Wismars Gründungszeit [4]

von Claudia Wendt

Wismar wurde zwischen 1226 und 1229 gegründet und nach dem aqua wissemara benannt. Die Stadt veränderte sich durch die Bevölkerung und innere Konflikte. Sie war von Anfang an eine Handels- und Exportstadt, die zahlreiche Privilegien genoss.
Historischer Kontext
Wismars Gründungszeit war die Feudalzeit. Aufgrund der Besiedelung deutscher Volksstämme entstand das deutsche Volk und daraus ein Feudalstaat. In der Zeit gab es zahlreiche Stadtgründungen. In den Städten etablierte sich das Städtebürgertum. Weltliche und geistliche Feudalherren regierten und strebten nach Macht, was sich in etlichen Eroberungskriegen äußerte. Krieg führten die Regierenden gegen die Nachbarvölker, allen voran die slawischen Stämme. Ihr Herrschaftsgebiet lag zwischen Elbe, Saale und Oder. Die Expansion nach Osten ließ sich von ihnen nicht aufhalten. Das deutsche Volk eroberte das Gebiet und verleibte sich die slawischen Stämme ein.
Obodriten und Slawen
Die Stadt Wismar gründeten man um die Mitte des zwölften Jahrhunderts. Deutsche Feudalherren, ihre Bediensteten, Bauern, Handwerker und Kaufleute besiedelten die nordwestslawischen Gebiete. Früher lebten dort die Obodriten. Die Ostexpansion des deutschen Volkes und innere Machtkämpfe während der Entstehung des Obodritenstaates, zerstörten viele slawische Siedlungen. Die slawische Bevölkerung tötete oder vertrieb man. Der slawische Adel war bestrebt, seine Machtposition zu behaupten und verbündete sich mit den deutschen Feudalherren. Sie initiierten die Einwanderung deutscher Bauern, sowie die Förderung und Niederlassung der Handwerker und Kaufleute. 1178-1227 herrschte Fürst Borwin, unter dessen Herrschaft ein feudaler Territorialstaat der Obodriten entstand. Der Staat gliederte sich in Vogteien und verschiedene Burganlagen, die das Land sicherten. Der Landesfürst förderte die Gründung von Klöstern, Dörfern und Städten. Wismar verdankt seine Entstehung großteils ihm.


Die Stadtgründung
Die Stadtgründung Wismars war zwischen 1226 und 1229. 1229 erwähnte eine Urkunde erstmals die Stadt. Die Namensgebung erfolgte nach dem Bach aqua Wissemara. Dieser mündete östlich der Stadt in die Ostsee. Man benannte die Stadt nach Altwismar, welches dem Ursprungsnamen Ort des Vysěmêr oder Visemêr entstammte. Der Name entwickelte sich 1167 zu Wissemara aqua, mit der Bedeutung: Aue bei Wismar. In portu, qui Wisemer dicitur weist auf auf die Namensgebung hin: „Im Hafen, der angeblich Wisemer genannt wird“. 1229 war der Name Wyssemaria. Er formte sich 1230 zu Wissemaria. 1237 bis 1246 ist der Name Wismaria nachweisbar. 1250 bildete sich der Name zu stad to der Wissemare.

In Paul Kühnels Text über slawische Ortsnahmen in Mecklenburg findet sich folgender Eintrag:
Alt=Wismar (Mühle, O), 1260, 1266 antiqua Wismaria, "Ort des Vysěmêr oder Visemêr", davon Wissemara aqua 1167 (Aue bei Wismar), in portu, qui Wisemer dicitur 1171 (altsl. vysŭ hoch, vyšij höher P, čech. vyšemir, poln. wyszemierz, oder vĭsĭ all P, s. vsemir) adj. poss. §. 17: (Bach) des Vyšemêr oder Visemêr .
Wismar, Stadt (deutsche Gründung im W. des Mühlbachs), 1229 Wyssemaria, 1230 Wissemaria, 1237, 1246 Wismaria, 1250 stad to der Wissemare, nach Alt=Wismar benannt.
Aqua Wissemara
Die Stadt Wismar
Der historische Stadtkern
Die Stadt Wismar gründete sich um vorhandene Siedlungen herum. Eine davon war das Dorf Altwismar. Das Dorf lag 1 km östlich vom Marktplatz und war eine Kaufmannssiedlung. Sie hatte ihre Lage, wo die heutige Nicolaikirche steht. Die Straßenführung lässt erkennen, dass die Stadtkonstruktion nach einem Plan erfolgte. Die Marktplatzfläche betrug mehr als 1 ha. Ursprünglich grenzte er an das Schiff der Marienkirche. Er fungierte als Zentrum von Handel und Verkehr. 1238 musste die Stadt westlich der Altstadt erweitert werden. Bis 1250 errichtete man eine Neustadt. Die Fläche vergrößerte sich bis auf das heutige St. Georgen. Damit fand Entstehung des mittelalterlichen Stadtkernes ihr Ende.
Das Fürstenschloss
Der mecklenburgischen Fürsten hatte seinen Herrschaftssitz auf dem Weberkamp. Der Weberkamp erstreckte sich vom altwismarschen Tor bis zum Mecklenburger Tor. Dorthin verlegte der Fürst 1257 seinen herrschaftlichen Sitz, da Wismar stark an Bedeutung gewann. Sein neuer Herrschaftssitz lag innerhalb der Stadtmauern. Das Fürstentum Mecklenburg bestand aus nordwestlichen Teilen des späteren Herzogtums Mecklenburg-Schwerin. 1358 verlor Wismar seine Stellung der fürstlichen Residenzstadt.
Die Stadterweiterung
Um die Handelsstärke auszubauen, kaufte die Stadt Höfe und Dörfer in unmittelbarer Umgebung auf. 1260 erwarb Wismar die Stadt Vinekendorf und das Hafffeld, das vor dem Poeler Tor liegt. 1266 leistete sie sich Liepz, um Wiesen und Weiden des Hafens zu vergrößern. 1277 erlangte die Stadt Dorstellen vor dem Altswismartor. 1279 erweiterte sich das Stadtgebiet um Dargetzow. 1300 wandelten sich Krukow, die Köppernitzmühle, die Mühle vor dem Altwismartor und der Mühlenteich zu städtischem Besitz. 1379 kaufte Wismar die Stadt Cismerstorp, die vor dem Poeler Tor lag. Dabei handelt es sich um das heutige Müggenburg. 1383 ergänzten der Hof und das Dorf Cessin vor dem Mecklenburger Tor das Stadtgebiet. Die städtische Feldmark teilte man in Ackerlose auf, welche man unter den Bürgern verloste.
Das Stadtsiegel
Das älteste Stadtsiegel stammt aus dem Jahre 1256. Ein Weiteres entstammt dem Jahre 1354. Die Siegel bilden eine Kogge mit einem Stierkopf ab, was Wismars Zugehörigkeit zu Mecklenburg bezeugt. 1266 änderte sich das Stadtsiegel, weil Heinrich der Pilger, der Landfürst, lübisches Recht für Wismar geltend machte. Wismar gehörte zum Fürstentum Mecklenburg, das später zum Herzogtum wurde.

Siegel der Hansestadt Wismar 1256
Das lübische Recht
Nach lübischen Recht teilte man die Herrschaftsgewalt der Stadt in drei Teile. Der Vogt trat als Vertreter des Landesherren auf. Die zweite Machtposition übernahm der Rat und die dritte Position, die Bürgerschaft. Nach der Wismarer Stadtgründung fanden die Handwerker ihren Platz im Stadtrat. Mit der Einführung der lübischen Ordnung verloren sie ihre Ratsfähigkeit. Der Rat stand unter der Aufsicht des Vogtes, der das Stadtregiment leitete. Er verantwortete die niedere und höhere Gerichtsbarkeit und erließ Willküren, städtische Rechtsnormen. Erste städtische Urkunden stellten der landesherrliche Vogt und der Rat gemeinsam aus. Der Landesfürst in Wismar behielt wesentliche Rechte, wie die niedere Gerichtsbarkeit, das Münzrecht und Anderes. Die Stadt blieb damit von ihm abhängig.
Der Kampf gegen die Stadtherren
Der Konflikt zwischen der bürgerlichen Mittelschicht und den Patriziern verschärfte sich dadurch, dass z. B. die Handwerker nicht ratsfähig waren und vom Stadtregiment ausgeschlossen waren. Um gegen die Stadtherren vorgehen zu können, schlossen sich Stätte Bürger zu Gemeinschaften zusammen, die man Kommunen nannte. Es kam zu Kämpfen zwischen Feudalherren und dem Bürgertum innerhalb der Stadt. Kommunebewegungen entstanden. Man strebte die Überwindung des feudalen Stadtregiments, den Abbau der Bindungen an den Landesherren und die Aufstellung einer eigenen städtischen Gerichtsbarkeit an. Man zielte auf die Einrichtung eigener Verwaltungsorgane ab, um die Bedingungen für Handel und Handwerk zu verbessern. Ende des 13. Jahrhunderts schränkte das Wismarer Bürgertum die Macht des landesherrlichen Vogts ein. Dieser übernahm nur eine symbolische, repräsentative Regierungsgewalt. Die fürstliche Burg kaufte man für 6000 lübischen Mark auf. Mit dem Erfolg gegen die feudalen Stadtherren erwarb der Stadtrat die Berechtigung, diese abzureißen. Wismars Stadtrat stellte innerhalb der Stadtmauern ein Grundstück zur Errichtung eines unbefestigten Fürstenhofes zur Verfügung.
Stadtmauer und Tore von Wismar
1276 errichtete man eine Stadtmauer mit Wall und Graben, um die Stadt von der landesfürstlichen Burg zu trennen. Sie lag ab diesem Zeitpunkt außerhalb der Stadtmauer. Die Stadtmauer war 3,5-4 m hoch. Mauertürme und Wachhäuser verstärkten sie. Fünf Stadttore führten aus Wismar heraus: das lübsche Tor, das Mecklenburger Tor, das Altwismartor, das Poeler Tor und das große Wassertor.
Die Bevölkerung
Das älteste Stadtbuch weist nach, dass ein Großteil der ersten Einwohner der Stadt aus Mecklenburg stammte. Weitere kamen aus Niedersachsen, Friesland, Westfalen, Holstein und Lauenburg. Minderheiten bildeten Einwohner aus Holland, Flandern, der Altmark, der Prignitz, aus Schleswig und Dänemark. 1238 standen in der Altstadt die beiden Kirchspiele St. Marien und Sand Nicolai. Die Bevölkerung von Wismar stieg rapide an. Wismars Bevölkerung lag bei 5000 Einwohnern. Das Kirchspiel nannte man Pfarrsprengel oder Kirchsprengel genannt. Es bezeichnete eine Kirche und den zuständigen Pfarrer. Bürger in Wismar besaßen innerhalb der Stadtmauern ein Haus, eine Wohnbude oder ein Grundstück. Ein Bürgerprivileg bestand darin, unter der Verlosung der Acker teilnehmen zu dürfen. Wer einen Acker nutzte verpflichtete sich zur Pachtzahlung, die pro Ackerlos 1 lybische Mark betrug. Ackerbauern, die man Bauersleute nannte, mit einem privaten Grundbesitz zahlten die Bede, eine Grundsteuer. Bürger und Einwohner entrichteten den Schoß, die Vermögensteuer. Später kam die Akzise, eine Verbrauchssteuer dazu. Die Stadt legte sie auf festgelegte Lebensmittel und Güter.
Die Gebäude
Die Häuser Wismars bestanden aus Holz. Wohnhäuser errichtete man aus Holzverband mit Lehmwänden. Einige Häuser konstruierte man aus Stein. 1267 gab es einen Großbrand in der Stadt, der über die Hälfte der Wohnhäuser vernichtete. Anschließend begann man Wohngebäude aus Backsteinen zu bauen. Die Gebäude bezeichnete man als Häuser, Buden und Wohnkeller. Die Häuser konstruiert man mit einem Obergeschoss und einen Giebel. Buden bestanden nur aus einem Erdgeschoss. Der Konflikt zwischen der bürgerlichen Mittelschicht und den Patriziern verschärfte sich dadurch, dass z. B. die Handwerker nicht ratsfähig waren und vom Stadtregiment ausgeschlossen waren. Unmittelbar an der Stadt errichtete man im Auftrag von Fürst Johann von Mecklenburg eine Burg, auf dem Weberkamp. Die Stadtmauer setzte sich aus Pfahlwerk, mit Wall und Graben zusammen. 1474 gab es in Wismar 1478 Wohnungen in Buden und Kellern. Zu dieser Zeit gab es nur 577 Wohnhäuser.
Die Wirtschaftsgrundlage der Stadt
Wismar liegt geografisch am südöstlichen Ende eines tiefen Meereinschnittes, der Mecklenburger Bucht, was den Seehandel begünstigte. Die Stadt lag in der Nähe alter Handelsstraßen und stellte damit mühelos eine Verbindung zu anderen Handelszentren her. Wismar entwickelte sich von Anfang an als Fernhandels- und Exportstadt. Der Handel mit Salz, Getreide, Wolle, Wollstoffen (Feinlaken), Leinwänden, Fischen, Häuten und Pelzen florierte. Der dänische König verlieh der Stadt Wismar die gleichen Privilegien wie Lübeck. Die mecklenburgischen Landesfürsten und andere Städte begünstigten Wismar ebenfalls, was Handel und gewerbliche Produktion förderte. Wismar handelte mit England, Norwegen, Flandern, Dänemark, Schonen, preußische und niederländische Städte und Häfen. Wismars Markt erweiterte sich zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert, in dem es Dörfer und Höfe aus unmittelbarer Umgebung aufkaufte.

Quellen:

Lisch, Georg Christian Friedich: Geschichte der früstlichen Residenz-Schlösser zu Wismar, Schwerin und Gadebusch. In: Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde. Schwerin 1840.

Kühnel, Paul: Die slavischen Ortsnamen in Meklenburg. In: Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 46, 1881.

Rat der Stadt Wismar (Hrsg.): Wismar 1229-1979. Beiträge zur Geschichte einer Stadt. Rostock 1979.

 

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