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Straßenmusiker: Musik in der Bahn - das nervt doch total, oder?

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Mit seinem Saxofon zaubert Victor ein Lächeln auf die Gesichter von Ehefrau Cristina und Tochter Lorena - nur Antonia muss er noch überzeugen. Foto: Mauricio Bustamante

Musiker in S-Bahnen polarisieren: Die Bahn unterstellt ihnen sogar „organisierte Bettelei". Hinz&Künztler Victor hat lange in Zügen musiziert und danach um Geld gebeten. Er spiele Saxofon, um die Familie ernähren - und aus Liebe zur Musik.


Es ist vielleicht nicht allzu wohnlich in Victors und Cristinas Harburger Zuhause. Aber es fehlt auch nichts: ein Schrank, ein Bett, ein Tisch mit Stühlen. Nebenan ein Schlafsofa, der Röhrenfernseher steht auf dem Fußboden. Nichts liegt herum, keine Zeitungen, keine Bücher. Und Spielzeug für die beiden Kinder gibt es hier kaum. Den Teppich im Wohnzimmer hat Vater Victor letztes Weihnachten besorgt und auf das Laminat gelegt, damit die kleine Antonia nicht auf dem kalten Fußboden krabbeln muss. „Ich kaufe nichts für mich, nur für die Kinder", sagt Victor. Und man nimmt es ihm ab.


Es ist das karge Heim einer Familie, die bis vor Kurzem davon lebte, in Hamburgs S-Bahnen Musik zu machen und die Fahrgäste dafür um Spenden zu bitten. Meistens in der Linie S1 auf dem Weg zum Flughafen - die Touristen dort seien am spendabelsten, erzählt Victor. 20 Euro hat er mit Musizieren an einem Abend verdient. Wenn es gut lief, auch mal 30 Euro und an einem Vormittag am Wochenende sogar bis zu 60 Euro. Davon muss er die Miete bezahlen und den Strom. „Dann kaufen wir Essen und Windeln", sagt der 27-Jährige. „Danach ist das Geld weg."


Victor hat Diabetes - aber keine Krankenversicherung

Und trotzdem muss es eigentlich für noch mehr reichen. Victor holt eine kleine Tasche aus dem Schrank und zeigt den Inhalt vor: Spritzen und verschiedene Ampullen. Seit sieben Jahren hat er Diabetes, muss sich jeden Tag mehrmals Insulin spritzen. Tut er das nicht, kann es schnell gefährlich werden. 150 Euro kosten die Medikamente im Monat - eine Krankenversicherung hat er nicht. Und deshalb reicht dafür das Geld oft nicht. „Deswegen immer nur wenig Insulin", sagt Victor. „Das ist nicht gut." Er ist dann noch häufiger völlig erschöpft und gestresst, als er es durch die Krankheit ohnehin oft ist.


Er spielt Saxofon, und das ist für den Rumänen mehr als nur ein Job. Manchmal ist es sogar Medizin: „Wenn ich Musik spiele, ist mein Stress weg", sagt Victor. „Ich liebe Musik! Sie ist sehr gut für mich." Wie um das zu beweisen, holt er das Saxofon aus dem Schrank und wirft den kleinen Verstärker an, mit dem er sonst durch die Waggons der S-Bahn tingelt. Das Gerät gibt den Takt vor, und Victor spielt ein flottes Lied auf seinem Instrument. Dann legt er es beiseite und nimmt die Melodica zur Hand. Die Augen seiner fünfjährigen Tochter Lorena fangen an zu leuchten, Ehefrau Cristina grinst.


Eine richtige Musikerfamilie: Auch Victors Vater, sein Bruder und sein Onkel spielen Saxofon. Der Bruder hat sogar ein Engagement in einem Amsterdamer Jazzclub. „So gut bin ich leider nicht", sagt Victor. Aber zum Geldverdienen reicht es, wenn auch nur in der S-Bahn. Dafür war das Ehepaar vor vier Jahren extra nach Hamburg gekommen: Im Internet hatten sie gesehen, dass es hier S- und U-Bahnen gibt. Besser als vom gelegentlichen Taxifahren in Rumänien leben zu müssen, würde das sicher sein, dachten sie.


Doch die musikalischen Darbietungen gefallen längst nicht allen. Wir merken das immer wieder, wenn wir über dieses Thema berichten. Manche unserer Leser haben Verständnis für die Musiker, andere freuen sich über die Darbietungen - aber viele sind auch genervt. „Diese ätzende Musik ist echt zum Kotzen", schrieb uns zum Beispiel ein Leser. Ein anderer mokierte sich über das „sehr aggressive Bettelverhalten" der Musiker. Laut S-Bahn häufen sich die Beschwerden von Fahrgästen.


Victor schätzt, dass 80 Prozent des Publikums ihm gegenüber positiv gestimmt sind. Aber manche seien krank oder müde und deswegen nicht in der Stimmung für laute Musik. „Ich weiß das, aber ich muss Geld für meine Kinder verdienen", sagt er dazu achselzuckend. Wenn ihn jemand darum bittet, würde er das Musizieren auch einstellen und den Wagen wechseln. Manchmal würden die Fahrgäste aber auch gleich handgreiflich werden: „Einige haben mich im Zug geschlagen", berichtet er. Bislang nahm er das in Kauf.


Musizieren und Betteln verboten

Ob den Fahrgästen die Musik gefällt oder nicht - ohne Sondergenehmigung verstoßen die Musiker gegen die Beförderungsbedingungen. „Fahrgästen ist insbesondere untersagt, in den Fahrzeugen oder auf den Betriebsanlagen zu musizieren oder zu betteln", heißt es beim Hamburger Verkehrsverbund (HVV), zu dem die S-Bahn gehört.


Victor holt einen ganzen Batzen Tagestickets hervor - um zu zeigen, dass er nicht schwarzfährt. Daneben legt er einen Brief der Hochbahnwache, die ein erhöhtes Beförderungsentgelt von ihm fordert. Denn die Tagestickets würden immer wieder von Kontrolleuren konfisziert, behauptet er. Kollegen von ihm berichten uns ebenfalls von solchen Fällen. Kann das stimmen?


Wir fragen beim HVV nach. „Unser Sicherheitspersonal handelt korrekt", antwortet Unternehmenssprecher Rainer Vohl. Tatsächlich werden Fahrkarten laut den HVV-Regeln bei Verstößen ungültig und können eingezogen werden. Für Victor ist das ein echtes Problem: Noch bis 2022 müsse er die Strafen abstottern, so hoch ist sein Schuldenberg schon gewachsen.


Verstöße gegen die Beförderungsbedingungen zu ahnden, ist das eine. Doch die Deutsche Bahn, wiederum Betreiber der Hamburger S-Bahn, bezichtigt Straßenmusiker wie Victor recht pauschal der „organisierten Bettelei". In ihrer Kundenzeitung „S-Info" und auf Flugblättern fordert sie ihre Fahrgäste dazu auf, den Musikern kein Geld zu geben. „Durch Geldgaben werden die Musizierenden nur dazu verleitet, noch öfter in den Zügen aufzutreten", heißt es in dem Flugblatt. Und weiter: „So wird der Hamburger Nahverkehr unattraktiv für organisierte Bettelei, und das Reisen bleibt für alle angenehm."

Ein schwerer Vorwurf: Die Musiker würden oft gar nicht nur für ihr eigenes Auskommen, sondern für dubiose Organisationen im Hintergrund arbeiten. Das wäre organisierte Kriminalität. Victor weist die Vorwürfe strikt zurück: „Ich habe keinen Chef!", sagt er mit Nachdruck. „Es gibt auch keine Musiker-Mafia." Jedenfalls wisse er davon nichts. Und andere S-Bahn-Musiker, die ebenfalls allein für sich arbeiten, kennt er inzwischen eine Menge.

Wie kommt die Bahn zu ihrer Einschätzung? „Aufgrund der Erfahrungen und Zusammenarbeit mit den ermittelnden Behörden hat sich gezeigt, dass oft hinter den ‚Musikern' eine Organisation steht", begründet Bahn-Sprecher Egbert Meyer- Lovis die Kampagne. Wir fragen die zuständige Bundespolizei und die Hamburger Staatsanwaltschaft. Beide haben keine solchen Erkenntnisse über eine mögliche Musiker-Mafia in den S-Bahnen. Auf erneute Nachfrage weicht die Bahn aus.


Victor reicht es inzwischen. Zusätzlich zum ständigen Ärger plagen ihn Rückenschmerzen vom Tragen der Instrumente. Erst mal hat er das Saxofon deswegen schweren Herzens an den Nagel gehängt: „Für mich bedeutet Musik alles, ich liebe sie", betont er. „Aber ich habe immer Ärger. Das bedeutet Stress, und ich bin krank." Seine Familie hält sich nun mit dem Verkauf von Hinz&Kunzt über Wasser - wenn das möglich ist.

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