Ein Schlag ins Kontor
Fast ein ganzes Jahr ließen sie sich Zeit. Nun haben die obersten Finanzbehörden der Länder entschieden. Eine Pauschalmargenbesteuerung für Galeristen und Kunsthändler nach französischem Vorbild soll es in Deutschland nicht geben.
Es ist kein Weihnachtsgeschenk, dass die Länderfinanzminister dem deutschen Kunsthandel nun auf den Gabentisch gelegt haben: die Durchführungsverordnung zur 30-prozentigen Pauschalmargenbesteuerung, auf die Galeristen und Händler seit fast zwölf Monaten gewartet haben. Zwar ist das neue Gesetz, das der Bund als Kompensation für den Verlust der ermäßigten Mehrwertsteuer im Sommer 2013 beschlossen hatte, schon seit Januar 2014 in Kraft. Es konnte aber nicht rechtssicher angewendet werden, weil die obersten Finanzbehörden der Länder sich nicht mit der kunsthandelsfreundlichen Regelung anfreunden konnten, die dem Gesetzgeber mit Blick auf die EU-konforme französische Praxis vorschwebte.
Nun ist das heiß ersehnte Papier endlich da, allerdings in einer restriktiven Auslegung, wie es sich niemand gewünscht hat. Nach den ursprünglichen Vorstellungen des Gesetzgebers sollten Galeristen und Händler pauschal 30 Prozent des Umsatzes der Mehrwertsteuer unterwerfen, wenn sie extensive Vermarktungsanstrengungen zu schultern haben (z.B. Ausstellungen, Publikationen, Messen, Gutachten) und sie den Einkaufspreis nicht mehr ermitteln können oder dieser unbedeutend ist. Frankreich lieferte dafür das Vorbild.
Pauschalmarge nur im Ausnahmefall
Der jetzt vorliegende Erlass erkennt die besonderen Vermarktungsanstrengungen der Branche nicht als Voraussetzung zur Anwendung der Pauschalmarge an. Außerdem besagt er, dass nur Einkaufspreise unter 500 Euro netto als unbedeutend gelten dürfen. Als nicht ermittelbar sollen Einkaufspreise nur im Ausnahmefall akzeptiert werden. „In Fällen, in denen der Unternehmer den ermittelbaren Einkaufspreis nicht aufgezeichnet hat oder die Nichtermittelbarkeit des Einkaufspreises nicht darlegen kann“, erfolge die Preisermittlung „im Wege einer sachgerechten Schätzung“, heißt es in dem zehnseitigen Papier.
Unter dem Strich wird die Pauschalmarge wie im Briefmarkenhandel nur für die im Kunsthandel seltenen Konvoluteinkäufe oder für Gegenstände aus einem Nachlass oder einer Sammlung anwendbar sein, bei denen der Einkaufspreis der einzelnen Gegenstände nicht mehr ermittelt werden kann. Beim Kommissionsgeschäft zwischen Künstler und Galeristen ist die Pauschalmarge nicht anwendbar, da es ja eine Rechnung des Künstlers gibt. Der Galerist trägt die Aufwendungen für die Vermarktungsanstrengungen.
„Damit fällt Deutschland gegenüber Frankreich weit zurück“, resümiert der Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler in einem ersten Brief an seine Mitglieder. Die französischen Regelungen, die in der deutschen Gesetzesbegründung klar als Vorbild genannt seien, würden von der hiesigen Finanzverwaltung ignoriert.
Spielräume nicht genutzt
„Im Prinzip haben die Finanzbehörden der Länder alles getan, um die vom Gesetzgeber vorgesehenen Gestaltungsmöglichkeiten auszuhebeln“, sagt Birgit Maria Sturm, Geschäftsführerin des BVDG. Dabei standen die Vorzeichen für eine gute Lösung zuletzt nicht schlecht. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte Anfang Dezember bei dem Vorsitzenden der Finanzministerkonferenz, den nordrhein-westfälischen Finanzminister Norbert Walter-Borjans, für eine Verständigung auf einen Anwendungserlass im Sinne der bundesgesetzlichen Regelung geworben. Außerdem hatte EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici Ende November in einer Antwort auf eine parlamentarische Frage zum Ausdruck gebracht, dass die Mitgliedstaaten kompensierende Mechanismen außerhalb der Mehrwertsteuer-Richtlinie vorsehen könnten, wenn sie die nötigen Voraussetzungen beachten, und er hatte in diesem Zusammenhang Kunstwerke explizit genannt.
Galeristen und Händler werden zukünftig differenzbesteuert abrechnen, auch wenn sie im Primärmarkt tätig sind und Kommissionsgeschäfte in Zusammenarbeit mit Künstlern durchführen.
Der Kampf geht weiter
Im neuen Jahr will sich der BVDG weiterhin für eine kunstmarktfreundliche Lösung auf EU-Ebene einsetzen. „Wir fordern, was selbst die uneinsichtigsten Länderfinanzminister in Aussicht gestellt haben: die jetzt getroffene Entscheidung gegen die Pauschalmarge zu überdenken, wenn die französischen Regelungen einer europarechtlichen Überprüfung standhalten.“ Der Kampf ist also noch nicht beendet.
Als Beobachter und Bürger eines Rechtsstaats wundert man sich, wie weit sich die auf Länderebene durchgeführte Ausgestaltung eines Gesetzes von der Zielsetzung des auf Bundesebene beschlossenen Gesetzes entfernen kann.
Online erschienen am 19.12.2014
Christiane E. Fricke
Christiane E. Fricke
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Kurz-Biographie
Studium der Kunstgeschichte, Germanistik, Christlichen und Klassischen Archäologie in Würzburg und Bonn
1994 Promotion im Fach Kunstgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit einer Arbeit über die Fernseh- und Videogalerie Gerry Schum (Verlag Peter Lang 1996)
Seit 1983 Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Büchern zu den Fachgebieten Kunst, Kunstmarkt, Medienkunst und Fotografie
1983/84, 1990 bis 1992 Werkverträge mit dem Kunstmuseum Bonn und dem Museum für Moderne Kunst, Frankfurt (MMK)
Seit 1988 als freie Journalistin in Bonn tätig u.a. für: General-Anzeiger Bonn, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Photonews, Kunstforum International, Eikon, Springerin und Weltkunst
Seit 1999 freie Redakteurin für Print beim Handelsblatt, seit 2009 für Online
2004 bis 2009 verantwortlich für den Handelsblatt-Newsletter "Kunstmarkt-News"
2010 Beirat Ausstellungsprojekt "Record Again! 40jahrevideokunst.de Teil 2", ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
2011 bis 2015 Vorstand der Sektion Kunst, Markt und Recht der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).
2012 Konzept (Ausstellung), Lay-out und Text (Katalog): „Aufbrüche. Bilder aus Deutschland“, Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen
2012 Idee, Konzept, Organisation (verantwortlich) der DGPh-Tagung „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“, Wolfsburg
2013 Herausgeberin des Buches „Der Gang der Dinge“, erschienen im Fruehwerk Verlag, Berlin u.a.
2014 The Birth of a Questionable Market – Dealing in Photography in the Nineteen-Seventies, Photo Researcher, European Society for the history of photography, No. 22
Mitgliedschaften
Videonale e.V., Bonn
Gesellschaft Photo Archiv e.V., Bonn
Deutsche Gesellschaft für Photographie, Köln (DGPh)
Ausgewählte Publikationen
Neue Medien, Künstlerische Ausdrucksformen jenseits der traditionellen Gattungen, in: Kunst des 20. Jahrhunderts, Bd. II, Malerei, Skulpturen und Objekte, Neue Medien, Fotografie, Köln (Benedikt Taschen Verlag) 1998, S. 577-619 (u.a. in engl. und franz. Übers.)
Takako Saito „A C D K L M N Q R U V Y Z“ (Künstlerporträt/Monographie), in: Kunstforum International, Bd.139, Dez. 1997/März 1998, S. 301-319
Idee Themenband „Dialog und Infiltration. Wissenschaftliche Strategien in der Kunst“, Kunstforum International März-April 1999; Konzept, Redaktion, Texte (in Zusammenarbeit mit Jürgen Raap)
„Alle Bewegungsmomente in der Hand – Alfred Ehrhardt und der Kulturfilm“, in: Alfred Ehrhardt, hrsg. v. Christine Hopfengart, Kunsthalle Bremen, und Christiane Stahl, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2001, S.29-37 (Katalog zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen und im Kunstmuseum Bonn 2001)
„Eine Sehhilfe für König Midas. Strategische Grenzüberschreitungen an der Schwelle von Kunst und Leben und Wissenschaft und Ökologie“, in: Nana Petzet: System SBF. Inventarisation der Sammlung. Metainventur. Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2003, S.5-12
Beiträge in: 40jahrevideokunst.de Teil 1 (2006), ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (u.a.)
„Wir waren mittendrin“ – Vier museale Videoband-Kollektionen in Deutschland“, in: Schweizer Video-Kunst der 1970er und 1980er Jahre. Eine Rekonstruktion. Hg. Irene Schubiger, AktiveArchive, Bundesamt für Kultur, Kunstmuseum Luzern, JRP/Ringier 2009, S.170-177
Konzept, Redaktion: Sonderheft „Der Markt für Fotografie“, Photonews September 2009
Konzept und Redaktion: „Kunst und Geld“, Weltkunst-Special, März 2009
Beiträge in: Record Again! 40jahrevideokunst.de Teil 2, ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe u.a., 2010
Schwerpunkt-Berichterstattung zum Kunstfälscherfall Beltracchi im Handelsblatt seit 2010
Herausgeberin der Tagungspublikation „Der Gang der Dinge. Welche Zukunft haben photographische Archive und Nachlässe?“, 29./30. Juni 2012, Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh), Köln 2013, Fruehwerk Verlag, Berlin u.a. 2013
„Bilder, die zu uns sprechen“, in: Kat. Aufbrüche – Bilder aus Deutschland, Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2013, S. 7-15
Birth of a Questionable Market – Dealing in Photography in the Nineteen-Seventies, in: Photo Researcher, European Society for the history of photography, No. 22/2014, P. 84-93
Auftraggeber
Deutsche Gesellschaft für Photographie e.V. (DGPh) , Handelsblatt , Kunstforum International , Photonews , Weltkunst
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