zunehmende Öffnung der Fankultur. Dies soll die Studie ebenfalls untersuchen. Einerseits sollen deshalb zwar Fußballfans aus der LGBTI*-Szene befragt werden, die nicht ins Stadion gehen, aber eben auch queere Stadionbesucher*innen zu Wort kommen, die von ihren Erfahrungen berichten können. Mit der Studie möchte KoFas laut Homepage des Projekts „den Status quo von Homo- und Transfeindlichkeit im Stadion erheben“. Die Studie findet in Zusammenarbeit mit fünf Profivereinen statt, darunter Borussia Dortmund und VfL Wolfsburg.

Vielfalt in Stadion: Ergebnisse erscheinen im Sommer 2021

Die Ergebnisse erscheinen im Sommer 2021. Sie werden in den nächsten Jahren auf bestimmte „Modellstandorte“ angewendet, um Strategien für mehr Vielfalt zu entwickeln, so Sülzle. Des Weiteren sollen die Erfahrungen und Ergebnisse in einen Leitfaden münden, welcher Anwendung bei der Fußballeuropameisterschaft 2024 finden soll. Ziel: ein offeneres Klima in den Stadien. Uwe Zühlsdorf findet, beispielsweise eine Ansprechperson vor Ort gäbe Fußballfans aus der LGBTI*-Szene mehr Sicherheit. 
Queere Fußballfans, die an der Studie teilnehmen und von ihren Erfahrungen im Fußballstadion berichten wollen, können sich online anmelden.

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Artikel veröffentlicht in der Ausgabe Dezember 2020 der Siegessäule.

Quelle: Siegessäule

David Vilentchik

Berlin