Öffentliche Verkehrsmittel - ein Spiegelbild Wiens' Rassismus?
Ich habe das Gefühl, dass sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Rassismus der Wiener*innen und die momentane politische Lage widerspiegelt.
Ich finde, durch das Aufgeben seines Sitzplatzes in öffentlichen Verkehrsmitteln zeigt sich am deutlichsten, welcher Wert einem Menschen zugeschrieben wird. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Wenn eine ältere, weiße Frau in die Straßenbahn kommt, stehen schon eher mehrere Menschen auf. Betritt eine ältere Frau mit Kopftuch das Abteil, stehen bloß vereinzelt Menschen auf, meist jene, die selber Migrationshintergrund haben. Ich habe aber auch schon öfters miterlebt, dass keiner aufgestanden ist. Es scheint mir, als gäbe es eine unausgesprochene Rangliste, für wen man in den Wiener Linien seinen Platz aufgibt:
Platz 1: dünne, weiße, alte Frau = „Die Herrscherin der Sitzplätze“
Platz 2: dünner, alter, weißer Mann = „Der Ersatz-Herrscher“
Platz 3: blonde, weiße, schwangere Frau = „Die Heilige Frau“
Platz 4: verletzte, weiße, Personen = „Der leidende Christus“
In Vergleich dazu stehen Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund und BIPoCs, die die letzten Plätze belegen:
Vorvorletzter Platz: alte Frau mit Kopftuch = „Für die steht ja ihr Macho-Mann daheim auch nicht auf“
Vorletzter Platz: Schwangere, migrantische Frau = „Wie viele Kinder will sie noch haben?“
Letzter Platz: Migrantischer Mann mit einem gebrochenen Bein = „Hat sicher wen überfallen“
Diese betroffenen Menschen trauen sich meist gar nicht, das Fehlverhalten anzusprechen und den Platz, der ihnen zusteht, einzufordern. Wie oft haben Sie eine ältere Frau mit Kopftuch in der U-Bahn schimpfen gehört, weil ihr niemand einen Sitzplatz angeboten hat? Und jetzt denken Sie mal daran, wie oft Sie, allein weil Sie Ehrfurcht vor dem Keppeln der alten, weißen Frau hatten, selber aufgesprungen sind, sobald Sie die U-Bahn betreten hat.
„Bitte seien Sie achtsam: Andere brauchen Ihren Sitzplatz vielleicht notwendiger“, hallt es zwar oft durch die U-Bahn, aber anscheinend brauchen Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund den Sitzplatz nicht so notwendig, wie autochthone Österreicher*innen.
Nicht nur, dass auf sie nicht mit Rücksicht begegnet wird, sie haben auch mit verurteilenden Blicken und verbalen Aggressionen zu rechnen. Ein Mann mit Dialekt telefoniert lautstark in der Straßenbahn – niemand schert sich darum. Ein Mann telefoniert auf Türkisch – Todesblicke von allen Seiten. Es ist kein Zufall, dass viele rassistische Übergriffe, die Anti-Diskriminierungsstellen wie „Zara“ gemeldet werden, in den öffentlichen Verkehrsmitteln stattfinden. „Wiener Grant“, sagen dann viele verharmlosend dazu, Wiener Rassismus, nenne ich das.
Ich habe das Gefühl, seit die Blauen wieder am Aufstieg sind und auch andere Parteien immer weiter nach rechts rücken, ist der Rassismus im Alltag salonfähiger geworden. Ein Phänomen, das man auch in den 2000ern mit Haider an der Regierungsspitze beobachten konnte.
„Als die FPÖ an die Regierung kam, waren auch Veränderungen in der Öffentlichkeit spürbar. Ich setzte mich in den Bus und wurde zur Zielscheibe von verbaler Aggression und niemand konterte“, erzählt meine Mutter.
Ich versuche – soweit ich kann – immer Zivilcourage bei rassistischen Vorfällen in den Öffis zu zeigen, weil das Gefühl, dass alle gegen dich sind, ein wirklich bedrückendes Gefühl ist. Außerdem kann es sehr beängstigend wirken. Du bist jetzt für die nächsten Minuten mit dieser Person in einem geschlossenen Raum gefangen. Deswegen setzte ich mich sehr oft zu den Betroffenen, um ihnen ein Gefühl von Sicherheit zu geben bzw. nähere ich mich und vermittle der Betroffenen, dass sie nicht alleine ist. In den paaren Minuten wird man eine*n Rassist*in nicht über seine*ihre Taten aufklären können. Ich gehe deshalb nicht auf Diskussionen ein, sondern bitte die rassistische Person zu gehen und lasse sie verstehen, dass das Verhalten nicht in Ordnung ist. In dem Moment, wo jemand nicht auf deren Seite ist, fühlen sich meist die Täter*innen fehl am Platz und gehen.
Wenn niemand etwas sagt, wirkt es auf die betroffene Person wie auch für den*die Täter*in, als würden alle der rassistischen Person schweigend zustimmen. Ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Aber in dem Moment kommt es einem so vor. Zivilcourage zu zeigen, ist eines der schönsten Gefühle für die betroffene Person wie auch für einen selber – also macht es! (Soweit ihr euch dadurch selbst nicht in Gefahr bringt.)
Celeste-Sarah Ilkanaev
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