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Kunst auf dem Schiff und Bürger auf den Barrikaden

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Feuilleton | 01.12.2014


Am Ende verdient immer Guggenheim: In Helsinki fällt morgen eine Vorentscheidung im Streit um die geplante Museums-Dependance, die aus Steuergeldern finanziert wird.

            KOPENHAGEN, im November

An einem Wintertag Anfang 2011 verkündete die amerikanische Solomon R. Guggenheim-Stiftung, in der finnischen Hauptstadt Helsinki eine Dependance ihres New Yorker Museums eröffnen zu wollen. „Finnland ist ohne Frage bereit für eine bedeutendere Rolle in der internationalen Kulturszene“, so Guggenheim-Direktor Richard Armstrong damals. Das Pressefoto zeigt, wie er und sein Vize Ari Wiseman zusammen mit den führenden Kulturpolitikern Helsinkis vergnügt mit Schneebällen Richtung Kamera zielen. Kurz darauf bekamen große Teile der lokalen Kulturszene den Eindruck, es mit einer ganz besonderen Art Schneeballsystem zu tun zu haben, bei dem nur einer gewinnt: die Guggenheim-Stiftung. Bei allen anderen wuchs der Verdacht, für ein umstrittenes Projekt zahlen zu müssen. 

„Die wollen ganz klar gemeinnützig aussehen, aber handeln wie ein Unternehmen“, sagt Kaarin Taipale, sozialdemokratisches Mitglied der Stadtregierung, Architektin und eine der größten Kritikerinnen des Projekts. 

Wenn irgendwo ein Guggenheim-Museum eröffnet werden soll, geht es vor allem um eins: Geld. Denn solch ein Haus verschenkt die Stiftung nicht. Stattdessen kassiert sie für Konzept, Programmgestaltung und Nutzung des Namens viele Millionen Euro. Im Gegenzug verspricht sie mehr Touristen und entsprechend steigende Einnahmen.

Im Fall Helsinki wurden bereits als Anfangsinvestition 150 Millionen Euro veranschlagt, von denen Guggenheim über zwanzig Millionen als Lizenzgebühr erhält. Die öffentliche Hand, Sponsoren und die erwarteten 550 000 Besucher im Jahr sollen diese Summe und die laufenden Kosten von dreizehn Millionen jährlich finanzieren, von denen Guggenheim bis zu einer Million erhält, dazu kommen mögliche Honorare für die Planung von Ausstellungen. 

„Die Dollars, die Guggenheim gewinnt, sind bekannt, verhandelt und durch Garantien abgesichert“, schreibt Peggy Deamer, Architekturprofessorin an der amerikanischen Yale Universität, in einem Beitrag für eine Publikation von OfficeUS, der Architektengruppe, die die Vereinigten Staaten auf der diesjährigen Venedig Biennale repräsentierten und selbst an dem Wettbewerb zum Neubau teilgenommen haben: „Finnland und Helsinki tragen das ganze Risiko.“ Für Ari Wiseman, der für Helsinki zuständige Vize-Direktor bei Guggenheim, liegen die Vorteile dagegen auf der Hand: „Das Haus wäre ein Investment, würde Touristen und Steuereinnahmen bringen.“ 

Zunächst einmal mussten aber Steuergelder investiert werden. Vernünftigerweise wollten die finnischen Politiker nämlich nicht entscheiden, bevor eine Machbarkeitsstudie vorlag. Die wollte und durfte Guggenheim in eigener Regie erstellen und bekam dafür von der Stadt sowie zwei finnischen Stiftungen 1,9 Millionen Euro. Nicht ganz überraschend kam das Papier zu dem Schluss, dass ein solches Museum „für beide Partner eine interessante Perspektive bieten würde“. Taipale zweifelte die Glaubwürdigkeit der Studie an. 

Das Museumsprojekt wurde in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Mit einer Stimme Mehrheit lehnte es die Stadtregierung im Mai 2012 zunächst sogar ab. Doch Guggenheim gab nicht auf, engagierte eine PR-Agentur, bekam lokale Unterstützer wie die Investorin und Sammlerin Rafaela Seppälä und gewann die Stadt dafür, ein Stück Land zu reservieren. Es folgte ein Architekturwettbewerb, bei dem 1715 Vorschläge eingingen. „Das zeigt doch schon, wie viel Aufmerksamkeit ein Guggenheim für Helsinki generieren kann“, sagt Wiseman. 

Eine Jury wählt derzeit die besten Entwürfe aus und wird diese am 2. Dezember präsentieren. Nach der Kür des Siegers im kommenden Sommer sollen die Politiker nochmals abstimmen. „Eine internationale Institution wie Guggenheim kann viel zur generellen Entwicklung der Stadt und speziell zur Internationalisierung beitragen“, sagt Jury-Mitglied und Kulturbürgermeisterin Ritva Viljanen.

Doch neben der begeisterten Bürgermeisterin gibt es noch Taipale und Bürger, die das Projekt weiterhin stoppen wollen. Vertreter der lokalen Kunstszene fordern, lieber die künstlerische Produktion neuer Werke zu fördern. Schließlich gibt es mit Kiasma, Ateneum und dem städtischen Kunstmuseum bereits drei international ausgerichtete Museen. 

„Wir haben keinen Bedarf für etwas, das es schon überall gibt. Stattdessen sollten wir uns bemühen, die neusten Tendenzen nach Finnland zu bringen“, so die freie Kuratorin Marita Muukkonen. Gemeinsam mit Künstlern brachte sie als Reaktion auf den Guggenheim-Vorschlag die Initiative „Checkpoint Helsinki“ auf den Weg, die mittlerweile auch finanzielle Unterstützung der Stadt erhält und Projekte organisiert. Vergangenes Jahr war das Fahrenheit 451 des türkischen Künstlers Ahmet Ögut, ein Feuerwehrwagen, der durch Helsinki fuhr und in Anspielung auf den gleichnamigen Roman ehemals zensierte Bücher unter die Leute brachte. „Wir wollen progressive Kunst zeigen, neue Arbeiten bestellen und die internationale mit der lokalen Szene in Dialog bringen“, sagt Terike Haapoja, die Finnland auf der letzten Venedig Biennale vertrat und eine der Hauptverantwortlichen bei Checkpoint Helsinki ist. Der Gegenentwurf trug dazu bei, dass die Diskussion sich intensivierte und Guggenheim Helsinki im ersten Anlauf von der Stadtregierung abgelehnt wurde. 

Um Touristen aus dem Ausland anzulocken, ist es im Stadtmarketing eine beliebte Strategie, auf eine starke Marke und ein markantes Bauwerk zu setzen – zum Beispiel ein von einem Stararchitekten entworfenes Guggenheim-Museum. So wie in Bilbao. Der Name der nordspanischen Hafenstadt fällt immer wieder, wenn es darum geht, Argumente für den Guggenheim-Neubau zu finden. Seit dort 1997 das von Frank Gehry entworfene Guggenheim-Museum eröffnete, geht es mit der einst armen und von Reisenden gemiedenen Stadt wieder aufwärts.

Wie viele andere Städte wünscht sich auch das am nordöstlichen Rande Westeuropas gelegene Helsinki mehr zahlungskräftige Übernachtungsgäste. Doch „was in Bilbao geschehen ist, kann nicht einfach auf andere Fälle übertragen werden. Damals wurde die Stadt wegen des Terrorismus gemieden, die Schifffahrt war als Wirtschaftsfaktor unbedeutend geworden, und es gab kein Museum für zeitgenössische Kunst“, wirft die spanische Kuratorin Chus Martínez ein. die damals die Ausstellungshalle Sala Rekalde in Bilbao leitete. Unter diesen Umständen sei das Guggenheim-Museum eine Bereicherung gewesen. Auch wenn der Aufschwung der Stadt heute, fast zwanzig Jahre später, vor allem mit dem amerikanischen Museum verbunden wird, sei dieses mehr ein Symbol dafür als der Auslöser. „Die Stadt hat damals viel mehr bekommen“, so Martínez mit Verweis auf die umfangreichen Infrastrukturinvestitionen, die oft ungenannt bleiben, wenn der Begriff „Bilbao-Effekt“ fällt, diesen aber mit hervorgerufen haben. Das räumt auch Wiseman ein. Dennoch wird Bilbao in der Studie der Guggenheim-Stiftung häufig als positives Beispiel erwähnt. Helsinki steht wirtschaftlich erheblich besser da als Bilbao und hat im Zusammenhang mit dem neuen Museum keine riesigen Infrastrukturprojekte geplant. 

Es sei denn, der Entwurf von OfficeUS gewinnt. Sie haben für den Wettbewerb in Helsinki die Marke „Guggenheim Cruises“ erfunden, ein Luxusliner-Unternehmer für gut betuchte Kunstreisende. Der Platz, der direkt am Wasser im Zentrum der finnischen Hauptstadt für den möglichen Museumsneubau angedacht ist, soll lediglich mit einem Guggenheim-Terminal bebaut werden. Das eigentliche Museum aber ist ein Kreuzfahrtschiff, das auf der Ostsee schippert.

Auch wenn sie Guggenheims Expansionsabsichten damit aufs Korn nehmen, möchte die Gruppe ihren Beitrag nicht nur als ironischen Kommentar verstanden wissen. „Wir würden dann auch noch in Tallinn und St. Petersburg Guggenheim-Terminals bauen wollen“, so Curtis Roth, einer der Architekten von OfficeUS. „Das Museum soll schließlich Touristen anlocken. Das Schiff bringt sie hin.“      

      Clemens Bomsdorf