1 Abo und 1 Abonnent
Artikel

Diese Frau will Island retten

Wr ap image 000739 m

Sie ist 37, versorgt eine achtköpfige Patchworkfamilie und möchte Präsidentin werden. Viele sehen in Thóra Arnórsdóttir das Symbol für Islands Sieg über die Krise.

Welt am Sonntag | 24.06.2012   


von Clemens Bomsdorf, Reykjavík   

Vielleicht wird auch Joachim Gauck einmal diesen Hindernislauf machen müssen: einen Slalomparcours aus Kunststoffbällen, Förmchen und Kinderfahrrädern; auf die Steinplatten sind mit bunter Kreide mehr oder weniger erkennbare Figuren gezeichnet. Die Kinder von Thóra Arnórsdóttir haben hier ihr Revier markiert. Drinnen geht es ähnlich unaufgeräumt weiter.


Hinge da nicht dieses Plakat im Fenster, es wäre einfach das Haus einer ganz normalen Patchworkfamilie, die wegen der sechs Kinder die alltägliche Aufräumarbeit ein wenig vernachlässigen muss. Da steht der Name der Hausherrin und darunter steht "zur Präsidentin von Island 2012". Arnórsdóttir ist eine der sechs Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen am Samstag kommender Woche. Und die einzige, die gegen Amtsinhaber Ólafur Ragnar Grímsson eine Chance hat.


"Wir stehen für einen Neuanfang, wir sind junge Menschen, die wissen, wie es ist, ein Alltagsleben zu führen. So jemanden möchten viele gern als Präsidentin haben", sagt Arnórsdóttir im Wohnzimmer auf der Couch sitzend, während ihre beiden ältesten Kinder im Raum herumtoben, sich mal neben sie setzen, mal am Tisch spielen. Als eines dem Gast in den heißen Kaffee pustet, gebietet Arnórsdóttir freundlich Einhalt und fährt dann unbeirrt fort: "Wenn wir gewinnen, wird die ganze Familie in die Residenz ziehen - mit Spielzeug und allem", sagt sie.


Zusammen mit Mann und drei gemeinsamen Kindern - das jüngste wurde erst im Mai geboren - wohnt die 37-Jährige in einem schlichten Reihenhaus in einem Vorort der Hauptstadt Reykjavík. Die Kellerwohnung ist vermietet, um den Hauskauf zu finanzieren. Alle paar Wochen wohnen auch noch bis zu drei der Kinder aus der ersten Partnerschaft ihres Mannes mit im Haus, das vielen für eine fünfköpfige Familie schon zu eng wäre.


Eine Kinderschar, ein Mann und ein Job als TV-Journalistin - das Leben von Arnórsdóttir war schon ziemlich erfüllt und sie war eine der bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten des Landes. Doch nachdem engagierte Bürger sie im Internet als aussichtsreichste Herausforderin gekürt hatten, ließ sie sich beurlauben und stieg, damals noch hochschwanger, in die Politik ein.


Bis vor wenigen Wochen sah es so aus, als würde die Quereinsteigerin locker gewinnen. Doch dann schmiss Amtsinhaber Grímsson seine Wahlkampfmaschine an, polterte gegen das politische Establishment, zu dem er selber lange gehörte, und gegen die Herausforderin, die doch nur von den Medien inszeniert werde. Nun ist wieder alles offen. Derzeit erhält Grímsson in Umfragen gut 45 Prozent der Stimmen und Arnórsdóttir gut 40. Kürzlich war es noch umgekehrt. "Wenn ich gewinne, möchte ich das Land die Grabenkämpfe überwinden", sagt sie. "Ich will den Leuten zeigen, dass Island zwar Probleme hat, die aber gemeinsam lösbar sind."


Ihr Rivale Grímsson ist schon seit 16 Jahren im Amt. Einst gehörte er einer linken Partei an, die in den Sozialdemokraten aufging. Mittlerweile hat er sich mit der gesamten politischen Klasse überworfen. Seine Herausforderin hingegen war, von einer sozialdemokratischen Episode in ihrer Studentenzeit abgesehen, nie politisch aktiv, stammt aber aus einer Politikerfamilie. "Ich sehe mich nicht als Politikerin, weil das Präsidentenamt für mich kein politisches ist", erklärt Arnórsdóttir. "Es geht darum, das ganze Volk zu vertreten." Während Grímsson strikt gegen Islands mögliche Mitgliedschaft in der EU ist, legt sich Arnórsdóttir nicht fest. Sie habe keine wirklichen Standpunkte, sagen Kritiker.


Grímsson hingegen werden Starrsinn, Selbstgerechtigkeit und Verachtung des Parlaments vorgeworfen. Doch seine Fans sehen in ihm einen Volkshelden und den ruhenden Pol in einer turbulenten Zeit. Arnórsdóttir werden derweil Show-Gehabe und Selbstdarstellung unterstellt. Für Sympathisanten steht sie für Offenheit, Authentizität und frischen Wind in der Politik. Mit 37 Jahren ist sie jung (in Deutschland beträgt das Mindestalter für das höchste Staatsamt 40 Jahre), und mit ihrer Patchworkfamilie kennt sie die Lebenswirklichkeit vieler Menschen ihrer Generation. "Wir wissen, wie teuer es an der Supermarktkasse seit der Krise geworden ist", sagt Arnórsdóttir nachdrücklich. "Und wir wissen, was es bedeutet, ständig Rechnungen bezahlen zu müssen."


Das klingt, als wolle sie dem Amtsinhaber seinen angeheirateten Reichtum vorwerfen. Dessen Frau Dorrit Moussaieff stammt aus einer sehr wohlhabenden britisch-israelischen Juweliersdynastie. Das habe sie nicht gemeint, sagt Arnórsdóttir. Doch sie ist zu klug, um Vieldeutigkeiten zu übersehen. Im Gespräch merkt man ihr an, wie sie ihre Antworten, ihre Wirkung kalkuliert. Ihre Lacher wirken häufig aufgesetzt wie bei einem Moderator im Frühstücksfernsehen. Das passt nicht zu ihrer Botschaft.


Island war das erste Land, das im Zuge der Finanzkrise kurz vor dem Zusammenbruch stand. Von einem Tag auf den anderen wurden im Oktober 2008 die größten Banken verstaatlicht, Geld für eine Rettung fehlte und der damalige Ministerpräsident Geir Haarde sah keine andere Möglichkeit mehr als auf höhere Mächte zu setzen. "Gott schütze Island", schloss er damals seine Rede zur hoffnungslosen Lage der Nation und ihrer 320.000 Einwohner. Danach ging es bergab. Die isländische Krone verlor rapide an Wert, Importe verdoppelten sich im Preis. Der ehemals so bedeutende Finanzsektor wurde zu einer Belastung für das Land, die Staatsschulden schnellten nach oben ebenso wie die Arbeitslosigkeit.


Damals, als noch so gut wie niemand an Griechenland oder Spanien dachte, stand der kleine Inselstaat im Nordatlantik vor dem Staatsbankrott. Heute, dreieinhalb Jahre später, sieht es viel besser aus. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote ist auf knapp unter fünf Prozent gefallen.


"Island geht es erstaunlich gut", sagt Ingólfur Bender, Chefvolkswirt der Islandsbanki. "Das Wachstum ist stark und anhaltend. Wenn wir bedenken, wie hart es uns getroffen hatte, sollten wir glücklich sein. Natürlich war unsere Situation anders als in Griechenland, weil wir vor der Krise so gut wie keine Staatsschulden hatten und unsere Institutionen besser funktionieren, etwa das Steuersystem."


Doch das Leben vieler Isländer wurde durch die Krise auf den Kopf gestellt. Und Tausende leben immer noch in Not, haben ihren Job verloren und sind völlig überschuldet. Arnórsdóttir und ihr Mann zählen nicht dazu. "Wir hatten Glück. Wegen der vielen Kinder hatten wir keine Möglichkeit, in den Boomjahren an einen teuren Hauskauf zu denken. Das ging erst danach", sagt sie. Die Kandidatin gehört zu jenen, die sich auf einmal ganz anders für die Gesellschaft engagieren als zuvor.


Das isländische Staatsoberhaupt hat wie das deutsche vor allem repräsentative Aufgaben. Allerdings gibt die Verfassung ihm die Möglichkeit, vom Parlament beschlossene Gesetze nicht zu unterzeichnen, sondern für ein Referendum an das Volk zu überweisen - so wie es Grímsson tat, als die Regierung einen teuren Vergleich mit Großbritannien über die Aufteilung des Schadens aus der Pleite der Icesave-Bank ausgehandelt hatte, gegen den die Bevölkerung Sturm lief.


Während Grímsson angekündigt hat, von dieser Möglichkeit zunehmend Gebrauch zu machen, will Arnórsdóttir, dass solche Schritte eine Ausnahme bleiben. Kritiker befürchten, Grímsson wolle zum zentralen Machtfaktor aufsteigen und das Parlament entmachten. Andererseits hat Grímsson es immer wieder geschafft, im Laufe der Krise die Botschaft von einem stabilen Island in internationalen Medien zu transportieren. Herausforderin Arnórsdóttir meint, sie habe auch viel Erfahrung im Umgang mit internationalen Größen. Schließlich habe sie viele internationale Besucher Islands interviewt. Fragt man aber nach Namen, gerät sie ins Schwimmen und kann nur den Präsidenten Litauens nennen.


Trotz ihrer politischen Unerfahrenheit hat sie Sympathien bei Bürgern, die in der Krise begonnen haben, sich zu engagieren. Zu ihnen gehört Birgitta Jónsdóttir. Als Aktivistin wurde sie ins Parlament gewählt und nun hofft sie, dass das bürgerliche Engagement weiter Schule macht. "Politik sollten nicht nur Leute machen, denen es allein um Machterhalt geht, also Berufspolitiker, sondern auch Menschen wie du und ich", sagt sie. Seiteneinsteiger könnten viel voranbringen, ebenso mehr direkte Demokratie. Aber ob diese ausgeübt wird, darüber solle nicht der Präsident entscheiden. "Das Internet birgt viele Möglichkeiten für Mitbestimmung, das zeigen auch die Piratenparteien in Europa. Es liegt an uns Bürgern, aus der Krise wieder herauszukommen und zukünftig so etwas zu verhindern", so Jónsdóttir.


Auch Egozentriker wie Grímsson könnten dann aus der Mode kommen. So werden die Rufe nach einer Verfassungsänderung laut, wonach der Präsident nicht willkürlich Referenden ansetzen und nicht mehr als zweimal wiedergewählt werden können soll.

Zum Original